Wenn dich der Papst nach Schwamendingen schickt

Innozenz von Gion Mathias Cavelty

Nick Lüthi

Gion Mathias Cavelty nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise. Bevölkert von (man verzeihe mir hier die krude Vereinfachung) Cello spielenden Brüdern, sprechenden Büchern, gestandenen Heiligen und ein paar dörflichen Satanisten. Auf diesem Höllenritt bleibt tatsächlich kein Stein auf seinem Platz.

Wenn dich der Papst nach Schwamendingen schickt

Es beginnt sanft, der heilige Innozenz wird zum Papst geholt und dort von ihm gebeten, in Schwamendingen nach dem Rechten zu sehen und den Schädel des ersten Menschen aufzuspüren (der selbstverständlich nicht in die Hände von ein paar Dorfsatanisten, sondern in diejenigen der heiligen römischen Kirche gehört). Bewaffnet mit einem Inquisitorenköfferchen und einem heimlich dazugeschlichenen Buch (übrigens der Erzähler des Romans) nimmt der offiziell als Käferforscher unterwegs seiende seine Reise auf.

Innozenz’ Begleiter, das sprechende Buch, mag man zu Beginn (wo alles in noch einigermassen geordneten Bahnen verläuft) noch als erzählerische Krux abtun, schnell wird es aber Vorbote eines phantastischen Stoffes, der sich immer weiter weg von der Realität, hin zur Apokalypse entwickelt. Dieser Stoff führt den Heiligen und sein Buch ziemlich schnell ins Schwamendinger Ziel, wo sich die Ereignisse überschlagen werden. Dämonen und abtrünnige Geistliche in der dorfeigenen Kneipe sind da noch das kleinste Übel. Nicht ist, wie es scheint und die Erzählung darf sich hier komplett in ihren übernatürlichen (exgüse, biblischen) Bahnen entfalten.

Mit dem Inquisitorenköfferchen ̣̣─ offiziell: Käferforscherköfferchen ─ in der linken und einem Käferfangnetzt in der rechten Hand machte sich Innozenz auf den Weg nach Schwamendingen. Sein Schritt war federnd und flott.

Gion Mathias Cavelty: Innozenz, S. 23.

Genauso schnell wie man die Reise begonnen hat, ist sie auch wieder vorbei und das schmale Büchlein ausgelesen. Gion Mathias Cavelty hat seine Geschichte mit sichtlichem Spass und sichtlicher Verve niedergeschrieben. Die rastlose Erzählung kennt keine Grenzen und zieht die Leser*innen mit, durch den Dreck bis zum Untergang von allem Bekannten. Das ist absurd, manchmal blödsinnig, meist voller Schabernack und gut durchgetaktet. Schön ist auch, wie immer wieder mit Doppelbödigkeiten gespielt wird und das Buch Innozenz (der Roman und das erzählende Buch sind das gleiche Werk, aber das lesen Sie am besten selbst nach) umgedeutet und neu interpretierbar gemacht wird. Man kann sich nur mehr Bücher wünschen, die sich (scheinbar) von erzählerischen Konventionen befreien und den darunterliegenden Ideen vollen Raum zur Entfaltung lassen und die eigene Absurdität als Faktum akzeptieren.

Das soll nicht heissen, dass Innozenz ein rein absurder Ulk ist. Dazu werden die religiösen Motive zu gekonnt eingeflochten und zu variantenreich umstrukturiert. Die Mühen hinter der Komposition merkt man dem Roman aber nur sehr selten an, etwa wenn eine etwas zu lang geratene Liste durchgerutscht ist, die andeutet, wie viel kompositorische Mühen hier hineingesteckt wurden.

Gion Mathias Cavelty hat einen unterhaltsamen Roman geschrieben, der in irrwitzigem Tempo von einer guten Idee zur nächsten hechtet. Atempausen gehören nicht zum Programm dazu und die braucht es auch nicht. Denn erst als verausgabender, mit der Peitsche vorangepreschter Höllenritt macht dieser Roman so richtig Spass!

Innozenz von Gion Mathias Cavelty

Gion Mathias Cavelty: Innozenz.

176 Seiten.

lectorbooks.

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Zum Buch: bedruckter Einband mit Goldprägung (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (gold) · Lesebändchen (schwarz) · Klebebindung

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