Der grosse böse Wolf und seine Göttin – Bezimena von Nina Bunjevac

Übersetzt aus dem kanadischen Englisch von Benjamin Mildner

Nicht mancher Graphic Novel ist so explizit. Nicht mancher ist dermassen detailliert gezeichnet und radikal in seinen Stoffen. In grossflächigen, detailverliebten Bildern erzählt Nina Bunjevac von sexueller Gewalt und bösen Wölfen.

Der grosse böse Wolf und seine Göttin

Die Wucht des Bandes schlägt sich bereits in Gewicht und Format des Buches selbst nieder. Grossformatig und über ein Kilo schwer liegt es vor einem. Zu diesem Zeitpunkt weiss man noch nicht, dass die Wucht des Buches selbst rein gar nichts ist, verglichen mit seiner Geschichte. Bezimena erzählt die Geschichte von Benny, einem Sonderling, der im örtlichen Zoo eines Tages ein Tagebuch entdeckt. Die erotischen Zeichnungen darin entfachen nicht nur seine Fantasie, sie wecken ihn zu Taten auf.

Bevor wir auf die fantastischen Zeichnungen und die plastische Realitätsnähe der schwarzen und weissen Striche zu sprechen kommen oder den eigentümlichen Blickwinkel der Erzählung genauer beleuchten, müssen wir uns mit dem zugrundeliegenden Mythos des Graphic Novels beschäftigen. Der Band sei eine Adaption der Sage von Artemis und Siproites, so die Pressmaterialien und das Buch selbst. Diese Sage ist ein eher obskurer Teil der griechischen Mythologie und ist nur fragmentarisch und in unterschiedlichen Auslegungsarten überliefert. Je nach Quelle besagt die Sage, dass Siproites Artemis nackt beim Baden gesehen hat oder, dass er versucht hatte sie zu vergewaltigen. Einig sind sich die Quellen einzig darin, dass Artemis Siproites nach seinem Vergehen zu einer Frau verwandelt hat.

Bezimena von Nina Bunjevac.

Und anhand dieser Adaption der Sage zeigt sich auch das grosse Problem des Bandes: Bezimena will in seinen Anspielungen komplexer, cleverer und bedeutungsschwangerer sein, als es der Band dann tatsächlich ist. Nebst der “Adaption” hat es viele weitere Anspielungen und Verweise, sowohl popkulturell als auch mythologisch angehaucht, im Ganzen sind die Verweise aber selten clever und meist so unscharf, dass damit alles und nichts gesagt werden könnte. Natürlich, Artemis kann als Projektionsfigur verstanden werden, die immer wieder für verschiedenste (männliche) Fantasien und Zuschreibungen hinhalten musste, sei es als Jungfrau, Rächerin, Göttin der Jagd usw. Im Band wird diese Projektion durch die Hauptfigur Benny vollzogen, der sein Verlangen auf eine Frau projiziert. Denn Benny als moderner Siproites sieht nur, was er sehen will. Er ist der böse Wolf, der Jagd auf die Göttin der Jagd machen will. Damit löst sich aber der zugrundeliegende Mythos nicht auf, denn in Bezimena wird der durch Artemis herbeigeführte Geschlechtswechsel von Siproites als reiner Perspektiventausch ausgelegt und die vielen weiteren Motive (sexuelle Gewalt, Rache, Strafe etc.) werden allerhöchstens dargestellt, aber nicht reflektiert.

Bezimena von Nina Bunjevac.

Die Darstellungen von Bennys Verlangen (und schlussendlich dann Taten) sind äusserst explizit bis hin zu schwer aushaltbar. Bunjevac zeichnet die Perspektive eines Sexual- und Gewaltverbrechers radikal nach. Sie macht damit, was gute Literatur auszeichnet. Eine unbekannte Perspektive wird eingenommen und mit Erkenntnisgewinn neu dargelegt. Die grosse Stärke dieses Bandes ist es, die eingenommene Perspektive in aller Radikalität auszumalen und nachzuzeichnen. Das ist stellenweise hart an der Grenze, aber in seiner ganzen Gewalt sehr geschickt gemacht. Herausragendstes Merkmal der Graphic Novel sind sicherlich die Zeichnungen. Bunjevac zeichnet nicht in Kästen, wie dies in Comics klassischerweise geschieht, sondern mit einem grossen Bild pro Doppelseite. Die ganz in schwarz-weiss gehaltenen, ganzseitigen Zeichnungen, haben eine plastische Qualität und wirken beinahe fotorealistisch in ihrer Detailversessenheit. Schattiert sind sie durch einen eigenwilligen Punkt-Stil, der den Zeichnungen eine eigene Note verpasst. Auf der Bildebene überzeugt Bezimena in vollem Masse.

Bezimena ist eine Graphic Novel, die erzählerisch zu viel will. Es soll an die griechische Mythologie angeknüpft werden, Filme visuell zitiert werden und auch die Pop-Kultur soll noch eingeflochten sein. Das ist zu viel, die Verweise sind zu ungenau, zu schwammig und zu wenig clever, als dass das ambitionierte Erzählprogramm aufgehen könnte. So bleibt ein Werk, das auf der Bildebene vollends überzeugt und hart an der Grenze seiner radikalen Erzählperspektive folgt. Ein wuchtiges Werk, trotz erzählerischer Schwächen.

Bezimena von Nina Bunjevac

Nina Bunjevac: Bezimena.

Aus dem kanadischen Englisch von Benjamin Mildner.

Originalveröffentlichung 2018.

224 Seiten.

Avant.

Webseite zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (schwarz) · fadengeheftet · grosses Format, schweres Papier

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