Zuflucht nehmen von Mathias Énard und Zeina Abirached

Übersetzt aus dem Französischen von Annika Wisniewski

Nick Lüthi

Liebe. Heimat. Migration. Religion. Mathias Énard und Zeina Abirached steuern in ihrer Graphic Novel sehr direkt auf die grossen Themen zu, machen das aber mit entwaffnender Sanftheit und poetischer Grösse und kreieren dadurch eine beachtenswerte Reflexion der Gegenwart.

Zuflucht nehmen von Mathias Énard und Zeina Abirached

Elke und Karsten stehen Gemüse schnippelnd in der Küche. Das sanfte «Tack» des aufschlagenden Küchenmessers begleitet die beiden während den Vorbereitungen und wird später abgelöst vom vielen Gelächter beim heiteren Abend unter Freunden. Nach dem Abend geht Karsten mit einem Buch nach Hause, es heisst «Zuflucht nehmen» und erzählt die Liebesgeschichte von Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart, 1939 in Afghanistan. Während Karsten immer wieder in die Liebesgeschichte dieser beiden Frauen hineinsinken wird, strauchelt er ganz unbedarft im heutigen Berlin auf die aus Aleppo geflohene Neyla zu, mit der ihn schon bald eine sanft erwachsende Liebe verbinden wird.

Mit grossflächigen, kontrastreichen Schwarz-Weiss Bildern und wenigen Worten verwirklichen sich in der Folge diese zwei Liebesgeschichten, die unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen stehen. Beide werden aber sehr zart und poetisch erzählt. Die Zeichnungen von Zeina Abirached nehmen sich sehr viel Zeit und Raum, um die spärlichen Worte zu entfalten und zu begleiten. Abirached zeichnet mit klaren Linien, die in detailreichen, verschachtelten Bildern enden, die sehr stark auch die akustischen Elemente berücksichtigen, verschiedenste Ticks, Tocks, Clocks, Tacks und Krrs umrahmen die Bilder und geben ihnen die Tiefe menschlichen Handelns.

Inhaltlich entsteht nicht nur ein Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit, denn dann müsste man ja sagen, dass die Liebe oftmals einen ähnlichen Verlauf nimmt und sich über die Jahrzehnte kaum verändert hat, sondern auch eine Reflexion über Heimat und Zugehörigkeit. Denn um genau diese titelgebende Zuflucht, im religiösen wie im bodenständigen Sinne, dreht sich Zuflucht nehmen zu grossen Teilen. Neyla sucht Zuflucht, Karsten versucht, sie zu geben. Dass Zuflucht aber mehr sein muss, als nette Worte und ein Dach über dem Kopf, wird beiden schnell klar. Sehr geschickt und sanft verhandeln die beiden Autor*innen die Suche nach Heimat und deren Bedeutung für einen Menschen.

Zuflucht nehmen von Mathias Énard und Zeina Abirached.

Gespiegelt werden die vielen grossen Themen des Buches bereits im grandiosen Titel, der auf Deutsch leider zwangsläufig einen Teil seiner Doppelbödigkeit verliert. Wenn man im Deutschen von Zuflucht spricht, dann “sucht” oder “findet” man sie. Man “nimmt” sie sich eigentlich nicht. Die “Zufluchtnahme”, als einzige Verbindung von “Zuflucht” und “nehmen” im Deutschen, bezieht sich explizit auf das Glaubensbekenntnis zum Buddhismus. Die Übersetzung des französischen Originaltitels «Prendre Refuge» ist also sehr genau, weil auch im Graphic Novel explizit der Buddhismus gemeint wird, verliert aber die zweite Bedeutung, da im Französischen mit “prendre refuge” sowohl das Glaubensbekenntnis, wie auch “Zuflucht suchen” gemeint werden kann, dort aber mit dem aktiveren “prendre” ausgedrückt wird. Der deutsche Titel spiegelt somit den aktiven Teil des “Nehmen”, verliert aber dadurch die klassische Verbindung mit dem Zufluchtsort.

An diesem einfachen Beispiel, es sind immerhin nur zwei Worte, zeigt sich die schwierige Aufgabe, die Annika Wisniewski mit ihrer Übersetzung leisten muss, um Doppelbödigkeit und Poesie des Ursprungsmaterials zu erhalten. Wobei bei grafischen Werken zusätzlich immer auch noch die akute Platzbeschränkung mitzudenken ist. Wisniewskis Übersetzung nimmt sich dieser Herausforderung an, wechselt problemlos zwischen Umgangssprache, der fehlerbehafteten Sprache von Neyla, poetischen Passagen und den zurückhaltenden sprachlichen Gepflogenheiten in den 1940er-Jahren.

Zuflucht nehmen ist ein Buch zum Versinken. Man kann es durchlesen und einfach zwei schön und einfühlsam erzählte Liebesgeschichten gelesen haben wollen. Die Tiefe der angeschnittenen Themen, die behandelten Komplexe der Gegenwart, warten unter der Oberfläche und erlauben dadurch, einen leichten, poetischen Grundton für dieses Buch, das seine Geheimnisse erst der aufmerksamen Leser*in zur Gänze offenbaren wird.

Zuflucht nehmen von Mathias Énard und Zeina Abirached.

Mathias Énard und Zeina Abirached: Zuflucht nehmen.

Zeichnungen von Zeina Abirached.

Szenario von Mathias Énard und Zeina Abirached.

Aus dem Französischen von Annika Wisniewski.

Originalveröffentlichung 2018.

344 Seiten.

Avant.

Website zum Buch

Zum Buch: Klappbroschur · fadengeheftet · grosses Format

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