Die Tränen des Propheten von Yavuz Ekinci

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

Nick Lüthi

Als vor Mehdi eines Tages der Erzengel Gabriel steht und ihm verkündet, er sei der Prophet des Herrn, zweifelt dieser keine Sekunde an diesem Umstand. Gewillt, die frohe Botschaft zu verkünden, irrt Mehdi fortan durch seine Stadt um das Wort Gottes zu verbreiten. Zuhören oder gar ernst nehmen, will ihn aber dabei niemand. Atemlos und gedrängt erzählt Yavuz Ekincis neuester Roman von diesem letzten Propheten.

Die Tränen des Propheten von Yavuz Ekinci

Das Wort Gottes hat keinen hohen Stellenwert in der heutigen Gesellschaft, was Mehdi bald nach Gabriels Verkündung feststellen muss. Der Prophet der letzten Tage hat keine einfache Aufgabe gefasst. Seine Frau fürchtet ihn und flüchtet mit der gemeinsamen Tochter. Die Freunde meiden ihn, die Leute auf der Strasse tuscheln und reden und erhören will ihn schon gar niemand. Mehdi bleibt nichts anderes übrig, als mit einem schmerzenden Hühnerauge durch das Grossstadtleben zu irren und darauf zu hoffen, dass Gabriel ihm den Weg weisen wird.

Die Tränen des Propheten bieten grossen Interpretationsspielraum. Man kann den Roman als Schelmenroman, religiöses Manifest, Krankheitsgeschichte oder Religionssatire lesen wollen, wird aber bei allen genannten Lesarten zwangsläufig scheitern, denn der Roman entzieht sich ganz bewusst der Eindeutigkeit und ist so konstruiert, dass keine der Lesarten richtig sein kann. Als Schelm ist Mehdi zu dumm und zu aktiv, für ein religiöses Manifest ist die Religion zu uneindeutig und zu ambivalent diskutiert, für eine Krankheitsgeschichte wird Mehdis Zustand zu wenig hinterfragt und für eine Religionssatire ist die Religion zu bierernst und unreflektiert. Und selbst die Widersprüchlichkeiten im vorangegangenen Satz, gehören zum Programm dieses Buches. Während Ich-Erzähler Mehdi komplett unzuverlässig ist, wird das Ende von einem auktorialen bestritten, der das bisher passierte in ein scheinbar neues Licht rückt, die Mehrdeutigkeit wird dadurch auch in der Erzählperspektive verankert.

Es ist grandios, wie es Yavuz Ekinci gelingt, den Roman in seiner Uneindeutigkeit zu belassen und dadurch eine Reflexion über die heutige Gesellschaft zu kreieren. Es ist eine bitterböse Gleichgültigkeit, die einem daraus entgegenschlägt. Ganz seiner eigenen Ambivalenz geschuldet, ist diese grosse Stärke zugleich auch einziges und allumfassendes Manko des Romanes, da es manchmal des Guten schlicht zu viel ist. Spätestens wenn Mehdi über gefühlte Hunderte Seiten (in Tat und Wahrheit werden es höchstens Dutzende gewesen sein), ziellos durch die Stadt schlendert und seine Bestimmung sucht, bleibt leider nicht viel haften. Die zeit- und gesellschaftskritischen Elemente sind da längst etabliert und bedürften nicht der weiteren Vertiefung und endlosen Wiederholung.

Die von Oliver Kontny besorgte Übersetzung aus dem Türkischen folgt oft einem Stakkato-artigen Stil, die Übergänge zwischen den Sätzen sind hart, Hauptsatz reiht sich an Hauptsatz. Bis dann plötzlich wieder ein Satz beginnt, der vor lauter Nebensätzen überhaupt keine Ende finden will. Kontnys Übersetzung schlängelt mühelos zwischen den beiden Stilarten hin und her und bleibt dabei erstaunlich unaufgeregt und im Hintergrund. Nur um dann ganz bewusst eine ungewöhnliche Imperativform wie “Siehe!” hervorzukramen.

Die Erkenntnis die Mehdi auch am Ende des Romans fehlt, der Leser*in aber schnell auffallen wird: in einer entzauberten Welt braucht es keine Propheten, kein Wort Gottes. Es braucht Menschen, die anpacken, aufräumen und den Schmutz auch noch kehren, wenn sich der Staub gelegt hat. Keine quakenden Wichtigtuer*innen, sondern besenschwingende Gemeinplätze. Aber ganz ehrlich, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, bedarf es nicht der Lektüre dieses Romanes. Das lässt sich auch zielgerichteter oder zielloser, anderswo erledigen.

Die Tränen des Propheten von Yavuz Ekinci.

Yavuz Ekinci: Die Tränen des Propheten.

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny.

Originalveröffentlichung 2018.

208 Seiten.

Kunstmann.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Schutzumschlag · farbiger Einband (Karton) · bedrucktes Vorsatzpapier (geometrisches Muster) · Klebebindung

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Der Antje Kunstmann Verlag enstand 1976, als zwei Verlage zusammengeführt wurden. Zuerst noch unter anderem Namen, trägt der Verlag seit 1990 den Namen der Verlegerin. Literatur und Sachbuch bilden die Kernkompetenzen des Verlags, der mit seinen Büchern «Leselust und das Denken» fördern will.





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