Ein Junge wie Kees von Theo Thijssen

Übersetzt aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Nick Lüthi

Ein Junge wie Kees von Theo Thijssen

Amsterdam, die ausgehenden Jahre des 19. Jahrhunderts. Kees ist das älteste von drei Geschwistern, die Eltern betreiben ein Schuhgeschäft. Auf den ersten Blick ist Kees ein Junge wie jeder Andere. Erst auf den zweiten Blick wird man merken, was für ein besonderer Junge Kees doch ist. Von Fremden nimmt er nie Geld an, auch wenn es ihm zustünde. Die Mütze nimmt er immer ab wenn er jemanden grüsst oder ein Haus betritt, ganz so wie es sich gehört. In seinen Tagträumen ist Kees der aussergewöhnlichste Junge der Welt, alles kann er auf Anhieb. Den Fechtlehrer besiegt er schon beim zweiten Kampf, obwohl er vorher noch nie gefochten hatte. Der Streuner, den er auf den Strassen antrifft, wird sofort zu seinem engsten Vertrauten und zum treusten Hund, den man sich nur denken kann. Ja, in seinen Tagträumen ist Kees ein wahrlich aussergewöhnlicher Kerl. Im Grunde kommt seine Besonderheit aber von ganz woanders, er ist ein herzensguter, stets höflicher, respektvoller Junge, der langsam in das Leben und in die Welt hineinwächst.

Kees versucht in seiner kindlichen Erlebniswelt, die Dinge, die er tagtäglich beobachtet und wahrnimmt, zu ordnen und in eine für ihn verständliche Form zu bringen. Dies bewerkstelligt er durch Tagträume und kindliche Albernheiten. Kees’ Tagträume unterstreichen immer wieder den Unterschied zwischen der kindlichen Erlebniswelt und der harten Realität, während die typischen Albernheiten eines zwölfjährigen ganz im kindlichen Erleben verankert bleiben. Dazu gehört etwa der legendäre Schwimmbadschritt:

Wenn man schnell vorankommen wollte, musste man sich beim Gehen vornüber neigen, ganz als ob man ständig hinfiele, und dann immer die Arme schwenken, hin und her.

Theo Thijssen: Ein Junge wie Kees, S. 17.

Man stelle sich den zwölfjährigen Jungen vor, der in einer Ernsthaftigkeit, mit Mütze auf dem Kopf, nach vorne gebeugt und wild mit den Armen schwenkend, eine Gracht entlangläuft. Es versteht sich natürlich von selbst, der Schwimmbadschritt funktioniert je besser, je wilder man die Arme schwenkt. Die Mutter, die Kees mit langen Schritten vorauseilt, hat natürlich kein Verständnis für das wilde Armeschwenken ihres Sohnes. In diesem Zwist aber liegt die Perspektive die grosse Teile des Romans ausmacht begraben. Die kindliche Erlebniswelt von Kees ist erfüllt mit Entdeckungen und Beachtenswertem. Es ist ein berührendes Werk, weil es Thijssen gelingt, die Gefühlswelt eines jungen Menschen einzufangen und später auch die Weiterentwicklung dieser Welt aufzuzeigen.

Im Nachwort schildert Übersetzer Rolf Erdorf die Entstehungsgeschichte des Romanes etwas genauer. Kees de Jongen wurde 1923 in vollständiger Ausgabe veröffentlicht. Die Entstehungsgeschichte war aber lang, ein erster Teil ist bereits 1908 erschienen, gefolgt von weiteren Kapiteln in den nächsten Jahren in einer Lehrerzeitschrift. Während des Ersten Weltkrieges kam das Projekt allerdings zum Erliegen, Thijssen wurde in den Militärdienst berufen. 1921-1922 erschienen dann endlich die restlichen Kapitel, um schlussendlich dann ein Jahr später, gesammelt als Buch, gedruckt zu werden. In den Niederlanden ein Klassiker, wurde der Roman 1935 erstmals auf Deutsch übersetzt. Leider nur in einer stark gekürzten Fassung. Die vorliegende Ausgabe ist die erste vollständige deutschsprachige Ausgabe des Buches.

Rolf Erdorf gelingt es, Ton und Ausdruck der Sprache perfekt aufeinander abzustimmen. Man merkt dem Werk sein Alter an, nicht weil die Sprache veraltet ist, sondern weil sie die Konventionen und den Ausdruck der Entstehungszeit des Werks im Deutschen aufgreift. Im schönen Nachwort lässt sich auch der Übersetzungsprozess etwas genauer nachvollziehen. Um die stark an die gesprochene Sprache angelehnte Sprache des Originals aufzugreifen, hat Erdorf beispielsweise häufig mit Ellipsen (grammatikalisch unvollständige aber trotzdem verständliche Sätze) gearbeitet. Sprachlich funktioniert dies ausserordentlich gut, da damit auch wieder die kindliche Perspektive auf die Welt betont wird.

Ein leises, sanftes Buch, welches einem mit jeder gelesenen Seite mehr ans Herz wächst. Beginnend als Geschichte eines ganz normalen Jungen, verändert es sich zur Entwicklungsgeschichte einer reinen Seele, der das Leben einige Steine in den Weg wirft. Erstmals als vollständige Ausgabe auf Deutsch erhältlich. Das Warten hat sich gelohnt.

Ein Junge wie Kees von Theo Thijssen.

Theo Thijssen: Ein Junge wie Kees.

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.

Mit einem Nachwort von Rolf Erdorf.

Originalveröffentlichung 1923.

432 Seiten.

Wallstein.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Schutzumschlag · bedruckter Einband (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (limettengelb) · fadengeheftet

Mehr über die Bücher des Wallstein Verlags:
1986 haben zwei Brüder zusammen mit einem Freund einen Verlag gegründet. Den Wallstein Verlag. Nach sechs Jahren haben die Brüder den Verlag verlassen, der besagte Freund, Thedel von Wallmoden, ist bis heute dem Göttinger Verlag als Geschäftsführer treu geblieben. Thematisch werden vorwiegend Belletristik und geisteswissenschaftliche Texte verlegt. Dazu gehören auch Editionen von Klassikern und anspruchsvolle zeitgenössische Literatur. 2013 mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet.





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