Die Zähmung der Tiere von Ada Dorian

Nick Lüthi

Mir wurde vom Verlag ein Vorabexemplar zur Verfügung gestellt.

Die Zähmung der Tiere von Ada Dorian erzählt in verschiedenen Episoden von der Türkei nach dem Putschversuch 2016, einem gespaltenen Land. Im Zentrum der Geschichte steht Nilay, eine junge Kinderbuchautorin, die seit über einem Jahr verschwunden ist. Trotz verzweifelter Suche finden weder ihr Bruder, noch ihr Verlobter Anzeichen ihres Verbleibs. Erst als sich zwei französische Journalisten der Sache annehmen, kommt der Stein ins Rollen. In den einzelnen Episoden werden verschiedene Bruchstücke der Geschichte aufgerollt und durchleuchtet. Immer wieder aus anderer Perspektive und so zeichnet sich das Gesamtbild auch erst nach und nach ab.

Dieser Roman ist keine leichte Kost. Er ist zwar kurz, hat aber viel zu sagen und vieles davon ist nur schwer verdaulich. Es ist aber zeitgleich auch ein Roman, der nur schwer verdaulich sein kann. Ansonsten würde er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Genauso aufgewühlt wie die Figuren, fühlte ich mich als Leser, wenn deren Trostlosigkeit, Wut, Trauer, Angst und Ungewissheit aus dem Buch heraussprangen. Es ist ein Buch, welches aufrüttelt und zum Denken anregt. Ada Dorian gelingt es hier, mit einem schlichten und messerscharfen Stil zu überzeugen, jedes Wort gehört an den Platz dens bekommen hat und tut auch dementsprechend weh.

Die Tiere lassen sich nämlich nicht einfach zähmen, sie sträuben sich vehement dagegen. Verständlicherweise, welches Tier will schon gerne gezähmt werden. Dieses Leitmotiv der Tiere hat mir besonders gut gefallen. Es wird ja bereits im Titel angedeutet wird und tauch immer wieder auf. Der Roman spielt hier wunderbar mit dem Leser und lässt genug einer Leerstelle, damit der Leser sich seiniges Denken kann.

Etwas störend war aber der Aufbau, gerade weil hier episodisch erzählt wird, hatte ich auf einen etwas komplexeren Aufbau gehofft. Leider verkommt der Roman etwas ins ordinäre Erzählen und fokussiert sich in der Mitte zu fest auf eine Geschichte, nachdem vorher über die ersten Episoden wunderbar aufgefächert wurde. Stellenweise ist auch das politische Programm des Romans nur schlecht versteckt, wenn da etwa der deutschen Professorin Simone Worte in den Mund gelegt werden, die gar nicht anders aufgefasst werden können, als als politische Botschaft. Störend daran ist nicht die Botschaft, sondern der Brechhammer mit dem diese vermittelt wird. Aber vermutlich lässt sich ein solches Buch gar nicht schreiben, ohne politisch klar Stellung zu ziehen.

Ada Dorian erzählt von einem gespaltenen, ja gebrochenen, Land, welches sich selbst sucht und dabei seine Menschen verliert. Ein wichtiges, aufrüttelndes Buch mit nur kleinen Schwächen. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.

Zum Schluss noch folgendes Zitat:

“Und niemals, wirklich nie, wäre Dilek darauf gekommen, dass ihr Mädchen in Wahrheit selbst ein Tier war.”

Die Zähmung der Tiere ist ab sofort erhältlich: Website des Verlags zum Buch




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