Reporterstreifzüge von Hugo von Kupffer

Nick Lüthi

Reporterstreifzüge von Hugo von Kupffer.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es im auflagenstarken «Berliner Lokal-Anzeiger» eine Rubrik, die den Titel «Reporter-Streifzüge» trug. Darin hat Chefredaktor Hugo von Kupffer (1853-1928) genau das getan, was man sich vom Titel verspricht. Er streifte durch Berlin, berichtete und beobachtete dem Zeitungsleser, was er auf diesen Streifzügen erfahren und entdeckt hatte. Entstanden sind so einige der ersten deutschsprachigen Reportagen. Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch beispielsweise, der gemeinhin als Prototyp des frühen deutschsprachigen Reporters gilt, war bei der Veröffentlichung der ersten Reportagen von Kupffers gerade einmal ein Jahr alt.

Die Streifzüge von Kupffers decken viele Bereiche des modernen Grossstadtlebens ab, sei es die Wasserversorgung und Reinigung, die städtisch geregelte Aufbahrung von Leichen oder die Gepflogenheiten sogenannter Zahlkellner. Mit viel Entdeckungswillen folgt der Reporter diesen Menschen und Situationen und berichtet danach in möglichst neutraler Weise vom Gesehenen. Die hier versammelten Reportagen wurden in den Jahren 1886–1888 und 1890–1892 im Lokal-Anzeiger veröffentlicht. 1889, also zwischen der ersten und der zweiten Folge, sind die Reportagen in Buchform gesammelt erschienen.

Der vorliegende Band vereint nun erstmals alle (noch auffindbaren) Reporterstreifzüge, wobei die Reportagen der ersten Folge der Buchvorlage folgen, diejenige der zweiten den Beiträgen aus dem Berliner Lokal-Anzeiger. Es ist grosses Verdienst dieses Buches und seines Herausgebers, Fabian Mauch, gerade die Reportagen der zweiten Folge ausfindig gemacht zu haben. Teils fehlen in den Archiven grosse Teile der entscheidenden Jahrgänge des «Berliner Lokal-Anzeigers» und einzelne Reportagen müssen heute als verschollen betrachtet werden. Wie Mauch auch im Nachwort thematisiert, ist es bei diesen Reportagen auch hauptsächlich ihrem ursprünglichen Veröffentlichungsmedium geschuldet, das einige mittlerweile nicht mehr auffindbar sind. Die Zeitungen waren natürlich Massen- und Gebrauchsmedien. Die Reportagen von Hugo von Kupffer, wie dieses Buch beweist, haben aber Qualität, die weit über ihre ursprüngliche Veröffentlichung und deren Form hinausreicht.

Es sind zwei Aspekte, die mir beim Lesen besonders aufgefallen sind: Erstens, sind die Reportagen sehr stark in ihrer Entstehungszeit und ihrer Veröffentlichungsform verankert und haben damit einen starken zeitgenössischen Bezug, der sich nur schwer von den Reportagen lösen lässt. Zweitens, tritt die Moderne und der technologische Fortschritt in den Reportagen ganz besonders in Erscheinung.

Reporterstreifzüge von Hugo von Kupffer.

Gerade die ersten paar Reportagen lesen sich als heutige Leser*in nicht mehr ganz einfach. Vieles, was von Kupffer als bekannt voraussetzen konnte, ist uns heutigen Rezipient*innen nicht mehr oder nur schwer geläufig. So braucht es durchaus etwas Anlaufzeit, um sich in die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts hineinzudenken. Gebräuche wie die der Todesstrafe oder der öffentlichen Leichenschau zur Identifikation jener Leichen, sind heute schlichtweg nicht mehr geläufig. Stellenweise sind die benutzen Wörter gänzlich unbekannt oder in der Bedeutung verändert (Backfischmädchen, fashionable) und auch die Schilderung der jeweiligen Umstände (Gerichtsprozesse etwa) ist manchmal zu kurz, um rein aus dem Text den genauen Kontext ableiten zu können.

Spannend ist aber, dass dieser starke entstehungszeitliche Bezug schnell vergessen geht, was durchaus auch mit der Ausrichtung der Reportagen zu Tun hat. Der Berliner Lokal-Anzeiger war auflagenstark, richtete sich an ein breites Publikum und war, wie auch Mauch im Nachwort ausführt, Vorläufer heutiger Boulevard-Medien wie der Bild. In einfacher Sprache sollten im Anzeiger über aktuelle Begebenheiten und Ereignisse berichtet werden. Auch von Kupffers Streifzüge waren nicht frei von dieser Ausrichtung und so werden von ihm auch häufig Themen berührt, die etwas Anrüchiges haben oder eine morbide Faszination auf den Betrachter ausüben. Sei es nun der Berliner Scharfrichter, Einbalsamierungsarbeiten, Schlachthöfe oder Gerichtsprozesse, die Reportagen hatten immer auch die Wissbegierde von von Kupffers Zeitgenossen zu bedienen. Diese ursprüngliche Ausrichtung der Reportagen erklärt Motivwahl und Auswahl des jeweiligen Protagonisten, bildet nun, über 130 Jahre später, einen äusserst erhellenden Blick auf die Entstehung und Werdung einer Grossstadt.

Gerade in der zweiten Folge wird diese “anrüchige” Motivauswahl etwas aufgelockert und der technologische Fortschritt nimmt überhand. So thematisiert von Kupffer etwa, wie die Wasserzufuhr und Reinigung Berlins zu seiner Zeit funktioniert hat oder preist eine spezielle Flüssigkeit zur Leichenaufbahrung als grossen Fortschritt an. Unter diesem Aspekt entsteht auch die spannendste Komponente für die heutige Rezeption. Dadurch, dass von Kupffer “seine” Moderne verhandelt, ist die Lektüre äusserst erhellend. Weil sich das, was damals modern schien, auch heute wieder als modern zeigt oder eben gerade nicht und sich in dieser Differenz dann die Entwicklung und das Fortschreiten ableiten lässt. In der wohl amüsantesten Reportage (siehe Bild oben), macht sich von Kupffer über die verschiedenen (schlechten) Schilder in Berlin lustig. Unter anderem auch darüber, «ob der Herr Fischermeister Robert Böttcher heißt, oder der Herr Bötchermeister Robert Fischer». Über solche Schilder machen wir uns heute noch lustig, halt einfach nicht mehr in Reportagen. Dafür aber in Memes.

Wie es für den Lilienfeld Verlag üblich ist, haben auch die Reporterstreifzüge eine äusserst hochwertige Ausstattung erhalten. Im klassischen Halbleinenkleid der Reihe Lilienfeldiana (obwohl die Reporterstreifzüge nicht Teil dieser Reihe sind) aber deutlich grösserem Format, wurden alle Attribute für die Bibliophilen unter uns berücksichtigt. Bedruckter Vorsatz, Lesebändchen und Fadenheftung. Glücklicherweise ist das hübsche Kleid ja nur der eine Teil, der zweite entfaltet sich naturgemäss beim Lesen. Die Reportagen von Hugo von Kupffer erlauben einen beeindruckenden Einblick in die Gräben und Kanten des frühen Grossstadtlebens, die weit über ihren zeitgenössischen Bezug hinaus Bedeutung haben.

Reporterstreifzüge von Hugo von Kupffer.

Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge. Die ersten modernen Reportagen aus Berlin.

Herausgegeben von Fabian Mauch.

Mit einem Nachwort von Fabian Mauch.

272 Seiten.

Lilienfeld.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Halbleinen) · bedrucktes Vorsatzpapier (Grafik) · Lesebändchen (braun) · fadengeheftet

Mehr über die Bücher des Lilienfeld Verlags:
«Eine Nussschale mit schwerem Bergungsgerät» soll er sein, der Lilienfeld Verlag. Seit 2007 werden in Düsseldorf zeitlose Texte aus dem Vergessen geholt und in bibliophilen Ausgaben wieder unters Volk gebracht. 2011 mit dem Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung ausgezeichnet.





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