Das Testament des Zauberers Tenor von César Aira.

Der Zauberer Tenor frönt zurückgezogen seinem Ruhestand in der Schweiz. Diesen hat er sich mit dem Verkauf seiner Zaubertricks finanziert. Über die Jahre wurden die Tricks immer weniger, bis ihm schlussendlich nur noch ein einziger übrig geblieben ist. Diesen will er nicht verkaufen, sondern vererben. Sein Schweizer Rechtsanwalt erhält die Aufgabe, den Trick nach dem Ableben des Zauberers in die Hände des ewigen Buddhas zu bringen, dem rechtmässigen Erben. Kurz nachdem er diesen Auftrag erhalten hat, stirbt der Zauberer und der Rechtsanwalt beordert den jungen Jean Ball, die Papiere, die den Trick erklären, nach Indien zu bringen. Der aufstrebende Rechtsanwalt einer Berner Kanzlei macht sich also auf den Weg, um die Hinterlassenschaft des Zauberers zu überbringen. Er wird auf seiner Reise Zeuge gar wunderlicher Dinge. Verliebt sich auf der Schiffsreise in eine indische Schönheit, übergibt den Brief an den Buddha, liest Groschenromane und Zeitungsausschnitte und versteht nach seiner Reise weniger, als zuvor.

Dieser Roman lässt sich nicht mit gängigen Besprechungs- und Lesemustern greifen, ist er doch in der südamerikanischen Tradition des Phantastischen verwurzelt und folgt somit eigenen Regeln was Logik der Handlung, Spannungskurve und Figuren angeht. Als vom deutschen Realismus geschulte Leser*in muss man da erst einmal umdenken und sich auf diese geänderte Konstellation einlassen. Denn die Handlung zu kennen, ist wenig aufschlussreich, wenn man den Roman greifen will. Wem es aber gelingt, sich von der eigenen Erwartung an eine stringente Handlung etwas zu lösen, den erwartet ein überraschender, witziger und absurder Roman.

Es sind im Besonderen zwei Dinge, die herausstechen. Das Absurde als Teil des Erzählprogrammes und das Phantastische und Übernatürliche als nicht-erklärenswerte Fakten dieser Welt. Diese Punkte spielen natürlich einander zu und lassen sich auch nicht immer komplett isoliert betrachten, sind aber zentrale Punkte des Romans. So ist beispielsweise der ewige Buddha wahnsinnig klein und lebt deswegen in einem Haus aus lauter Schiebetüren, weil er bei normalen Türen die Klinke nicht erreichen würde. Diese Türen sind so konzipiert, dass sie sich je nach Temperatur von selbst Öffnen oder Schliessen, ein Zehntelsgrad Temperaturunterschied reicht dazu bereits aus. Diese Absurdität, man stelle sich ein solches Haus vor, bei dem andauernd Türen selbständig auf und zugehen, wird unterstützt von Übernatürlichem, das überhaupt nicht erklärt wird. Der ewige Buddha als mystische Figur wird auf keine Art und Weise erklärt. Zu Beginn dachte ich, Buddha sei nur ein Name, der einer Person zugeschrieben wird. Im zweiten Teil wird aber klar, dass mit dem ewigen Buddha Buddha als mystische Figur des Buddhismus gemeint ist. Diese Absurditäten begegnen einem zuhauf, als Figuren und als Geschehnisse der Handlung, sind somit im Erzählprogramm fest verankert.

Dazu kommt, dass diese Absurditäten und auch andere Phantastereien nicht-erklärt werden. Des Öfteren passieren Dinge im Roman, die gar nicht möglich sind, Leute verschwinden, unmögliche Dinge werden wahr oder verändern sich. Das ist einerseits natürlich absurd, wird aber eben auch nie erklärt, es gehört einfach zur Logik der Geschichte mit dazu. Erschwerend kommt hinzu, dass weder das Absurde noch das Phantastische von den Figuren je hinterfragt werden, es scheint völlig natürlich, was da geschieht. Absurdität und Nicht-erklären geben sich dabei fein säuberlich die Klinke in die Hand und bespielen sich gegenseitig. Oftmals werden Situationen nur absurd, weil die Geschehnisse als das Normalste der Welt dargestellt werden während gleichzeitig die Geschehnisse nur als normal dargelegt werden können, weil sie so absurd sind.

“Das Testament des Zauberers Tenor” erfordert Umdenken vom Leser. Wer stringente Handlung erwartet, wird hier garantiert enttäuscht werden. Wem es gefällt, sich etwas vom realistischen Erzählen zu lösen und auch einmal aneinandergereihte Absurditäten erzählt zu bekommen, wird in César Airas Roman willkommene Abwechslung finden. Das ist ein schöner, kleiner Roman, der einen immer wieder zu überraschen weiss. Der Roman erscheint als Band 9 im Rahmen der César Aira Bibliothek bei Matthes & Seitz. Übersetzt werden Airas Werke seit Band 5 von Christian Hansen.

Das Testament des Zauberers Tenor von César Aira.

César Aira: Das Testament des Zauberers Tenor.

Übertragen aus dem Spanischen von Christian Hansen.

168 Seiten.

Matthes & Seitz.

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Zum Verlag:
1977 erstmals und 2004 dann neu gegründet, verlegt Matthes & Seitz aus Berlin pro Jahr um die 80 Bücher. Schwerpunktmässig in den Bereichen Sachbuch und Literatur.