Bungalow von Helene Hegemann

Nick Lüthi

Mein letzter Hegemann liegt einiges zurück, das war nämlich ihr Debüt von 2010 Axolotl Roadkill. Damals las ich Axolotol Roadkill, weils wahnsinnig gehypt war und auch, weil mich fasziniert hatte, dass eine so junge Autorin (und ausserdem gleich alt wie ich), so gut schreiben kann. Axolotl war aber auch wahnsinnig überschrieben, mühsam zu lesen in seiner Wortgewalt. Ich wand mich also mit einiger Vorfreude aber auch gewissen Reservationen der Lektüre von Bungalow zu.

Bungalow handelt von Charlie, einer Ich-Erzählerin Mitte zwanzig, die uns in Retrospektive von Ihrer Kindheit und Jugend in einer Vorortsiedlung erzählt. Charlie lebt mit ihrer saufenden Mutter im Betonblock mit bestem Blick auf die benachbarte Bungalowsiedlung, in welche in ihrem zwölften Lebensjahr ein Ehepaar zieht. Die ganze Geschichte spielt in einem dystopischen Deutschland, einer hoffnungslosen Welt.

Nach dem ersten gelesenen Kapitel waren meine Gedanken schnell zu Punkt gebracht: Schreiben kann Helene Hegemann immer noch. Von ihrer Sprachgewalt hat sie nichts eingebüsst. Aber, jetzt kommen leisere und feine Töne dazu. Charlie als Erzählerin, ist eine sehr feine Beobachterin, die immer wieder faszinierende Dinge aufgreift. Somit tauchen immer wieder Beobachtungen auf wie etwa die von einer Frau, die während ihres Herzinfarktes, aus lauter Pflichtbewusstsein, weiter das Fliegenklebeband aufhängt und dann stirbt. Immer wieder wird die Erzählung gespickt von solchen kleinen, feinen Beobachtungen. Und, das hat mich am meisten gefreut, überschrieben wie bei Axolotl ist hier fast nichts. Der Stil von damals wurde in eine zugänglichere Form verpackt und begeistert um so mehr. Es wird nicht mehr nur geschrien, es darf auch geflüstert werden. (Geschrien wird natürlich trotzdem noch zur Genüge.)

Am meisten beeindruckt hat mich die Bindung von Charlie zu ihrer Mutter. Die Mutter, als starke Alkoholikerin, ist Charlie kein Rückhalt. Angst und Furcht vor der fremden Frau, die die eigene Mutter sein soll und der Mutter, dem Wesen bei dem Charlie als erstes Zuflucht und Liebe sucht, wechseln sich in beeindruckender Manier ab. Hier wird mit dringlichem Blick das Leben von jemandem beschrieben, der einerseits nichts hat, andererseits auch noch als Kind einer Suchtkranken aufwächst und all den damit einhergehenden Problemen.

Das dystopische Deutschland, in welchem die Geschichte spielt, hält dem Seelenleben der Protagonistin immer wieder den Spiegel vor, und refklektiert im Grossen, was im Kleinen schon kaputt gegangen ist. Auch die Nachbarn, die eine schwer zu fassende Faszination auf Charlie ausüben, sind eine grosse Projektionsfläche und meist dem Verlauf der Geschichte entgegengesetzt. Meist sind sie abweisend, reagieren auch Charlies Annäherungsversuche aber selten mit Distanz. Eher mit Verwunderung und Misstrauen.

Bungalow ist ein sehr gutes Buch, welches gerade auch seiner feinen Töne wegen zu überzeugen weiss. Die kleine Apokalypse eines Seelenlebens, spiegelt sich hier im Grossen eines ganzen Landes.

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