Mir wurde vom Verlag ein elektronisches Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

In “Am Anfang war die Information - Digitalisierung als Religion” beschäftigt sich Robert Feustel mit dem Informationsbegriff, erläutert dessen Entstehung und Kulturgeschichte. Der Begriff “Information” ist allgegenwärtig, wird dauernd benutzt und angewendet, aber Information als Begriff wird mehrdeutig verwendet und hat keine einheitliche Erklärung, die zugrunde gelegt werden kann. Nach Feustel ist der Informationsbegriff zu wenig geklärt und ergründet.

Dementsprechend verfolgt das Buch fortan zwei Dinge: Einerseits den Informationsbegriff zu erklären und zu entwirren und andererseits, eine Kulturgeschichte desselben zu liefern. Man merkt dem Text sogleich an, dass hier nicht nur Robert Feustel als promovierter Politikwissenschaftler eine Rechnung offen hat, sondern auch, dass der Mensch hinter dem Autoren hier einiges an Klärungsbedarf sieht und dementsprechend beherzt an die Sache geht.

Die Langweiler unter uns werden “Am Anfang war die Information” als Kulturgeschichte des Begriffes “Information” lesen wollen, was natürlich sachlich nicht falsch ist aber - als Wolf im Schafspelz sozusagen - es versteckt sich hier viel mehr, nämlich ein grundlegender Erklärungsversuch dessen, was mit unserer Welt momentan schiefläuft: unser gottgleicher Glaube an die Information als Heilsbringer und Löser aller Probleme. (flüstert leise “Amen”)

"Die Zeitgenössischen Metaphernbestände, die einiges über das Denken und seine Fundamente verraten, legen ebenfalls davon Zeugnis ab. Burnout etwa, die Modekrankheit der Gegenwart, wird nicht selten als Versagen eines Regelkreises oder Überlastung des rechnenden Gehirns verstanden."

Auch als reine Kulturgeschichte läge hier ein äusserst interessanter Text vor, aber dies ist nicht der Kern der Sache. So wird beispielsweise zu Beginn ausführlich erläutert, dass die Entdeckung der Thermodynamik dazu geführt hatte, dass plötzlich physikalische Erkenntnisse auf gesellschaftliche Zusammenhänge überstülpt worden sind. Ausgehend davon beleuchtet Feustel dann den heutigen Informationsbegriff und wiederum die Vermengung von Physikalischem (den Computern) und Gesellschaftlichem. Das Zitat ist sinnbildlich für viele ähnlich gelagerte Aussagen und Beobachtungen: Computer als physikalische Dinge, werden als Metaphern und Erklärungen gebraucht um Gesellschaftliches und Soziales zu erörtern. Ab diesem Punkt geht es nicht mehr nur um eine Kulturgeschichte, es geht um unsere Kultur, die sich in der Information einen Heilsbringer geschaffen hat.

Feustel argumentiert (zu Recht und richtig), dass sich in unserer heutigen Auffassung des Informationsbegriffs die Überzeugung verstecken muss, dass alles was Information ist, auch berechenbar ist. Wenn dann alles zu Information gemacht werden kann, so kann auch alles berechnet werden, so die Überzeugung. Und so sind nach Feustel, fast alle Auffassungen von Information darauf gefusst, dass Information = Berechenbarkeit bedeutet. Damit deckt er eine grundlegende Problematik auf, wenn mit Information alles berechnet werden kann, dann verendet die Semantik in der Syntax, ja, lässt sich alleine dadurch schon ausdrücken und spezifizieren. Hier tritt der beherzte Mensch hinter dem Autoren dann zutage und versucht aufzuzeigen, weshalb wir falschliegen.

"Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, wie Materialität und Geschichtlichkeit der Welt degradiert und zum steuerbaren Derivat zirkulierender Informationen umgedeutet werden können."

Als einziger Kritikpunkt bleibt anzumerken, dass der Text nicht immer gleich klar und leicht zu verstehen bleibt (aber durchgehend gut argumentiert). In seinen schwächsten Momenten verliert er sich manchmal im leider üblichen Wissenschaftsduktus deutschsprachigen Ursprungs. Man mag sich nur kurz den zitierten Textausschnitt zu Gemüte führen, das ist rhetorischer Quatsch höchsten Grades. Wenn man gewollt ist, so mag man einen Sinn erkennen, aber es gibt keinen erkennbaren Grund dermassen verschnörkelt und geschwollen Sachverhalte darzustellen. Fairerweise muss man sagen, dass es in den deutschsprachigen Wissenschaften leider üblich ist, genau so zu schreiben. Feustel zeigt aber immer wieder, dass es auch anders geht, nämlich immer dann, wenn anschaulich und griffig, anhand von Beispielen, theoretische Überlegungen dargestellt werden. In schwachen Momenten tauchen dann aber wieder gehäuft Aussagen wie die eben zitierte auf, das ist sehr schade. Wenn der Autor selbst schon zeigt, dass es anders geht, hätte man hier ruhig in einer klareren und sachlicheren Sprache verbleiben können.

Wenn wir aber von dieser Kritik ablassen, so bleibt ein sehr gutes Buch zurück. Und viel wichtiger: ES IST EIN WICHTIGES BUCH! Messerscharf werden hier Kulturtheorien und gottähnliche Strukturwahrnehmungen skalpiert (darum auch der Untertitel). Das ist nicht nur wissenschaftlich fundiert, das ist auch philosophisch gut argumentiert und belegt. Eine ganz klare Leseempfehlung meinerseits. Und wenn die Langweiler hier nur eine Kulturgeschichte eines Begriffes lesen wollen – sollen sie doch. Robert Feustel legt ein beherztes, ausgereiftes Plädoyer vor, für eine Welt die reflektierter mit ihren zentralen Begriffen umgeht.

Website des Verlags zum Buch

Robert Feustel: Am Anfang war die Information – Digitalisierung als Religion, erhältlich als Broschur und e-book, 200 Seiten, Verbrecher.

Zum Verlag:

Der Verbrecher Verlag ist ein unabhängiger deutscher Verlag, der 1995 gegründet wurde. Schwerpunktmässig verlegt wird Belletristik. Nebst dem ist es einer meiner liebsten Verlage, weil die einfach am Laufmeter Lesenswertes raushauen. Dieses Jahr beispielsweise Nichts, was uns passiert und Schäfchen im Trockenen. Die meisten Veröffentlichungen tragen die gleiche Schrift und die gleiche Gestaltung, schon alleine dadurch unterstreicht der Verlag seine Haltung: Hier geht es um die Inhalte.

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