Wo man sich zu Büchern aus unabhängigen Verlagen informieren kann

Nick Lüthi

Unabhängige Buchverlage nehmen eine wichtige Funktion im Buchmarkt ein, in dem sie für Vielfalt und Entdeckungen stehen und viele grossartige Bücher veröffentlichen. Oftmals fehlt diesen Büchern aber Sichtbarkeit, sowohl im Buchhandel als auch in den klassischen Rezensionsorganen. Diesem Sichtbarkeitsproblem begegnen einerseits die Verlage selbst, in dem sie sich zusammenschliessen und ihre Interessen gemeinsam vertreten. Andererseits bietet auch das Internet einige Anlaufstellen und Kanäle, wo sich viele Entdeckungen machen lassen.

Wo man sich zu Büchern aus unabhängigen Verlagen informieren kann

Zuallererst, nur weil ein Buch in einem unabhängigen und kleinen Verlag erschienen ist, ist es nicht gleich beachtenswert. Die Indies veröffentlichen genauso Schrott, wie es auch Konzernverlage tun. Wo ein Buch erscheint, sagt vorerst noch nicht zwingend etwas über dessen Qualität aus. Sobald man aber das Sichtfeld weitet und die unabhängigen Verlage im Grossen betrachtet, entdeckt man ein unglaublich spannendes, variantenreiches und vor allem beachtenswertes Feld, in dem sich eine Vielzahl lesenswerter Bücher tummeln, die oftmals nicht die Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit erfahren, welche sie verdient hätten.

Um genau diesem Sichtbarkeitsproblem zu begegnen, gibt es in allen drei DACH-Ländern Organisationen, die die Interessen unabhängiger Verlage vertreten und sich für deren Anliegen einsetzen. In Deutschland sind unter dem Rücken der Kurt Wolff Stiftung 100 Verlage zusammengeschlossen, einige andere präsentieren sich als Independent Verlage auf einer gemeinsamen Website. In Österreich nennt sich der Zusammenschluss Arbeitsgruppe Privatverlage (ARGE) und in der Schweiz SWIPS, was für Swiss Independent Publishers steht. Zur Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober sind nun Kataloge zweier dieser Interessengemeinschaften erschienen, die Bücher aus den deutschen und österreichischen Verlagen listen und die einen Blick wert sind.

Kataloge der Kurt Wolff Stiftung & der IG Autorinnen Autoren

Der Katalog der Kurt Wolff Stiftung stellt 77 seiner 100 Verlagsmitglieder auf einer Seite mit jeweils drei aktuellen Büchern vor. Dieser Katalog will also nicht zwingend umfassend sein, sondern neugierig machen auf spannende Bücher. Auch die Verlage werden in ein paar Sätzen umschrieben und mit einem Überblick über die historischen Eckdaten des Verlags bedacht. Umrahmt wird der Katalog von Bildern der Bücher der Eremiten-Presse, welche 2010 die Segel streichen musste. Der Katalog kann über den Buchhandel bezogen werden und bietet einen grossartigen und schön gestalteten Anlaufpunkt. Einziger Haken: Verlage aus Österreich und der Schweiz fehlen gänzlich, Hunderte Verlage aus Deutschland fehlen ebenso. Was natürlich unumgänglich ist, wenn aus über 3000 deutschsprachigen Buchverlagen 77 vorgestellt werden.

Der Katalog der IG Autorinnen Autoren aus Österreich hat einen anderen Ansatz und versucht, ein umfassendes Nachschlagewerk zu sein und einen Gesamtüberblick zu bieten über das österreichische Literaturschaffen. 3034 Titel aus 161 österreichischen Verlagen veröffentlicht in den Jahren 2018/19 sind so zusammengekommen. Diese komplette Nabelschau enthält zusätzlich auch noch über 1000 Titel österreichischer Autor*innen aus deutschen und schweizerischen Verlagen. Der über 200 seitige Brocken übernimmt dabei klassische Katalogfunktion und die einzelnen Bücher stehen im Vordergrund, nicht die Verlage.

Nicht alle der 161 gelisteten Verlage sind unabhängig, einige wenige, wie etwa der Paul Zsolnay Verlag, gehören zu grösseren Verlagsgruppen. Obwohl der Katalog also nicht zwingend nur die Interessen unabhängiger Verlage verfolgt, bietet er eine gute erste Anlaufstelle um sich in die Tausenden Bücher aus österreichischen Kleinverlagen einzulesen.

In diesen beiden Katalogen lässt sich aber ein grundlegendes Problem erkennen: Entweder sind die Kataloge nicht allumfassend wie im Falle der Kurt Wolff Stiftung und bieten nur eine erste Anlaufstelle oder aber, wenn sie umfassend sind wie der Katalog der österreichischen Literatur, muss man sich zuerst einlesen und einarbeiten, um bewusst die unabhängigen Verlage herauszusuchen. Und schlussendlich sind solche Kataloge immer auch eines: Werbeprodukte. Als Leser*in ist ja aber meist eine Meinung zum Buch gewünscht, nicht ein Werbetext über dessen Inhalt.

Wo werden denn die Bücher der Indies besprochen?

Die obige Frage lässt sich natürlich nicht abschliessend beantworten. Ins Feuilleton der auflagenstarken überregionalen oder nationalen Zeitungen verirren sich nur wenige Bücher, in die Literatursendungen von ARD, ZDF, ORF und SRF fast gar keine. Wer in auflagenstarken Medien nach Besprechungen sucht, hat seine besten Chancen im Radio. Deutschlandfunk Kultur bespricht in zahlreichen Sendungen regelmässig Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Als Leser*in findet man Besprechungen am einfachsten und hauptsächlich im Internet. Dieses Blog existiert ja genau aus diesem Grund, um Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen zu präsentieren. Dazu gibt es einerseits eine kommentierte Verlagsliste und andererseits bietet das Archiv viele Entdeckungsmöglichkeiten. Die einzigen weiteren deutschsprachigen Blogs die regelmässig und ausschliesslich Bücher von Indies besprechen sind der Hotlist-Blog und der Kollektivblog We read Indie. Eine weitere Anlaufstelle, wo sehr häufig Indies besprochen werden, ist Fixpoetry. Ansonsten bietet sich der Indiebookday oder Hashtags wie #indiebookchallenge, #everydayisindiebookday oder #indiebooks in den sozialen Netzwerken für Entdeckungen an. Das Problem von all den genannten Quellen: sie können wiederum nur eine Auswahl präsentieren. Wer sich also vertieft mit den Verlagen selbst beschäftigen will, muss sich mit Listen und Verlagswebseiten herumschlagen.

Die umfassendste Liste zu unabhängigen Verlagen die existiert, wird von der Hotlist geführt, einem Verein der seit 11 Jahren einen jährlichen Preis für das beste Buch aus unabhängigen Verlagen vergibt. Die Einreichungen für diesen Hotlist-Preis bieten übrigens jedes Jahr auch eine grossartige Stöberquelle, da jeder Verlag nur ein Buch einreichen darf. Die aktuellste Einreichungsliste mit 160 Titeln aus ebenso vielen Verlagen findet sich hier. Es existieren noch einige weitere Zusammenschlüsse und Webseiten, diese werden aber meist von Presseagenturen betrieben und sind dementsprechend selektiv in der Auswahl. Aber auch Listen haben ihre Nachteile, sie verlangen sehr viel Arbeit und Einlesungszeit, die man nicht immer leisten kann oder will. Und da bleibt wiederum nur etwas: der Blick in die Blogs!

Aber, wichtiger als sich bei jedem Kauf zu überlegen, ob ein Buch nun von einem unabhängigen Verlag stammt oder nicht, ist es, auch mal bewusst zu einem Indie-Titel zu greifen und sich darüber zu informieren. Nur weil ein Buch in einem unabhängigen Verlag erscheint, ist es zwar nicht sogleich lesenswert aber als Leser*innen haben wir aber auch ein Interesse daran (oder sollten es zumindest haben), dass der Buchmarkt vielfältig und divers bleibt und am einfachsten leisten wir einen Beitrag dazu, indem wir den unabhängigen Verlagen einen zweiten, dritten und vierten Blick schenken. Auch wenn das etwas mehr Einlesungszeit und Aufwand erfordert: Es lohnt sich.

Die Literatur der österreichischen Kunst-, Kultur- und Autorenverlage. Katalog 2019/20.

IG Autorinnen Autoren (Hg.): Die Literatur der österreichischen Kunst-, Kultur- und Autorenverlage. Katalog 2019/20.

212 Seiten.

IG Autorinnen Autoren.

Website zum Katalog

Zum Katalog:
Broschur · Klebebindung

Der Katalog der unabhängigen Verlage 2019/20.

Kurt Wolff Stiftung (Hg.): Der Katalog der unabhängigen Verlage 2019/20.

92 Seiten.

Kurt Wolff Stiftung.

Website zum Katalog

Zum Katalog:
Broschur · Rückendrahtheftung




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