Die Deutungshoheit des eigenen Lebens

Jein von Büke Schwarz

Nick Lüthi

Was passiert, wenn die Anderen in einem immer mehr oder anderes sehen wollen, als man glaubt, vorzugeben und zu sein? Wem gehört die Deutungshoheit über sich selbst? Und was hat das Alles mit Kunst zu tun? Das Debüt von Büke Schwarz erzählt vom Anders-wahrgenommen-werden, Kunst und überhaupt.

Die Deutungshoheit des eigenen Lebens

Elâ hat gerade einen der Hauptpreise einer bedeutenden Kunststiftung gewonnen. In gebührender Siegerpose wird der Preis nur kurz gefeiert, denn zusammen mit den drei anderen Preisträger*innen beginnen schon bald die Vorbereitungsarbeiten für die mit dem Preis verbundene Ausstellung. Es könnte der erhoffte grosse Durchbruch sein, der Elâ Tür und Tor in der Kunstwelt öffnet. Bis aber die Ausstellung eröffnet wird, geht der alltägliche Wahnsinn weiter. Interviews, Absprachen mit den anderen drei Preisträger*innen (die Ausstellung muss natürlich ein super spannendes Konzept verfolgen und von einem Manifest begleitet werden), der türkische Vater, der Kontakte vermitteln will, die Rückbesinnung auf eigene Wurzeln und politische Kunst.

Büke Schwarz behandelt die Geschichte von Elâ unaufgeregt und unprätentiös. Die darin behandelten Themenkomplexe werden nicht überdramatisch zur Schau gestellt, sondern in der zugrundeliegenden nüchternen Wirklichkeit verhandelt. Als Halb-Türkin steht Elâ immer wieder im Konflikt zwischen verschiedenen Ansprüchen. Da ist zum einen die Erwartungshaltung des Vaters, der sie an ihre Wurzeln erinnert und zur Karriere in der Türkei drängt, andererseits aber auch die Forderungen an und Bemerkungen zu ihrer Kunst, die doch sicherlich stark mit ihrer Herkunft verknüpft sei. Dazu gesellt sich auch noch Elâs eigener, nicht ganz einfacher, Umgang mit ihren Wurzeln.

Büke Schwarz gelingt es, die inneren Konflikte ihrer Protagonistin aufzuzeigen, die zwischen den Projektionsbildern von Aussen und ihren eigenen Ansichten hin und her jonglieren muss, und dabei zugleich die politische Situation und die inneren Spannungen der Türkei in die Geschichte einzuweben. Schwarz verhandelt was es heisst, immer wieder von Aussen vorgeschrieben zu bekommen, wie man zu sein hat, nur weil man eine bestimmte Herkunft in sich trägt, ohne selbst immer genau zu wissen, wie man zu dieser Herkunft steht. Dadurch entsteht ein komplexes, lebensnahes Bild der Hauptfigur, das auf tatkräftige Weise viele zentrale Auseinandersetzungen einer multikulturellen Gesellschaft näherbringt.

Jein von Büke Schwarz.

Gezeichnet ist die Geschichte Elâs mit schnellem Strich und in groben, grossflächigen Schattierungen, die die ganz in Grautönen gehaltenen Zeichnungen atmosphärisch umreissen. Die Dialoge sind knackig und gewitzt, die wenigen Passagen in Farbe (die jeweiligen splash pages für die Kapitelüberschriften) unterstreichen weiter das Universum des Buches, welches sehr schön und wertig gestaltet wurde und in grossem Format die Gefühlswelt seiner Protagonistin aufleben lässt.

Jein ist eine konfliktgeladene Graphic Novel, die unauffällig und subtil ernste Themen mit einem ganz normalen Künstlerleben vermischt und so viele Bereiche anschneidet, die wichtig sind und besprochen gehören. Wer nach einer eleganten Vernetzung von Themen wie Identität, Politik und Kunst, nach einer komplexen Hauptfigur oder schlicht nach einer gelungenen Graphic Novel sucht, wird bei Büke Schwarz ziemlich sicher fündig werden.

Jein von Büke Schwarz

Büke Schwarz: Jein.

232 Seiten.

Jaja.

Website zum Buch

Zum Buch: geprägte Klappenbroschur · bedruckter Vorsatz (Illustration) · Klebebindung · grosses Format

Mehr über die Bücher des Jaja Verlags:
Annette Köhn hat den Jaja Verlag 2011 ins Leben gerufen (O-Ton: «Cool, Ich habe echt einen Verlag gegründet.»). Seit jeher sind es Comics und Graphic Novels, die hauptsächlich im Verlag erscheinen, aber auch Kalender und andere Genres haben ihren Platz im Programm, das sich auch durch herausragende Buchgestaltung auszeichnet.





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