Café Krane von Cora Sandel

Übersetzt aus dem Norwegischen von Birgitta Kicherer

Nick Lüthi

Café Krane von Cora Sandel

Im Roman Café Krane nimmt das gleichnamige Kaffeehaus eine zentrale Rolle ein, die darin erzählte Handlung spielt an einem einzigen Wochenende in diesem Café. Das Café Krane ist ein Kaffeehaus, wie es in so mancher norwegischen Kleinstadt in den 1920er Jahren hätte stehen können. Geführt wird es vom Ehepaar Krane, man trifft sich gerne dort, es ist gemütlich, ruhig und bietet der ganzen Gemeinschaft einen willkommenen Sammelpunkt. Auch die beste Schneiderin im Dorf, Katinka Stordal, sitzt gerne im Café. Zu gerne. Eigentlich hat sie alle Hände voll zu tun und sollte Kleider für den anstehenden Ball fertigstellen. Am frühen Samstagmorgen trifft man sie aber Portwein trinkend im Café Krane. In der eng verzahnten Gemeinschaft der Kleinstadt kommt dies natürlich einem Skandal gleich. Gerade, wenn man die finanzielle Lage der geschiedenen Katinka mit ihren beiden fast erwachsenen Kindern bedenkt.

In der Folge erzählt der Roman von diesem gesellschaftlichen Skandal und allen wichtigen Figuren der Stadt, die sich im Café das Maul darüber zerreissen. Der Untertitel Interieur mit Figuren trifft dabei dessen Essenz vollumfänglich. Eine an einen Ort gebundene Handlung mit wechselnder Figurenkonstellation. Stellenweise muss man sich fragen, warum dieser Roman überhaupt ein Roman ist. In seiner Wirkung und der Einheit von Ort und Zeit wirkt er wie ein Theaterstück. Erzählt wird konsequent aus dem Blickwinkel der drei im Café arbeitenden Frauen, die alle Geschehnisse und Gespräche mehr oder weniger offensichtlich verfolgen und belauschen. Die Abfolge der Figuren und die Dramatik der Situation ist fein komponiert und spitzt sich gelegentlich zu. Gerade wenn Frau Krane als Inhaberin um ihren guten Ruf fürchtet und versucht, den Skandal gezielt zu lenken, nimmt die Spannung zu. Gepaart wird die fein komponierte Dramaturgie mit genauen und pointierten Dialogen.

Viel spannender als der Aufbau ist aber der Skandal um Katinka Stordal. Diese tut notabene nichts Schlimmes. Sie sitzt in einem Café, trinkt Alkohol und unterhält sich mit einem Mann. Als geschiedene Frau an einem Wochenende. Wahrlich nichts Verwerfliches. Aber, dieses Verhalten entspricht nicht den gesellschaftlichen Erwartungen. Auch die Erzählstimme nimmt eine verurteilende Haltung ein, scheint im tadelnden Ton eines kolloquialen Wir der Gemeinschaft zu sprechen. Und dieses Wir verurteilt Katinka Stordal. Faul und unsittlich sei sie. Dieser Skandal färbt natürlich auch auf das Café Krane ab, da hier eine Bürgerpflicht verletzt zu sein scheint.

Sollte Frau Krane noch einmal einen solchen Mangel an Urteilsvermögen erkennen lassen, kommt für ihre Gäste selbstverständlich nur eine Reaktion infrage: aufstehen und das Lokal ein für alle Mal verlassen.

Cora Sandel: Café Krane, S. 13.

Der Einzige, der Katinka Stordal nicht verurteilt und ihre berechtigten Anliegen ernst nimmt, ist Hut-Svenne, der Mann, mit dem sie sich unterhält. Dieser Svenne ist aber natürlich selbst auch ein Aussenseiter, sonst könnte er sich ja nicht der Gemeinschaft entgegenstellen. Im Roman liegt emanzipatorische Kraft, den im Kern geht es um eine Frau, die keine Lust mehr hat, den rigiden Moralvorstellungen einer Gesellschaft zu entsprechen. Für diesen Protest reicht es schon aus, an einem Samstag in einem Café zu sitzen, etwas zu trinken und mit einem Mann zu sprechen.

Diese Akte weiblicher Rebellion ziehen sich durch das Werk von Cora Sandel (1880-1974). Trotz dieser Motive in ihrem Werk hat Sandel, die eigentlich Sara Fabricius hiess, zeitlebens unter Pseudonym veröffentlicht. Sie gilt als eine zentrale norwegische Autorin des 20. Jahrhunderts. Bekannt ist sie vor allem für die Alberta-Trilogie, die in den 60er Jahren auf Deutsch übersetzt wurde, mittlerweile aber nur noch antiquarisch erhältlich sind. Der 1945 veröffentlichte Roman Café Krane ist mit dieser Ausgabe erstmals auf Deutsch verfügbar. Übertragen aus dem Norwegischen wurde er von Birgitta Kicherer, die die feinen Dialoge und die verurteilende Erzählstimme in ein reissendes Deutsch bringt. Der Wortschatz ist schmal und die Sprache wird in den vielen Dialogen pointiert zugespitzt, keine einfache Aufgabe für eine Übersetzung, die hier aber problemlos gelingt.

Einem Kammerspiel gleich wird in Café Krane ein gesellschaftlicher Skandal aufgerollt und von vielen Seiten in zugespitzten Dialogen beleuchtet. Eine Frau stellt sich im leisen Protest einer Gesellschaft entgegen, weil sie keine Lust aber auch keine Kraft mehr dazu hat, den Erwartungen zu entsprechen. Vielseitig und in fein durchkomponierten Blickwinkeln schildert Cora Sandel diesen emanzipatorischen Akt. Ein scharfsinniges Buch über die inneren Zusammenhänge einer Gemeinschaft.

Café Krane von Cora Sandel.

Cora Sandel: Café Krane. Interieur mit Figuren.

Aus dem Norwegischen (Riksmål) von Birgitta Kicherer.

Originalveröffentlichung 1945.

224 Seiten.

Urachhaus.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Schutzumschlag · farbiger Einband (Karton, gerillt) · Klebebindung

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Der Verlag Urachhaus hat eine bewegte Geschichte. Entstanden 1925 unter dem Namen Verlag der Christengemeinschaft, musste der Verlag 1936 den Namen ändern und wurde während des zweiten Weltkriegs mit einem Publikationsverbot belegt. Verlegt werden Literatur, Kinder- und Jugendbücher, Ratgeber und religiöse und anthroposophische Schriften.





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