Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Nick Lüthi

Mir wurde vom Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Des Lebens fünfter Akt erzählt die letzten Lebensjahre von Arthur Schnitzler nach. Ich konnte mir diesen Roman natürlich nicht entgehen lassen, da Arthur Schnitzler einer meiner liebsten Schriftsteller ist und dementsprechend ein Buch über sein Leben bei mir auf offene Ohren stösst. Die Erzählung startet sogleich auch rabiat, Schnitzler und seine Ex-Frau Olga werden per Telegramm nach Venedig gerufen, eine dringende Angelegenheit wegen ihrer gemeinsamen Tochter, Lili. Wie die beiden in Venedig in Rom eintreffen, so kann Ihnen Lilis Ehemann nur noch von deren Ableben berichten.

Dieser Selbstmord der eigenen Tochter wirft Schnitzlers Leben aus den gewohnten Bahnen und so findet er auch wieder eine neue Nähe zu Olga, bestärkt durch den Verlust des gemeinsamen Kindes. Schnitzler stürzt sich danach in die Aufarbeitung der Tagebücher seiner Tochter, will sie für die Nachwelt erhalten, quält sich selbst dabei immer aufs Neue, findet aber auch immer wieder Zugang zur eigenen Tochter durch ihre Aufzeichnungen. Dieser erste Teil des Romans hat mich wirklich überzeugt, Hage zeichnet mit nüchternen und klaren Worten die Lebensverhältnisse Arthur Schnitzlers nach. Schnitzler scheint gebrochen, alt und vermisst einfach seine Tochter. In diesem ersten Teil hat der Roman auch einen klaren Konflikt und die Geschichte geht voran.

Aber, und das ist jetzt das grosse aber, die beiden anderen Teile plätschern einfach so vor sich hin. Das Ganze ist weiterhin gut geschrieben und liest sich flüssig und gut, aber die Konflikte fehlen und am Ende denkt man sich, ja wars jetzt das? Manchmal habe ich das gelesen und mir gedacht, Ja, das ist zwar ganz interessant in den Tagebüchern von Schnitzler zu lesen und aufzuzählen, wem Schnitzler Briefe schrieb und wen er alles persönlich kannte, dabei lernen wir aber nichts über die Hauptfigur des Romanes, diese bleibt blass und ist nur dazu da, berühmte Leute zu treffen und ihnen Briefe zu schreiben. Und natürlich um Frauen zu verführen und ab und an die eifersüchtige Partnerin zu besänftigen. Das bleibt mir dann hier zu sehr Biografie und zu wenig Roman.

Das Buch ist wahnsinnig gut recherchiert, aber leider fällt es immer wieder seiner eigenen gründlichen Recherche zum Opfer, nämlich immer dann, wenn sich Figuren über mehrere Seiten wörtliche Zitate an den Kopf werfen. Meist ist das zwar amüsant, aber nicht spannend oder konfliktgeladen. Meiner Meinung nach krankt das Buch darin, dass es seinen eigentlichen Konflikt im ersten Teil mehr oder weniger komplett beschliesst: der Verlust der eigenen Tochter und die damit einhergehende Trauerarbeit. Dieser zentrale Konflikt hätte entweder später kommen müssen (also im wortwörtlichen fünften Akt) oder aber sich mehr durchs Buch hindurchziehen. Die beiden letzten Teile plätschern leider nur so dahin.

Ein kleiner Exkurs sei mir hier erlaubt: Wie ich so dieses Buch gelesen habe, so bekam ich wieder richtig Lust, Arthur Schnitzler zu lesen. Leider war diese Lust von kurzer Dauer, von Schnitzler existieren tatsächlich keine hochwertigen Ausgaben, es gibt nur Taschenbücher von seinem ursprünglichen Verlag dem S. Fischer Verlag. Diese Taschenbücher sind aber von minderer editorischer Qualität und geprägt von Fehlern. Ersichtlich beispielsweise in diesem Beitrag von Konstanze Fliedl. Es gibt zwar zwei aktuelle Editionsprojekte erschienen sind dort aber bisher nur sauteure Kritische Ausgaben. Man kann nur hoffen, dass der Fischer Verlag Schnitzlers Werk einmal auch so behandeln wird wie dasjenige Thomas Manns und man dann Lesebücher mit den kritischen Texten erhält. Nun denn.

Des Lebens fünfter Akt mangelt es etwas an Spannung, gerade nach dem zweiten Teil. Es ist ein hervorragend recherchiertes, gut geschriebenes Buch, dem der Plot nach dem ersten Teil abhandenkommt und dass sich dann in der Folge im ach so spannenden Leben seiner Hauptfigur verliert ohne Konflikte oder Spannung zu erzeugen. Aber um ehrlich zu sein, irgendwie mochte ich das Buch trotzdem. Geht halt um Schnitzler. Nun denn, für diejenigen die mehr über Schnitzlers Leben wissen wollen, unbedingt lesenswert, für alle anderen die einfach nach guter Literatur suchen: Eher nicht, ausser die fehlenden Konflikte zu grossen Teilen der Geschichte machen einem nichts aus.

Website des Verlags zum Buch


Volker Hage: Des Lebens fünfter Akt, erhältlich als Hardcover und E-book, 320 Seiten, Luchterhand.




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