Im Meer treibt die Welt von Ruth Erat.

Mit einem Mal fiel Wandeler ein, wie prekär die Lage ist. Ein leeres All, Proxima Centauris mehr als vier Lichtjahre entfernt von diesem Sonnensystem. Dazwischen nichts, keine greifbare Materie, keine sichtbare Idee.

Wandeler ist Anlageberater. Als ihm klar wird wie “prekär die Lage ist”, zerfällt seine Daseinsberechtigung und er beginnt zu zweifeln. An seiner Existenz, seinen Entscheidungen, dem Leben, der Lage der Welt. Erfasst von dieser Existenzangst fährt Wandeler ans Meer. Lässt sich dort vom rhythmischen Schaukeln der Wellen hypnotisieren, trifft auf Frauen in gelben Pelerinen und bleibt. Als selbständiger Anlageberater kann er seine Arbeit auch vom billigen Motel mit Meerblick aus erledigen. Im Küstenort Menton treibt er dann umher, hinterfragt dabei sowohl den Wellengang wie auch sein eigenes Leben. Und immer steht das Meer dazwischen, rauscht und braust, als wäre nichts gewesen.

Im Meer treibt die Welt ist ein sperriges und faszinierendes Werk. Eines, bei dem ich auf den ersten Blick nicht so recht weiss, wie ich ihm begegnen soll. Während auf Handlungsebene wenig bis gar nichts passiert, fliegen der Leserin Wandelers Gedanken und Existenzialismen um die Ohren. Die Gedanken rauschen von Proxima Centauris hinein in Wandelers Leben und wieder zurück. Damit wird der Leserin einiges abverlangt, fehlt doch der Rettungsanker in Form einer Handlung, die die Flucht der Gedanken wieder ordnet und erdet. Gleichzeitig ist das kompromisslos. Die Erzählung mutet stellenweise an, wie die ungesicherte Besteigung eines Berges. Ohne Sicherung und ohne Netz. Genau wie ein Bergsteiger zwischen Abgrund und Gipfel tanzt, tanzt Ruth Erats Erzählung auch, zwischen Sperrigkeit und tiefem Einblick in das Seelenleben eines Existenzverängstigten.

Wandelers existenzielles Leiden wäre auch für den Leser ein Leiden, könnte Ruth Erat nicht schreiben. Bravourös wandelt sie zwischen verkopftem Weltallblick und durchdringender Beobachtung. In der stockenden und sperrigen Sprache versteckt sich Poesie. Bei aller Kunstfertigkeit bleibt Im Meer treibt die Welt aber eine Erzählung, die man nicht mal so nebenbei liest.

Wandelers Abstieg in die Tiefen der eigenen Existenz wird von acht Zeichnungen der Autorin illustriert, die den Gestaltungsanspruch des Werkes unterstreichen. Auf dickem Papier und in Englischer Broschur mit farbigem Vorsatzpapier, bekommt Ruth Erats Erzählung ein äusserst gepflegtes Äusseres verpasst. Wie erfrischend ist es übrigens, wird hier das Muster gebrochen, dass jedes fiktionale Werk mit mehr als 50 Seiten Länge gleich ein Roman sein muss. Im Meer treibt die Welt ist eine Erzählung.

Wandelers existenzielle Krise ist kein Buch für jeden. Wer nur nach schneller Unterhaltung oder plotgetriebenen Geschichten aus ist, ist hier sicherlich fehl am Platz. Das Buch verlangt Zeit und Langsamkeit, damit sich die in ihm versteckten Weisheiten erschliessen lassen. In der Langsamkeit kommt dann auch Ruth Erats vielschichtige und poetische Sprache zur Entfaltung.

Im Meer treibt die Welt von Ruth Erat.

Ruth Erat: Im Meer treibt die Welt.

Mit 8 Zeichnungen der Autorin.

lektur prosa 56.

168 Seiten.

Waldgut.

Website zum Buch

Zum Buch:
Englische Broschur · farbiges Vorsatzpapier (blau) · Klebebindung

Zum Verlag:
1980 enstand im Zürcher Oberland, in einem Bauernhaus mit dem selben Namen, der Waldgut Verlag. Verlegt werden Klassiker sowie zeitgenössische Lyrik und Prosa. Immer in gestalterisch aufwendigem Gewand.