Ich schreibe, also bin ich von Simone Frieling

Nick Lüthi

Ich schreibe, also bin ich von Simone Frieling

Ich schreibe, also bin ich. Wer glaubt, der existenzialistische Titel von Simone Frielings Porträtband weiblicher Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts sei übertrieben, der irrt. In jedem der 10 Porträts wird unmissverständlich klar, wie sehr die Existenz der Porträtierten mit ihrem jeweiligen schriftstellerischen Schaffen zusammenhängt. Es sind die Schreibtische, Wohnstuben und Dachböden, die die Schauplätze dieser Porträts bilden, an denen grosse Literatur entsteht und die gleichzeitig den ständigen Kampf aller dieser Frauen abbilden, zwischen den eigenen Pflichten und dem Drang zu schreiben.

Es ist nicht nur der Titel dieses Bandes, der ganz klar auf die Verbindung von Existenz und Schriftstellertum verweist. Auch die Lebenseinstellung der Porträtierten erinnert an die Cartesianische Philosophie, alles, was Bedeutung hat, ist geistlich. Wer schreibt, der ist. Marina Zwetajewa äussert das ganz direkt: «Habe aufgehört zu schreiben, habe aufgehört zu sein». Die eigenen Körper, wortwörtlich wie sinnbildlich, sind nur Gehäuse für den Geist. Das liegt einerseits sicherlich am äusseren Kampf, an den historischen Begebenheiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von denen Jede in irgendeiner Form betroffen war. Zwei Weltkriege, Hungersnöte, Finanzkrisen. Die Lebensumstände in Europa waren in dieser Zeit nicht gerade empfänglich für schriftstellerisches Tun. Andererseits ist es aber immer auch ein innerer Kampf, verbunden mit der Sorge um mütterliche, eheliche, haushälterische Pflichten, welche oftmals nur erfüllt werden können, wenn die schriftstellerischen zurückgedrängt werden.

Dabei ist die Person nie ohne das Zimmer zu denken; beides scheint eins. Das Zimmer ist der Ort ihres sichtbaren Werks, an dem alles zum Kunstwerk wird.

Simone Frieling: Ich schreibe, also bin ich, S. 54. Über das Zimmer von Gertrude Stein.

Simone Frieling schreibt die Porträts dieser Frauen mit existenzialistischer Dringlichkeit. Dicht, leidenschaftlich und mit einem geschärften Blick. Festgemacht sind ihre Porträts an den Orten zum Schreiben. Diese Häuser, Zimmer, Tische, Nischen bilden den Sammelplatz, der diesen Band im Innersten zusammenhält. Durch diesen geschickt gewählten Zugang zum jeweiligen Leben und Wirken, gelingen äusserst interessante Porträts, die nicht hundertfach wiederholen, was schon lange bekannt, sondern unter neuer Perspektive die Entstehung bedeutender Literatur im genauen Wortsinne zu verorten suchen.

Einzig die Auswahl der porträtierten Autorinnen ist etwas fad. Porträtiert werden ausschliesslich breit kanonisierte Schriftstellerinnen, deren Namen weitaus bekannt sind. Anstelle von Virginia Woolf, Sylvia Plath oder Else Lasker-Schüler könnten aber genauso gut Auguste Hauschnner, Gutti Alsen oder Ricarda Huch porträtiert werden. Allesamt Autorinnen des 20. Jahrhunderts, die nicht gleiche Anerkennung gefunden haben, ihren Platz im Kanon aber ebenso verdient hätten. Natürlich, es ist nicht ganz fair von mir, diesem Buch nachträgliche Kanonbildung als Aufgabe hinzuzudichten, zugleich ist es aber doch eine vertane Chance. Ein Werk, welches sich so ausschliesslich, so explizit und mit einer solchen Leidenschaft weiblichem Schreiben widmet, bleibt trotzdem ein Stück weit im männlich tradierten Kanon verhangen, indem dieser Ursprungskanon weiter zementiert und bestätigt wird.

Nach dem Lesen dieses Bandes bin ich mir in einem sicher. Schreiben ist ein Kampf. Daseinsberechtigung. Zugang zur Welt. Mittel zum Verstehen und Begreifen. Simone Frieling gelingt es, auf wenigen Seiten Leben zu verdichten. Es gelingt, was Porträts über Schreibende ganz besonders auszeichnet, nach jedem Aufsatz will man sich durch die Werke dieser Schriftstellerinnen wälzen, der auf dem Dachboden dichtenden Marina Zwetajewa näherkommen, in Gertrude Steins Zimmer Einblicken oder Katherine Mansfields wütender und ortsloser Prosa begegnen. Weil Schreiben eben mehr ist als nur Worte auf Papier zu bringen. Wer schreibt, der existiert. Weit über die eigene Zeit hinaus.

Ich schreibe, also bin ich von Simone Frieling.

Simone Frieling: Ich schreibe, also bin ich.

Mit Grafiken von Simone Frieling.

Reihe: blue notes 83.

144 Seiten.

Ebersbach & Simon.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Halbleinen) · bedrucktes Vorsatzpapier (Photographie) · fadengeheftet

Mehr über die Bücher von Ebersbach & Simon:
Ausschliesslich anspruchsvolle Literatur von und über Frauen wird verlegt vom Verlag Ebersbach & Simon. Der 1990 von Brigitte Ebersbach noch als edition ebersbach gegründete Verlag, hat seinen heutigen Namen seit 2015, als Sascha Nicoletta Simon den Verlag übernommen hat.





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