Zerfallene Raupen

Mush von Sonja vom Brocke

Die Gedichte von Sonja vom Brocke tappen durch lyrische Verfallsmasse. Daraus wachsen Menschen, Pflanzen und ganze Ozeane. Sprachlich ausschweifend, überbordend, aber immer nahe am Zerfall.

Zerfallene Raupen

Eingangs des Bandes wird Sheila Heti zitiert. Im Zitat erklärt Heti, dass Raupen, wenn sie sich im Kokon verpuppen, nicht zu Schmetterlingen werden, sondern zu “Mush” zerfallen und der Schmetterling sich dann aus dieser Verfallsmasse heraus bildet. Angeschlossen an diese Feststellung steht die für diesen Band sinnbildende Frage Hetis:

Heti stellt sich die Frage nicht selbst, sie lässt die Figuren in ihrem Roman Mutterschaft darüber sinnieren. Ein Roman, der das Kinderkriegen, das Dafür und Dawider, in Abwägung bringt. Dieser Kontext, in den Heti den Mush stellt, ist für von Brockes Lyrik wichtig, es wäre aber falsch (um nicht zu sagen, gänzlich verfehlt), sie alleine darin betrachten zu wollen. Das Thema der Mutterschaft findet sich zwar auch, wird aber sehr viel vielfältiger ergänzt und mit einer weiten Metaphorik um Natur (im besonderen Pflanzen) erweitert. Aber reden wir jetzt zuerst über den Mush.

Ja, warum redet denn jetzt niemand über diese Verfallsmasse, diesen Mush? Sonja vom Brocke tut es. Sie hüllt ihre Gedichte in einen Kokon und stapft dann durch den darin steckenden Brei um zu beobachten, was daraus erwachsen wird. Es ist der Matsch, der Moder, kurzum der feuchte Grund, aus dem sich diese Gedichte erst erheben müssen, um sich dann langsam zu entwickeln, zu Pflanzen werden eine Fontanelle ausbilden oder zum Nieswurz werden, um schlussendlich das erlangte Wissen, weise wie die Makrelen, zu reflektieren.

Gestrüpp, Müll, ein rabenschwarzes Wappen

Sinn erzeugen per Staffelung? Wie wächst das Nussfleisch?

Lauf über. ─ Aber sie öffnen nicht!

Lotsen Kriege, einvernehmlich, Leuchtscheiben schießen schräg aus den Torsi.

Abwärts, geschwind, als Bedingung für Saumseligkeit, keine andere.
Sonja vom Brocke: Mush, S. 15.

Vom Brocke spielt dementsprechend mit der Natur, ihrem Zerfall und ihrer Wiederauferstehung (oder vielleicht besser: ihrem Verfallsmassenwachstum). Die Zerstörung und der Zerfall werden im Neuen immer schon mitgedacht und mitgeführt. Sprachlich ist dieses Spiel opulent, getrieben von einem schier unaufhörlichen Wortschatz, der zwischen Wahn- und Sprachwitz springt. Fast wäre ich hier geneigt, die alte Trope der Klaviatur und deren Spiel abzustauben und zu verwenden, zum Glück aber nur fast. Besser suchen wir uns ein neues Bild (entlehnen es aber auch der Musik): Sprachlich ist dieser Band genauso ausserordentlich und verblüffend, wie eine Sänger*in verblüfft, die ihre Stimme mühelos auf über vier Oktaven zum Klingen bringt (ob das wohl jetzt ein besseres Bild ist, als dasjenige der Oktave?). Sprachlicher Falsett-Bass also gewissermassen. Damit ist nicht zu sagen, dass sich die Themen in sprachlicher Opulenz ersäufen, das Hecheln und Röhren aus dem Kokon ist weiterhin zu vernehmen, genau hinhören muss man aber schon.

Spannend am Band ist auch, wie die Gedichte selbst sowohl in Form wie auch typographisch den zentralen Gegenstand wieder auffassen: Die Unterteilungen der Gedichte wirken wie bewusst herbeigeführte Brüche, die wieder zum Mush zurückführen sollen, weil sie wild und zerfahren daherkommen, genauso wie die kleineren und grösseren Stücke innerhalb eines Mushs. Die so erbaute Zerstückelung zieht sich auch typographisch durch den Band mittels verschiedenen Schriften und der Verteilung der Gedichte und Gedichtstücke auf den Seiten. Aber natürlich, eigentlich kann das gar nicht anders sein, denn die Leerstelle, die Uneinigkeit gehört ebenso zum Mush, wie die darin zerfallene Raupe.

Cover Mush

Sonja vom Brocke: Mush.

96 Seiten.

kookbooks.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (hellbraun) · fadengeheftet

Mehr über die Bücher des kookbooks Verlags:
2003 in Berlin entstanden, hat sich der kookbooks Verlag schnell einen Namen als bedeutender Lyrikverlag geschaffen. Verlegt wird neben Essays und Prosa schwerpunktmässig Lyrik. Die Bücher des Verlages sind immer sehr aufwendig und hochwertig gestaltet.