Ausfluchtsanstalten

Das Asyl zum obdachlosen Geist von Martina Wied

Nick Lüthi

Ganz passend zum Titel, bietet John von Kellingrath eine Nervenheilanstalt Zufluchts- und Ausfluchtsort. In psychologischer Detailtreue beschäftigt sich Martina Wieds Roman mit dieser Flucht und ihren Folgen auf ein gesittetes, bürgerliches Leben.

Ausfluchtsanstalten

Beobachtet und beschrieben wird John von Kellingraths Ausflucht von einem Arzt, seinerseits Direktor der Nervenheilanstalt und Ich-Erzähler des Bandes. Messerscharf seziert er die Psyche des schnell zum Freund werdenden Kellingraths, schnell wird auch klar, dass Kellingrath, zumindest was seine psychische Verfassung betrifft, nicht in die Anstalt gehört, sondern dass es eine Flucht nach vorne ist, die geistige Unzurechnungsfähigkeit als Ausweichmanöver vor gesellschaftlichen Erwartungen und Verantwortungen. Eingewiesen wurde Kellingrath zwar von seinem Bruder und seiner Frau, die sich so erhofften, über sein beachtliches Vermögen verfügen zu können, doch der gebildete Kellingrath weiss sich diesen Umstand zunutze zu machen und arrangiert sich schnell mit seinem Schicksal, ja, geniesst sein asketisches Leben in höchster geistiger Zufriedenheit. Doch trotz aller Ausflucht, spätestens als sich eine ehemalige Geliebte von Kellingrath in die Anstalt schleicht, nimmt auch dieses neue Leben wieder andere Züge an.

All dies beobachtet der Direktor aus der Distanz aber mit steigender Besorgnis. Zwischen ihm und Kellingrath gibt es gewisse Gemeinsamkeiten, auch er hat sich abgewandt von gesellschaftlichem Druck und Erwartungen, als ihm das Leben an der Hochschule zu viel wurde und in der Anstalt seinen Platz und seinen Frieden gefunden. So sieht er zwangsläufig immer wieder Teile von sich selbst in Kellingrath, auch in Intellekt und Bildung sind sich die beiden Männer ebenbürtig, so sehr, dass bald auch eine gewisse Konkurrenz zwischen den beiden entsteht. Mit grosser Beobachtungsgabe gesegnet, erkennt der Direktor aber auch diesen Umstand und zieht sich wieder zurück.

Es stand zu vermuten, dass Jäger verschiedene Erlebnisse aus verschiedenen Epochen seiner Existenz […], dass er diese zeitlich weit auseinanderliegenden, aber ursächlich zusammenhängenden Momente gleichsam in einen einzigen gedrängt hatte, und dass diese Verkürzung sein Schicksal enthielt.

Martina Wied: Das Asyl zum obdachlosen Geist, S. 154.

Wied macht in ihrem Roman den Direktor zu einem geübten Beobachter, der mit durchschlagender Kraft die meisten Motive seiner Mitmenschen erkennt. Nebst den feinen Beobachtungen zeigen sich die Dialoge als zweites stilbildendes Element im Roman. Seitenlang werfen sich die wortgewandten Figuren Wörter um den Kopf. Verhandelt wird in den Dialogen meist das, was nicht nur in diesem Roman, sondern allgemein im Schaffen Wieds zentral ist; der Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben. Faszinierend am Roman ist, dass sich dieses zentrale Motiv an dreifacher Stelle gespiegelt sieht. Einerseits natürlich an Kellingrath, an dem sich diese Themen in dankbarer Art und Weise abhandeln lassen und auch am stärksten hervortreten. Andererseits am Direktor, der den Entwurf eines Lebens, welches Kellingrath anstrebt, bereits vollendet oder sogar perfektioniert hat. Als Drittes ist es die Anstalt selbst, die gleichsam als Nicht-Ort allen gesellschaftlichen Status der Bewohner abträgt und in unverstellter Kulisse Menschen aufeinanderprallen lässt. Man kann nur hoffen, dass der pessimistische Schluss nicht als abschliessende Antwort auf diese Motive gelesen werden muss.

Die motivische Aufarbeitung von Martina Wieds Gesamtwerk, wie auch die Entstehungsgeschichte des Romans werden im Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl genauer beleuchtet. Entstanden ist Das Asyl zum obdachlosen Geist bereits 1925/26, wurde aber erstmals 1934 in Fortsetzung gedruckt und erst 1950 dann tatsächlich als Buch. Das hing auch mit Wieds Flucht 1939 zusammen, wie Polt-Heinzl aber genauer ausführt, ist Martina Wied heute mehr oder weniger komplett aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, obwohl sie beispielsweise die erste Frau war, die mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Es ist also wieder eines dieser Bücher: Bedeutend, von einer Frau zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts verfasst und mittlerweile völlig vergessen. Man kann sich nur freuen, ist Martina Wied nun in einer herausragend edierten und benachworteten Ausgabe wieder lesbar. Und man kann nur hoffen, dass ihr noch viele weitere bedeutende Werke und Schriftstellerinnen aus dem Vergessen folgen werden.

Das Asyl zum obdachlosen Geist von Martina Wied

Martina Wied: Das Asyl zum obdachlosen Geist.

Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl.

Originalveröffentlichung 1934.

324 Seiten.

Milena.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Schutzumschlag · bedruckter Einband (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (bordeaux) · Lesebändchen (beige) · fadengeheftet

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