Ende gut, alles gut?

Zu den Märchen von Marlen Haushofer

Nick Lüthi

Drei kurze, knappe Märchen von Marlen Haushofer werden in diesem schmalen Band erstmals seit der Erstveröffentlichung wieder vorgelegt. Die drei Märchen schliessen eine Lücke in den veröffentlichten Werken Haushofers und punkten mit drei Texten, die mit den Traditionen der eigenen Gattung brechen.

Ende gut, alles gut?

Ein Waldmädchen wird zur Königin und bekommt ein Kind. Eine Nixe bekommt auch ein Kind, gibt es weg und will es wieder zurück. Ein selbstgefälliger Prinz beneidet seinen Bruder und will alles, was dieser besitzt. Der gute Bruder gibt alles, was er zu geben hat. So umrissen, klingen die Märchen harmlos und, ganz gattungsgetreu, märchenhaft. Somit lässt sich noch nicht erahnen, welche Strahlkraft und welche Macht eigentlich in ihnen liegt, denn die Abgründe und Verzogenheiten dieser Texte sind geschickt verschleiert.

Klar und präzis werden da vorerst Märchen erzählt. Besiedelt sind sie vom bekannten Figurenkabinett: Prinzen, König*innen, Räuber, Wassermenschen, sprechende Tiere etc. Die Erzählweise ist prägnant und lässt, wiederum ganz im Sinne der Gattung, Unwesentliches und Ausschmückendes aussen vor. Man kann also durchaus, sollte man es denn wollen, die drei Texte als Märchen lesen und es dabei belassen. Die Texte deuten zwar immer wieder an, dass sich in ihnen Doppelbödigkeiten und Ambivalenzen finden lassen, die kann man aber auch getrost überlesen. Auch die überraschende Wendung zum Schluss bleibt aus, denn präsentiert wird ein Märchenschluss, also einer, wo alles gut ist. Aber, und dies ist tatsächlich eines dieser ominösen grossen Aber, so recht zufriedenstellen mag der einem nicht.

Wenn man sich etwa das Märchen Der gute Bruder Ulrich anschaut, entdeckt man bereits im zweiten Abschnitt folgenden Satz:

Das Kind bekam eine Amme, die war jung und fröhlich und liebte den kleinen Prinzen beinahe mehr als ihren eigenen Sohn.

Marlen Haushofer: Der gute Bruder Ulrich, S. 41.

Und siehe da, einmal angefangen, verziehen sich nicht nur die Enden, sondern auch die Mitten und Anfänge der Märchen zu gierigen Fratzen. Amoralisch, ja schon fast boshaft scheinen sie da, weil sie nicht offenbaren wollen, welche Lehren man aus ihnen ziehen soll, weil ihnen kein moralischer Kompass, kein richtiges Böse, kein richtiges Gut zugeteilt werden kann.

In der nüchternen Schlichtheit, in der die Texte daherkommen, erinnern sie auch an das Gesamtwerk von Marlen Haushofer, das lange vergessen und unbeachtet blieb. Wenn man will (ja, hier darf man durchaus schon fast bösartige Absichten unterstellen), ist das – im Falle der Märchen – ein kurzer Text, der den Eigenheiten seiner Gattung gerecht wird, – im Falle ihrer Romane und Novellen – realistische Alltagsprosa, die sachlich und detailliert vom Leben berichtet. Beiden ist gemein, dass die Strahlkraft, die literarische Wucht, die Grösse dieser Werke, überlesen werden kann und damit als kleiner abgetan werden kann, als sie es eigentlich ist.

Begründung eines Sprachraums von Markus Bundi.

Ergänzend zur nun neu veröffentlichten Märchen-Trilogie, ist – ebenfalls im Limbus Verlag – vor einem guten halten Jahr ein kurzer Essay von Markus Bundi (der sich auch für das Nachwort zur Märchen-Trilogie verantwortlich zeichnet) zum Werk von Marlen Haushofer erschienen. Darin versucht Bundi zu verorten, wie die Texte Haushofers funktionieren und von wo sie ihre erzählerische Wucht und Raffinesse beziehen. Bundi arbeitet dabei aber rein textimmanent und vergisst leider, Marlen Haushofer und die Rezeption ihrer Texte zu diskutieren, die heute untrennbar mit ihrem Werk verwoben ist, kommt ihm durchaus lesenswerten Essay aber auch auf die bei Veröffentlichung des Essays noch nicht erhältliche Märchen-Trilogie zu sprechen, deren Deutung er schlussendlich damit konstatieren muss, dass die Moral der Geschichte nur schwer entzifferbar ist und damit eine grundlegende Eigenschaft von Märchen eigentlich klar verletzt wird.

Und die Moral von der Geschicht? – Schwierig.

Markus Bundi: Begründung eines Sprachraums, S. 101.

Womit Bundi auf den Punkt bringt, was die Märchen von Haushofer auszeichnet. Sie treiben ganz nah an den ihnen zugeschriebenen Gattung, so nah, dass man schon fast glaubt, sie gehörten tatsächlich dazu. Wie die Figuren die sich in ihnen fortbewegen, sind sie Aussenseiter – trotz allen Anleihen gehören sie eben trotzdem nicht dazu und müssen vom Rand aus beobachten, was die anderen tun. Die Abgründe sind dafür zu tief, die Gerechtigkeit zu ungleich verteilt und die Seiten der Bösen und Guten zu unklar, zu schwammig. Fernab aller Gattungsbezeichnungen schliessen diese Märchen eine Lücke im Werk einer grossen Schriftstellerin, die man unbedingt lesen sollte.

Der gute Bruder Ulrich von Marlen Haushofer.

Marlen Haushofer: Der gute Bruder Ulrich. Märchen-Trilogie.

Originalveröffentlichung 1972.

Mit einem Nachwort von Markus Bundi.

Reihe: Limbus Preziosen.

64 Seiten.

Limbus.

Website zum Buch

Zum Buch:
bedruckter Einband (Karton) · Lesebändchen (hellblau) · fadengeheftet

Begründung eines Sprachraums von Markus Bundi.

Markus Bundi: Begründung eines Sprachraums. Ein Essay zum Werk von Marlen Haushofer.

Reihe: Limbus Preziosen.

160 Seiten.

Limbus.

Website zum Buch

Zum Buch:
bedruckter Einband (Karton) · Lesebändchen (schwarz) · fadengeheftet

Zum Verlag:
Seit 2005 entsteht im Innsbrucker Limbus Verlag ein kleines, feines Buchprogramm. Schwerpunkt bildet die erzählende Literatur österreichischer Autor*innen, die gerne inhaltlich engagiert ist.





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