Telefónica von Ilsa Barea-Kulcsar

Nick Lüthi

Dreizehn Stöcke und zwei Kellergeschosse. Im Jahr 1936 ist die Telefónica damit das höchste Gebäude Madrids. Während draussen der Bürgerkrieg tobt, stellt die Telefónica die einzige Verbindung zur Aussenwelt dar. Gekonnt inszeniert und eindringlich erzählt, zeugt Ilsa Barea-Kulcsars Roman von den Geschehnissen im Innern dieses Sprachrohrs der Aufständischen.

Telefónica von Ilsa Barea-Kulcsar

Bereits im ersten Satz versteckt sich das drohende Pfeifen der Granaten. Angespannt huschen drei Journalisten durch die Strassen Madrids, immer den Geräuschen des Himmels und der dadurch drohenden Gefahr horchend. Die drei wollen nur eines, möglichst schnell nach Hause. Dieses Zuhause ist natürlich ein rein temporäres; die Telefónica. Das Gebäude beherbergt regierungstreue Aufständische, Anarchisten, Presseleute, Zensoren und Geflüchtete. In den Stöcken und im Keller verteilen sich die Menschen. Während die einen Zuflucht suchen, treiben andere den Kampf gegen Franco und seine Putschisten voran und wieder andere berichten der Welt, was an diesen Dezembertagen in Spanien geschieht.

Um ein breites Figurenkabinett herum gebaut, werden in Telefónica die Ereignisse von vier Tagen und sehr vielen Schicksalen beleuchtet. Im Zentrum dieses Kabinetts steht die deutsche Journalistin Anita Adam, die als Zensorin in die Telefónica gelangt und dort die Zeitungsberichte ihrer Kollegen redigiert. Ihre Stellung als Frau und Deutsche (die Deutschen waren Unterstützer des Franco-Putsches), ist dabei alles andere als einfach, wobei die kritischen Blicke der anderen Frauen noch das Harmloseste sind. In Agustín Sanchez, dem Kommandanten der Telefónica, findet Adam zum Glück einen Verbündeten, der die Eigenwilligkeiten der Zensorin zu schätzen weiss. Während die Front immer näher an die Telefónica heranrückt und beinahe täglich Flugzeuge in gefährlicher Nähe Bomben abwerfen, steht für Adam und Sanchez die Zeit still, finden doch zwei verwandte Seelen zueinander.

In der Telefónica kann man schlechter lügen und schwindeln als im normalen Leben, ging es ihm durch den Kopf, aber der Gedanke kam ihm kindisch vor.

Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica, S. 24

Nicht nur ungemein dicht und vielseitig ist dieses Werk, es gelingt darin auch, den Menschen, die in diesen geschichtsträchtigen Tagen durch dieses faszinierende Gebäude gewandelt sind, ein Denkmal zu setzen. Seien es die Journalisten, die Geflüchteten, die eifersüchtigen Ehefrauen oder die Bediensteten, keine Geschichte ist zu klein oder unwesentlich, um nicht zu diesem Gewusel an Leben beizutragen. Schicksale, Nationen und Gesinnungen kollidieren und müssen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Ilsa Barea-Kulcsar gelingt es mittels geschickter Komposition eindrucksvoll, jedem Teilaspekt dieses Gebäudes Rechnung zu tragen und dabei nie den Haupterzählstrang aus dem Blick zu verlieren.

Denn im Kern ist Telefónica eine Liebesgeschichte. Die Banalität des Alltäglichen holt Anita Adam und Agustín Sanchez auch in dieser Extremsituation ein. Obwohl alles auf dem Spiel steht, erreicht die Zwei etwas dermassen Triviales wie die Liebe. Diese Liebe ist keine der flammenden Herzen, aber eine der leisen und sanften intellektuellen Zuneigung. Sie wird gekonnt in die vielen Facetten und Gedanken der Figuren des Romans gewebt und entfaltet sich so erst über die Zeit. Dass diese Liebesgeschichte nicht zu einem kitschigen Klischee verkommt, liegt auch daran, dass sie sich an einem wahren Vorbild orientiert.

Ilsa Barea-Kulcsar war selbst als Zensorin in der Telefónica tätig und hat dort ihren Mann, Arturo Barea, damals als Chefzensor tätig, kennengelernt. Der Roman orientiert und speist sich also ganz eindeutig aus dem Leben der Autorin. Durch die im Nachwort von Georg Pichler geschilderte Lebens- und Liebesgeschichte von Barea-Kulcsar und ihrem Mann, wird aber schnell klar, dass das Leben zwar Inspirationsquelle war, nicht aber die treibende Kraft hinter diesem fiktionalen Werk. Die Genauigkeit und der Facettenreichtum des Romans wären nicht möglich, ohne dass Barea-Kulcsar selbst ein Teil des Geschehens gewesen ist. Aber zugleich ist das ganz klar eine kunstvoll und bewusst gestaltetes fiktionales Werk, das sich lediglich an wahren Begebenheiten orientiert. Oder schlicht gesagt, grosse Literatur.

Wie man es von der Edition Atelier gewohnt ist, ist dieser Text nicht nur ein grossartiger Fund, sondern wird auch in vorbildlicher Manier veröffentlicht. Zusätzlich zu Text und Nachwort, wurde ein Essay der Autorin, Madrid, Herbst 1936 angefügt. Dieser Essay ist hier erstmals vollständig verfügbar und schildert eindrucksvoll Barea-Kulcsars eigenen Hintergrund und ihre Zeit in der Telefónica und liefert zudem weiteren historischen Kontext zum spanischen Bürgerkrieg.

Telefónica ist ein sehr präziser Roman. Ist er doch in seiner inneren Wahrheit so genau, dass er nur von einer Zeitzeugin verfasst werden konnte. Die Reichhaltigkeit an Figuren und Gesichtspunkten ist so meisterhaft gestrickt, dass dabei fast vergessen geht, wodurch er im Innersten zusammengehalten wird. Ist das doch das Allerschönste an diesem grossartigen Roman, dass er trotz der Schrecken des Krieges über die er berichtet, eigentlich einem viel banaleren Antrieb folgt: der Liebe.

Telefónica von Ilsa Barea-Kulcsar.

Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica.

Herausgegeben von Georg Pichler.

Mit einem Nachwort von Georg Pichler.

Mit dem Essay «Madrid, Herbst 1936» der Autorin.

Originalveröffentlichung in Folgen 1949. Entstanden 1939.

352 Seiten.

Edition Atelier.

Website zum Buch

Zum Buch: Klappenbroschur · Klebebindung

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