Ein Becher Blut von Surab Leschawa

Der vorliegende Erzählband versammelt 7 Erzählungen des georgischen Autoren Surab Leschawa, ausgewählt aus 3 ursprünglichen Erzählbänden. Diese ursprünglichen Sammelwerke sind auf Georgisch in den Jahren 2009–2011 erschienen. Die Geschichten Surab Leschawas sind allesamt am Rand der Gesellschaft, in der Peripherie, angesiedelt. Sozial immer, meist aber auch den Handlungsort der Erzählung betreffend. Die Erzählungen reichen vom Absurden bis ins Phantastische hinüber. Oftmals sind die unteren Körperregionen tonangebend und dort vortrefflicher Weise in deren männlichen Ausprägungen. Surab Leschawas Verdienst ist es aber, dass seine Erzählungen nie auf dieser ersten, vulgären und überspitzten Ebene verharren.

Illustrieren lässt sich dies beispielsweise an einer Erzählung, welche von Zwillingen und deren Penissen handelt. Rein äusserlich sind sich die beiden vollkommen gleich und können nicht unterschieden werden, ausser an der Grösse ihres Glieds. Dasjenige des einen ist gigantisch gross, dasjenige des anderen nur ein kümmerlicher Knopf. Der mit dem mächtigen Penis gesegnete ist erfolgreich und bei den Frauen beliebt, stirbt aber jung. Der andere wird zwar alt, landet aber verarmt und verbittert auf der Strasse. Beim ersten Gedanken klingt eine solche Geschichte arg klischeebelastet, ein Mann schreibt über Männer und deren Penisse.

All das untermalt von chronischer Wut und Verbitterung, die aufgrund der Winzigkeit seines Pimmels in den fünfzig Jahren seines Hundelebens stets gewachsen waren.

Auf dieser ersten körperlichen Ebene ist das ziemlich doofer Pipi-Kaka-Humor. Glücklicherweise spannt sich schnell eine zweite Deutungsebene: Der in dieser Geschichte durch den Zwilling mit kleinem Glied personifizierte Penisneid wird komplett ad absurdum gestellt und gibt damit die Männlichkeit auch der Lächerlichkeit Preis. Alleine durch seinen Penisneid auf den anderen Bruder wird der nur mit einem Knopf gesegnete verwahrlost. Lebt auf der Strasse, hat kein soziales Umfeld, kennt keine Freude. Wenn das nicht Ausdruck einer lächerlichen Männlichkeit ist!

Durchs Band weg erfordern die Erzählungen vom Leser, sich nicht von der vulgären Ausdrucksweise, den Körperflüssigkeiten und Geschlechtsteilen ablenken zu lassen. Vordergründig ist dies Provokation getarnt als Erzählung. Jede der vorliegenden Erzählungen bietet aber eine zweite, sehr viel tiefere Deutungsebene, jede arbeitet in einfacher Sprache und mit literarischen Mitteln auf, was an der sozialen Peripherie geschieht. Der ausschlaggebende Punkt der Erzählung “Kühlschrank gegen Sex” beispielsweise, ist nicht, dass ein Kühlschrank gegen sexuelle Gefälligkeiten getauscht wird, sondern die Armut eines Mannes, der immer weiter an den Rand der Gesellschaft abdriftet und nun soweit ist, dass er sogar seinen Kühlschrank veräussern will.

Die Erzählungen sind immer auch schwere Kost, sie spielen am Rande der Gesellschaft oder sogar komplett ausserhalb dieser, in Gefängnissen zum Beispiel. In einem Moment der Selbstreflexion, von denen es einige gibt, diktiert sich ein Erzähler selbst das literarische Erzählprogramm:

Jemand tut sich vielleicht damit schwer, das zu lesen und sich anzuhören, aber tat ich mich damals denn nicht schwer damit, daran beteiligt zu sein? Wenn es euch nicht gefällt, lest es halt nicht! Obwohl, nein, hört zu und lest! Lest und haltet aus.

Damit unterstreicht sich noch einmal die Haltung der zweiten Deutungsebene. Ja, das ist meist wüst, dreht sich um die Ausscheidungen des menschlichen Körpers und ähnliche Auswüchse, aber, dies muss konsequenterweise so geschehen, weil damit ein reflektierter Umgang mit den sozialen Begebenheiten vermieden wird. Die Geschichten bedienen sich durchgängig der ironischen Brechung als Stilmittel.

Allesamt sind die als Ich-Erzähler auftretenden Erzähler unzuverlässiger Natur. Wiederholt werden die Erzählungen unterbrochen und mit Meta-Reflexionen des Erzählers ergänzt und durchmischt. Häufig entschuldigt sich der Erzähler auch, meist für die wüste Ausdrucksweise, ergänzt die wüsten Begriffe aber in der Folge meist noch viel freudvoller um noch wüstere, anstössigere Begriffe. Macht es damit einem aber schwer, der vorgängig geäusserten Entschuldigung Glauben zu schenken. Durch die wüste Ausdrucksweise und die Unterbrechungen der Erzähler wird hier ganz bewusst das Tatsächliche, die Tragik der sozialen Situation, ausgeklammert.

Im Nachwort bezeichnet Zaal Andronikashvili Leschawa als Meister der georgischen Groteske und fügt sogleich einen ungleich wesentlicheren Punkt der Groteske als Gattung an, die Groteske kennt keine Tragik. Wie Andronikashvilis völlig richtig erkennt, kennen die Erzählungen keine Tragik. Obwohl alle Geschichten Leschawas in der Peripherie spielen, sie liessen mich nie mit einem Gefühl der Aussichtslosigkeit zurück. Dies hat mehrere Gründe. Vorerst sind alle Figuren lebensbejahend oder auf eine liebenswerte Art schicksalsergeben. Auch wenn sie vom Leben zurückgeworfen werden, verlieren sie nie einen Grundsatz an Bodenständigkeit im Leben. Des Weiteren erzielen die Erzähler und die Fokussierung auf die körperlich niederen Regionen immer wieder Brechungen in den Geschichten. Diese Brechungen können ausgelöst werden durch Ironie, durch Reflexion über die Erzählung aber eben auch über anstössige Begriffe.

Erst in der letzten (und besten) Erzählung löst sich dieses Erzählprogramm etwas auf. “Die Heckmünze” weiss noch einmal neue Töne anzuschlagen. Die Gürtellinienforschung fällt weg, die grotesken Elemente werden verstärkt und phantastische Elemente kommen dazu. Hier entfaltet sich die Erzählkraft des Autoren noch einmal auf unerwartete Weise, wenn dann ein geklontes Paar versucht, den Alp mit Namen Alpi zu überlisten und ihm eine Heckmünze abzuluchsen.

Es ist wunderbar, haben die Erzählungen Surab Leschawas in der Edition Monhardt ein Zuhause und eine Übersetzung ins Deutsche gefunden. Es wäre wahnsinnig schade, wenn diese Erzählungen einem deutschsprachigen Publikum nicht zugänglich wären. Das erhellende Nachwort von Zaal Andronikashvili bereichert das Lesevergnügen und liefert Hintergründe über den Autoren und die Erzählungen. Andronikashvili arbeitet auch die Übersetzung von Tamar Muskhelishvili auf, die es schafft, Erzählungen die auf drei Sprachebenen spielen (Gefängnissprache Russisch, Georgisch der Unterschicht, Georgisch der Oberschicht) problemlos ins Deutsche zu übertragen.

Wer groteskes, absurdes, wildes, vielschichtiges mag, der wird hier fündig werden.

Ein Becher Blut von Surab Leschawa.

Surab Leschawa: Ein Becher Blut.

Originalveröffentlichung 2009, 2010, 2011.

Übertragen aus dem Georgischen von Tamar Muskelishvili.

Mit einem Nachwort von Zaal Andronikashvili.

252 Seiten.

Edition Monhardt.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Die in Berlin sesshafte Edition Monhardt verlegt Prosa, Lyrik und Essays in aufwendigen, limitierten Editionen. Verleger Stefan Monhardt fasst den Antrieb zum Verlag so zusammen: 'Ich wäre ein verdammter Narr, wenn ich’s nicht täte!'


Zum Verlag:
Die in Berlin sesshafte Edition Monhardt verlegt Prosa, Lyrik und Essays in aufwendigen, limitierten Editionen. Verleger Stefan Monhardt fässt den Antrieb zum Verlag so zusammen: “Ich wäre ein verdammter Narr, wenn ich’s nicht täte!”