Form follows function

Federn lassen von Regina Dürig

Ein schmales, aussergewöhnlich langformatiges Buch. Es liegt gut in der Hand. Man streicht noch ein-zweimal über den Buchrücken, bis man es dann öffnet. Ein Text in Versform taucht auf. Man fühlt sich bestätigt: Die Form ist ganz den Texten angepasst. Ein zweiter Text in Versen folgt, ein dritter, vierter. Also ziemlich passendes Buchdesign.

Form follows function

Auf den zweiten Blick stutze ich aber ein wenig. Auf dem Einband steht Novelle. Eine Novelle in freiem Vers? Dazu noch in äusserst kurzen Episoden? Selbst wenn wir die Versform ignorieren würden, auch von der Länge her passt das dann nicht, weil zu kurz und auch thematisch scheint das nicht auf ein einziges Ereignis hinauszulaufen. Also eher keine Novelle. Form folgt nicht mehr. Gedichte? Wenn ein Gedicht rein über die Form bestimmt wird, dann ja, eindeutig. Wenn daran auch sprachliche Mittel getragen werden wiederum weniger, die Sprache ist ganz klar erzählend. Texte in Versform? Ja. Texte in Versform mit einem zusammenhängendem Thema? Ja.

Wir kommen dem Kern der Sache also langsam näher, wobei uns die Reise hier in nicht weiter ausdifferenzierbare Gefilde geführt hat. Der Versuch um diese Zuteilung ist kein rein intellektuelles Gedankenspiel, zeigt dieser Versuch doch gerade, wodurch sich Regina Dürigs Buch auszeichnet: Es eckt immer wieder an, weil mit dem Erwartbaren gespielt wird und der Text sich dadurch der Zuordnung (und damit auch allfälligen Eindeutigkeiten) entzieht. Denn was Regina Dürig da präsentiert, ist ein episodenhafter, zusammenfügbarer Text mit einem wunderbar eigenen Rhythmus. Jetzt also mehr dazu.

Lass uns zurück diesen Weg
nehmen sagt Nino und zeigt
auf den Pfad der dämmrig vom
Waldweg abzweigt und
geht voran ihr wohnt
nicht weit von hier du kennst
den Wald oder Park oder wie
das zu nennen ist halb
dichte Grünheit an der
Baumgrenze zur
Zivilisation du gehst
Regina Dürig: Federn lassen, Nachtblind, S. 9.

Man kann es schon erahnen an diesem kurzen Textausschnitt, der Text rumpelt gehörig durch seine Episoden. Irgendwie ist das sperrig, gibt dem Text einen komischen Duktus, der einen immer wieder aus dem Takt wirft. Und darin greift die Form (genauso wie die Gattungszuordnung) bereits vor, was die Texte erzählerisch in der Folge aufwerfen werden. Alles steht unter Oberflächenspannung. Denn unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Bereits der noch harmlose Beginn hat eine unterschwellig-bedrückende Komponente. Ein vierjähriges Kind, ein Du, es wächst heran, wird älter, wird zur jungen Frau, zieht weg, studiert. Dieses Du steht beständig in einem Kugelhagel der Anderen. Es beginnt mit psychischen Übergriffen, es folgen frühe Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung. Der ganze Band verdichtet sich nach und nach um den Dunstkreis dieser Erfahrungen. Also auch thematisch ein Text, der sich einem immer wieder entzieht und in sehr grausamer Kälte Sachverhalte, Straftatbestände nacherzählt.

Ganz besonders schwer wiegt die Form der Erzählung, erzählt wird radikal aus der Sicht der Protagonistin. Und gerade dort offenbart der Band seine Stärke. In der Nacherzählung wird nichts beschönigt, Beschönigungen nimmt nur die Du-Erzählinstanz vor. Die Protagonistin ist so sehr in den gesellschaftlichen Strukturen gefangen, dass jeder Übergriff, jede Straftat analytisch reflektiert, ja regelrecht seziert, und am Ende aber meist die Schuld bei sich selbst gesucht wird. Und dann: passiert nichts. Weil dieses Du eben in unserer Gesellschaft lebt und am Ende nur ernüchtert feststellen kann «actually// I have been// pretty lucky// so far».

Regina Dürig hat eine poetisch konzentrierte Form gefunden für ihre Novelle. So konzentriert, dass kein Haar mehr Platz hat zwischen dieser schweren Poesie und ihren Episoden. Die Themen und Texte sind bedrückend und stehen unter konstanter Spannung, die nicht aufgelöst wird. Das muss man aushalten können. Denn, wir wissen es bereits, form follows function. Nicht anders ist es hier. Der konstante Bruch mit Erwartungshaltungen, die Verletzung in den Köpfen festgesetzter Blickpunkte und Meinungen gehören zu diesem Text dazu, weil er nur so sein kann und weil er nur so seine volle Wirkung entfalten kann.

Federn lassen von Regina Dürig

Regina Dürig: Federn lassen.

104 Seiten.

Droschl.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Karton) · Klebebindung · aussergewöhnliches Format

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Der Literaturverlag Droschl hat sich einzig und allein der zeitgenössischen Literatur verschrieben. Vorwiegend deutschsprachige Autoren, immer wieder aber auch Autoren aus anderen Sprachräumen werden verlegt. Der Verlag hat seinen Sitz in Graz.