Mir wurde vom Verlag ein elektronisches Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

In “Gallus, der Fremde” steht, wie der Titel unschwer vermuten lässt, Gallus, bekannt als Schutzpatron der Stadt St. Gallen und Begründer des Klosters St. Gallen, im Mittelpunkt. Gallus war ein Mönch aus dem Raum Irland, der im 7. Jahrhundert Irland zusammen mit 12 anderen Mönchen verliess, um das Heil auch auf dem europäischen Festland zu verkünden. Angeführt vom Wanderprediger Columbanus zogen die Mönsche durchs europäische Festland. Blieben mal länger, mal kürzer an einem Ort, je nachdem wie gut sie mit dem jeweiligen König gestellt waren. Während die Mönsche nach einiger Zeit der Sesshaftigkeit im Raum der heutigen Schweiz weiterziehen wollten, beschloss Gallus, zu bleiben. Dort wo er sich niederliess, steht das heutige Kloster St. Gallen.

Im Roman wird diese Geschichte nacherzählt. Die Nacherzählung einer Person, die vor so langer Zeit gelebt hat, muss zwangsläufig an Grenzen stossen: an die Grenzen des Überlieferten. Gabrielle Alioth hat sich aber dazu entschieden, diese Lücken und Leerstellen nicht einfach mit Fiktion aufzublasen und zu ergründen, wie dies ansonsten oft in historischen Romanen geschieht. Sie hat eine Figur aus der Jetztzeit in die Geschichte hineingedichtet. Diese namenlose Frau besucht Gallus nachdem er sich niedergelassen hat und bereits eine Abtei führt. Die Frau ist gekommen, um Gallus zu verstehen, um seine Geschichte nachzuvollziehen und löchert ihn dementsprechend mit Fragen.

Durch den Kniff der hinzugedichteten Frau schafft es der Roman, die Leerstellen zu plastifizieren und greifbar zu machen, wissen tut man zwar nich mehr aber trotzdem fühlt es sich an, als lasse sich so das Ungewisse besser verorten. Gallus wird einem auch nach der Lektüre eher fremd bleiben. Als Figur sperrt er sich, missachtet die Fragen der Frau und bleibt wortkarg und damit auch unnahbar. Dies hat mir gut gefallen, hier wird nichts dazu erfunden und die Fiktionalisierung der Überlieferung wird immer wieder thematisiert.

Erzählt wird die Geschichte aus drei Erzählperspektiven. Die Frau fungiert als Ich-Erzählerin, wird aber immer wieder von einem auktorialen Gegenpart abgelöst. Ich-Erzählung und Dritte-Person wechseln sich kontinuierlich ab. Des Weiteren wird in der dritten Erzählperspektive die Erinnerung Gallus’ nacherzählt und geschildert. An den besten Stellen funktioniert dieser Wechsel zwischen den drei Erzählperspektiven nahtlos und unbemerkt vom Leser, gerade am Ende des Romans gelingt dies sehr gut. Manchmal gibt es aber harte Schnitte, die die Künstlichkeit der drei Perspektiven in den Fokus rücken. Gerade zu Beginn hatte ich wahnsinnig Mühe in die Geschichte zu finden, da schon nach wenigen Seiten Perspektive gewechselt wird und diese dann in einem munteren Hin und Her aufgeht.

Gallus, der Fremde ist ein ruhiger Roman, der auf sanfte Art und Weise seine Geschichte erzählt und hat mir auch dadurch gut gefallen. Zum Teil fehlte mir dann aber auch etwas die Fabulierlust, wie sie sich zum Beispiel bei einem Willi Wottreng finden lässt und auch bei der Künstlichkeit der Form wäre etwas weniger mehr gewesen. Der Roman lebt von seiner Hauptfigur, diesem sperrigen Gallus, der sich nicht recht fassen lassen will und überzeugt gerade auch dadurch, durch diesen Gallus, der einem fremd bleibt, aber trotzdem ans Herz wächst. Trotz seiner Sperrigkeit und Knorzigkeit.

Website des Verlags zum Buch

Gabrielle Alioth: Gallus, der Fremde. Hier rezensiert als e-book, 246 Seiten, Lenos.


Zum Verlag:

Der Lenos Verlag ist ein unabhängiger Schweizer Verlag, welcher schwerpunktmässig schweizerische und arabische Literatur sowie Sachbücher verlegt. Gegründet wurde der Verlag 1970.


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