Flügel in Flammen von Dagny Juel.

Wenn man diesen Band mit seinen gut 180 Seiten in den Händen hält, blickt man erst verwirrt auf die Titelseite zurück, steht doch dort “Gesammelte Werke”. Vollends verwirrt ist man dann, wenn man sieht, der auf dem Titel vermerkte Essay von Lars Brandt, der beginnt schon auf der sechsundneunzigsten Seite. Ein Gesamtwerk von Nichteinmal 100 Seiten? Ja, die Fragen zu “Flügel in Flammen” sie stellen sich schon vor dem ersten gelesenen Wort. Versammelt ist hier wirklich das gesamte (überlieferte) Werk von Dagny Juel, einer norwegischen Schriftstellerin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es sind dies 5 kurze Erzählungen und Novellen, 4 Dramen und 14 Gedichte. Und das war’s. Mehr vom Werk Juels existiert nicht.

Da stellen sich natürlich sofort brennende Fragen: Warum ist das Werk Dagny Juels nur so kurz? Weshalb wurden jetzt die gesammelten Werke einer obskuren norwegischen Dichterin auf Deutsch veröffentlicht? Was für ein Werk hat Juel denn überhaupt hinterlassen? Ich werde in den nächsten Abschnitten versuchen, genau diesen Fragen zu begegnen und sie zu beantworten. Zuallererst muss man aber wissen, dass Dagny Juel die wohl bekannteste der hier versammelten Schriftstellerinnen ist und als Person durchaus nicht unbekannt ist. Ihr Werk aber schon.

Die Frage, weshalb Juels Werk nur so kurz sei, lässt sich heute natürlich nicht mehr in ihrer Gänze rekonstruieren, sind doch die meisten Briefe von Dagny Juel verbrannt oder verloren gegangen und auch bei vollständiger Überlieferung dieser, wäre sie vermutlich schwer zu beantworten. Lars Brandt geht im Nachwort ausführlich auf dieses Problem ein, ohne aber eine genaue Antwort liefern zu können. Die Frage lässt sich viel eher anhand verschiedener Indizien zu beantworten suchen. Juel war ihr ganzes Leben lang Zuarbeiterin verschiedenster anderer Schriftsteller, hauptsächlich von Männern. Sie übersetzte deren Werke etwa ins Deutsche oder Schwedische und machte sich für die Veröffentlichung der Werke in Literaturzeitschriften stark. Diese Mühen hat sie nicht auf ihre eigenen Werke ausgeweitet. Das ist der erste Fakt, der auch von Brandt rekonstruiert wird.

Als zweiten Fakt hat sie von ihrem Mann, dem bekannten polnischen Schriftsteller und Satanisten Stanisław Przybyszewski, nie Unterstützung erfahren, so hat er sie auch nie als Schriftstellerin wahrgenommen oder sie gar als solche vorgestellt. Diese Wahrnehmung von Dagny Juel wurde auch vom gemeinsamen Bekanntenkreis des Ehepaares, der immerhin Leute wie August Strindberg und Edvard Munch miteinschloss, geteilt. Juel wurde zwar allseits als Mittelpunkt, als intelligente Frau mit grosser Ausstrahlung, anerkannt, damit hatte es sich aber auch schon. Dagny Juel als mehr als ein hübsches Wesen wahrzunehmen, das kam den Herren ihres Bekanntenkreises nicht in den Sinn. Gleiches gilt übrigens generell in der Rezeptionsgeschichte von Dagny Juel, es gibt zwar ganze Monografien über sie, diese nehmen aber Fokus auf ihr Leben, die Tatsache ihrer Schriftstellerei interessiert auch dort höchstens peripher. Am einfachsten illustrieren lässt sich dies an ihrem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag, wo zwar erwähnt wird, sie sei eine Autorin, zugleich aber auch gesagt wird, berühmt sei sie wegen verschiedener Liaisons mit bekannten Künstlern (die historisch übrigens bestenfalls Gerüchte sind und kaum belegbar (was Brand im Essay aufzeigt)). Das Werk der Schriftstellerin wird in keinem Wort erwähnt und unvollständig gelistet. Es mag ein Zufall sein, dass sie einen schlechten Wikipedia-Eintrag hat, ist aber symptomatisch für die Rezeption von Dagny Juel, die nie so richtig als Schriftstellerin wahrgenommen worden ist.

Anhand dieser Indizien lässt sich vermuten, wie es zu diesem kurz gehaltenen Werk Juels kam, sie erfuhr keine Unterstützung in ihrem Bemühen, sogar ihr eigenes Bemühen galt den Werken anderer (Männer), dementsprechend lag ihr Schaffensfokus wohl auch nie auf dem eigenen Werk. Erschwerend kommt hinzu, dass Juel grosse Teile ihres Erwachsenenlebens in Armut verbracht hatte, wohl also mit dringenderen Anliegen beschäftigt war, als ihrem literarischen Output.

Die zweite Frage, warum dieses Werk jetzt auf Deutsch erscheint, die ist einfacher zu beantworten. Erstens ist es natürlich falsch und boshaft, Dagny Juel als obskure Dichterin zu bezeichnen. Ja, sie ging grösstenteils vergessen, wer aber ihr Werk liest, dem wird schnell klar, wie man ja bereits vermuten kann, dass sie zu Unrecht vergessen wurde. Es ist ein faszinierendes, wahnsinnig konzentriertes Werk, welches hier vorliegt. Zweitens verbrachte Juel grosse Teile ihres Lebens in Berlin und war dort Teil der Boheme. Hat also auch einen grossen Teil ihres Werks in Deutschland erschaffen und somit auch einen starken örtlichen Bezug zu Deutschland. Drittens wurde ihre Person durch einen 2015, auch im Weidle Verlag, veröffentlichten Roman, wieder etwas präsenter, diese Präsenz gab auch einen nicht unwesentlichen Anstoss zur Veröffentlichung, wie im Vorwort klar wird.

Was für ein Werk Dagny Juel hinterlassen hat, das war die dritte Frage, die sich mir stellte, es ist aber auch eine Frage, die sich erst im Rahmen dieser Veröffentlichung wirklich erschliesst, die Werke Juels alleine wären wohl nicht aussagekräftig genug. Die vorliegende Ausgabe enthält nicht nur ihr Werk, dieses wurde auch auf sinnvolle und sehr ausführliche Art und Weise kommentiert. Der anschliessende Essay von Lars Brandt, der, zugegeben, manchmal etwas gar pathoslastig ist im Ton, arbeitet die verschiedenen Stationen vom Leben Dagny Juels auf und versucht zu erklären, wie ihr Werk historisch zu deuten und verorten ist, vollzieht das Werk aber keiner tiefschürfenden literaturwissenschaftlichen Untersuchung. Aber ein so kurzes und knappes Gesamtwerk kann auch nur innerhalb biografischer Bezüge verstanden werden.

Juels Werk ist – egal ob Prosa, Drama oder Lyrik – stark konzentriert und folgt eigentlich immer zwei, bis drei, Liebenden. Meist stehen die Figuren in einer Dreieckskonstellation und wie Brandt im Essay herausarbeitet, sind es dabei meist die Frauenfiguren, die abgrundtief böse sind und den Männern nach dem Leben trachten. Den Kernpunkt ihres Werkes bilden sicherlich die vier Dramen, die grösstenteils auch zu Lebzeiten Juels veröffentlicht worden sind (nie aber auf Deutsch). Alleine aufgrund der Titel (“Der Stärkere”, “Wenn die Sonne niedergeht”, “Ravnegard”, “Die Sünde”) lässt sich erahnen, welche Schicksale die Liebenden erfahren werden. Sowohl in der Sprache wie auch in der Handlung bleiben die Figuren jeweils ganz bei sich und ihrem Begehren.

Die Werke erlauben es einem nicht, sie sich auf den ersten Blick zu erschliessen. Die Sprache ist so stark konzentriert, es ist zwingend notwendig, in dieser Konzentration vertieft zu suchen. Denn zugleich ist die Sprache auch sehr präzise. In der Lyrik finden sich oft auch Gegenüberstellungen und abgründige Gegensätze. Überhaupt wünschte ich mir beim Lesen der Lyrik Dagny Juels, dass es noch mehr Gedichte von ihr gäbe, die sind in Abgründigkeit und Tiefe bezaubernd.

Der Fluß strömt träge und tot
Voll von schmutzigem, klumpigem Blut
Des Bootes Segel ist flammend rot
Und über dem Mast schwebt naß
Ein freundlicher Geist: eine Fledermaus.
Dagny Juel, Flügel in Flammen, S. 40, erste Strophe eines namenlosen Gedichtes.

Diese Erstausgabe der gesammelten Werke Dagny Juels ist rundum gelungen. Denn Lars Brandt vollbringt hier auch als Übersetzer aussergewöhnliches. Die expressionistische Sprache Juels findet im Deutschen ein wohlklingendes neues Zuhause, Wörter wie “Sehnsuchtsauge” muss man sich dabei erst auf der Zunge zergehen lassen. Zudem ist das Buch auch ein haptisches Highlight, die fadengeheftete Broschur macht sich wunderbar in der Hand. Das gesamte Werk wirkt im besten Sinne altertümlich, sei es bei der Schriftwahl oder der Umschlaggestaltung. Kurzum, ein wirklich gelungenes Buch. Zudem wird damit ein bedeutendes Werk erstmals auf Deutsch zugänglich gemacht und Dagny Juel als Schriftstellerin aus dem Vergessen geholt.

Flügel in Flammen von Dagny Juel.

Dagny Juel: Flügel in Flammen.

Übertragen aus dem Norwegischen von Lars Brandt.

Mit einem Essay von Lars Brandt.

Originalveröffentlichung als Gesamtwerk auf Norwegisch 1996.

Entstanden in den Jahren 1893-1901.

176 Seiten.

Weidle.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Spezialisiert auf Literatur aus den 1920er und 1930 Jahren, bietet der Weidle Verlag seit 1993 eine Plattform für Wiederentdeckungen und Vergessenes. 2005 mit dem Kurt Wolff Preis ausgezeichnet, ist der in Bonn beheimatete Verlag auch für seine gestalterisch anspruchsvollen Werke bekannt.