Vom Protokollieren der Gegenwart: Gedichtbände von Sandra Gugić und Thien Tran

Nick Lüthi

Bereits der Name von Sandra Gugićs Debütband verrät, was ihre Gedichte sind: Protokolle einer Gegenwart. Auch Thien Tran war ein Protokollführer, hat aber nicht wie Gugić die Gegenwart der Anderen, sondern die Gegenwart des Selbst protokolliert. Beide Bände wissen, trotz unterschiedlicher Zugänge zum gleichen Untersuchungsgegenstand, zu überzeugen.

Vom Protokollieren der Gegenwart: Gedichtbände von Sandra Gugić und Thien Tran

Es ist nicht nur die Protokollführerschaft, die die Gedichte von Sandra Gugić und Thien Tran eint, beide haben sie auch ihre Debüts beim gleichen Verlag, dem Verlagshaus Berlin, veröffentlicht. Wobei eine gute Dekade zwischen den beiden Bänden liegt. Viel spannender als die gleichenorts vollzogenen Anfänge, sind aber die Kontraste, die sich in ihren Werken finden lassen. Die beiden haben sich mit dem Gleichen beschäftigt – ihrer jeweiligen Gegenwart – sind damit aber sehr unterschiedlich umgegangen und haben sie dementsprechend auch in sehr unterschiedliche Lyrik gegossen.

Demisia
an den spielregeln der weltunordnung
von mann zu mann ein akt der eskalation
vermeintliche klarheiten vorläufig düpiert
der nächste logische schritt (natur stört grundsätzlich)
golfstaaten planen marsbesiedelung
(kein ort an dem man stehen könnte)
ich als regelbruch im system
ich als nachhaltigkeitsstrategie
ich als nichtregierungsorganisation
wir waren schon immer
auf der richtigen seite der geschichte
Sandra Gugić: Protokolle der Gegenwart, S. 115.

Der Titel Protokolle der Gegenwart, lässt Grosses vermuten. Ist doch gerade die Protokollführung immens wichtig, einerseits um dem Vergessen vorzubeugen und andererseits, um getroffenen Entscheidungen und Beschlüssen die nötige Wirkmacht zu verleihen. Gugićs Protokolle sind assoziativ, pressen die Ereignisse in keine von Aussen klar erkenntliche Form, da auf ortografische Ordnungsmechanismen wie Satzzeichen und Gross-/Kleinschreibung verzichtet wird. Auch der Umbruch der Linien ist keine grosse Hilfe, die Sätze schwappen über, werden doppeldeutig, können sowohl den vor- wie auch den nachstehenden Satzgliedern zugeordnet werden. Dadurch sind diese Protokolle immer auch Zeitzeugen, die sich weigern, das Protokollierte in eine eindeutige Ordnung zu rücken. Ein Ich wie in Demisia (siehe oben) spricht selten, wenn jemand spricht, dann ist es meist ein Wir, zumeist sind die Protokolle aber subjektlos und protokollieren nicht das Eigene, sondern das Andere.

Das Protokollieren macht dabei vor nichts Halt. Kriegszustände, Rollenbilder, Machtverteilung, Atemübungen. Kolossales wie Banales der Gegenwart tritt ins Rampenlicht und wird aneinandergereiht. Die Reihungen sind nicht immer nahtlos, immer wieder brechen sie auf und offenbaren die Sollbruchstellen einer Gesellschaft (dies übrigens auch der Titel eines der Kapitel). In Demisia zum Beispiel folgt auf die geplante Marsbesiedelung ein auch sprachlich hervorgehobener Bruch (“regelbruch im system”) durch das lyrische Ich. An diesen Bruchstellen findet sich leise Ironie, die Protokolle haben einen poetischen Abstand zum Geschehen, tragen eine rotzige Coolness, die den Weisheiten der alten Männer schon lange voraus ist.

Das erinnert stark an die Lyrik einer Maren Kames, die genauso rotzfrech und assoziativ daherkommt, aber viel stärker an Leitmotiven orientiert ist. Sandra Gugić kann in ihrer Lyrik problemlos vom Hundertsten ins Tausendste wechseln, ohne schwerfällig oder unglaubwürdig zu werden. Natürlich, das hat etwas verkopftes, ist stark analytisch geprägt und nicht emotional aufgeladen. Die Emotion ist durchaus vorhanden, steht aber nicht inhärent in den Texten, sondern entsteht durch den Furor, mit dem die Protokolle vorgetragen sind und beschränkt sich häufig auf Wut.

Thien Tran: Gedichte.

Ganz anders funktionieren da die Gedichte von Thien Tran. Auch sie wirken oft ein wenig verkopft, nicht aber ihrer Sprache wegen, sondern aufgrund der darin vorkommenden Gedanken und ihrer Tiefe. Das lyrische Ich Thien Trans präsentiert sich als ein suchendes, stets auf Unterschlupf bedachtes Ich, das die eigene Verwundbarkeit zu kaschieren sucht. Der nun im Elif Verlag erschienene Band präsentiert erstmals die gesammelten Gedichte von Thien Tran, sowohl veröffentlichtes wie auch unveröffentlichtes Material aus dem Nachlass, denn Trans Band fieldings von 2010, sollte sein einzig zu Lebzeiten veröffentlichter bleiben. Um den Gedichten aus dem Nachlass Rechnung zu tragen, werden da, wo die finale Version nicht eindeutig zu bestimmen war, auch verschiedene Versionen eines einzelnen Gedichtes abgedruckt. Die Eingriffe in die Texte durch das Lektorat werden am Ende fein säuberlich aufgeführt und man darf damit sagen, dass durch diese Ausgabe dem schmalen Gesamtwerk Thien Trans eine vorbildliche Edition spendiert wurde.

Kulturgut

von Gedichten zu leben
  ist ein hartes Geschäft. wir trainieren
täglich und nur nachts
weil es tagsüber zu heiß ist
in dieser Gegend, wachen abends auf
wenn die Sirenen heulen
  schon seit jahren lebe ich in diesem Hotel
und ich höre Radio, wenn ich einsam bin
im fünften Stock, Zimmer 113
Tran Thien: Gedichte, erste von drei Strophen, S. 120.

Trans Gedichte haben, ähnlich wie diejenigen von Sandra Gugić, stark assoziativen Charakter. Tran verfolgt darin aber keine Protokollierung des Gegenwärtigen der Anderen, man müsste es viel eher eine Kartierung des brüchigen Selbst nennen. Anders als Gugić trägt Tran nicht nur zusammen, sondern analysiert, seziert, strukturiert und transformiert schlussendlich den Untersuchungsgegenstand durch die Brille des eigenen Selbst in etwas Neues. Tran gelingt es dabei ausserordentlich gut, die Komplexität der Transformationen und Analysen zu vertuschen und dem neu Erfassten, Atmungsraum zu geben.

Sowohl der Elif Verlag, als auch das Verlagshaus Berlin, sind hoch angesehene Lyrikverlage, die genau wissen, wie man schöne Bücher gestaltet und mit welchen Inhalten man solche ausschmückt. Beide Verlage haben auch klar erkennbare inhaltliche Linien. Während im Verlagshaus eher komplexe, sprachlich opulente Werke ein Zuhause finden, überzeugt der Elif Verlag mit Lyrik, die sich der einfachen Sprache annimmt und diese poetisiert. Von daher kann man auch sagen, dass die Überführung von Thien Tran aus dem einen in den anderen Verlag, zumindest inhaltlich ganz passend erscheint. (Wobei man Tran je nach Gesichtspunkt durchaus auch zwischen den beiden Verlagsprogrammen verorten könnte). Wichtiger als diese Erkenntnis ist aber, dass sowohl Sandra Gugić wie auch Thien Tran äusserst lesenswerte Gedichtbände geschrieben haben. Sie beide haben ihr jeweiliges Tagesgeschehen genommen und verarbeitet. Sandra Gugić hat daraus komplexe und überbordende Assoziationsketten geschaffen, während Thien Tran die Ereignisse durch den Blickwinkel eines brüchigen, verletzlichen Ichs zu fassen versucht hatte. Einen lesenswerten Blick auf die Gegenwart wissen beide zu präsentieren.

Gedichte von Thien Tran.

Thien Tran: Gedichte.

Herausgegeben von Ron Winkler.

Mit einem Vor- und Nachwort von Ron Winkler.

148 Seiten.

Elif.

Website zum Buch

Zum Buch:
bedruckter Einband (Karton) · fadengeheftet

Zum Verlag:
Der Elif Verlag ist ein unabhängiger deutscher Verlag, welcher hauptsächlich Lyrik verlegt. Immer mit einem Augenmerk auf der Gestaltung, ohne dabei aber das Wesentliche, die Qualität der Texte, zu vergessen. Nebst den Lyrikveröffentlichungen finden sich immer wieder Prosastücke im Programm.


Protokolle der Gegenwart von Sandra Gugić.

Sandra Gugić: Protokolle der Gegenwart.

Mit Illustrationen von Oliver Hummel.

128 Seiten.

Verlagshaus Berlin.

Website zum Buch

Zum Buch:
Klappbroschur · fadengeheftet

Zum Verlag:
«Poetisiert euch! Keine Lyrik ist auch keine Lösung!», so würde es klingen, wenn man die Menschen des Verlagshaus Berlin in den Wald schreien liesse. Hauptsächlich zeitgenössische Lyrik wird verlegt, meist mit 6–8 Bänden pro Jahr. Die Verlagshäusler haben zudem verstanden, dass Illustration und Gedichte hervorragend zusammenpassen. Jeder Band wird reich illustriert.





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