Apoll Besobrasow von Boris Poplawski.

Entstanden zwischen 1926 und 1932, zeichnet Apoll Besobrasow das Leben einer Gruppe von jungen Emigranten im Paris der 1920er Jahre nach. Ich-Erzähler Wassenka, der titelgebende Apoll Besobrasow, Tichon Bogomilow oder schlicht Zeus, Averroes, Thérèse und Robert. Sie streifen alle durch ein regnerisches Paris, in dem sie einerseits zuhause sind, andererseits aber auch nicht so recht reinpassen wollen. Wirkliche Zugehörigkeit erfahren sie in ihrer herumstreunernden Gemeinschaft. Kennengelernt haben sie sich auf einem Ball, oder davor und danach, verwebt aber werden ihre Geschichten an diesem Ball. Sie hausen gemeinsam in ausrangierten Schlössern und Häusern, lassen sich von der ihnen eigenen Melancholie leiten und treiben durch dieses Leben.

Es gehört ja schon Mut dazu, heute ein Buch zu verlegen, auf dem es im ersten Kapitel mehr oder weniger ausschliesslich um Regen und dessen Beschreibung geht. Überhaupt scheint es ständig zu regnen in diesem Roman. Dieses atmosphärische Regenkapitel steht dabei symptomatisch für den weiteren Verlauf der Geschichte. Apoll Besobrasow ist ein Roman, der so gar nicht in die heutige Zeit passen will. Mit 40-seitigen Kapiteln über Bälle, in denen genau nichts passiert und seitenlangen Beschreibungen der Dächer über Paris. Mit seinen atmosphärischen Auslassungen über Gemütszustände und melancholiebegleiteten Weltschmerz. Mit seinen Figuren, die voller Gefühl, trotzdem unfassbar bleiben.

Zwischen endlosen Vorsprüngen und Schrägen aus dunklen Ziegeln, zwischen Steilwänden und kleinen, nur dem Dachbodenpublikum sichtbaren blechgedeckten Aufbauten, dort, wo die Glasrosen des Regens so rein und lange, so zart und frei herabfielen und brachen, wo die geheimnisvollen Schneeschmetterlinge so langsam sanken und fast in der Luft stillstanden: Wie gern wollte ich mich dort immer hinlegen und einschlafen, auf einem dieser Vorsprünge, umgeben von Schornsteinen, Rinnen und Wölbungen, fern der Welt, in dieser Ruhe und Einsamkeit, die doch in keinem Felsengebirge lag, sondern hier, fast im Zentrum der riesigen Stadt.

Der verlegerische Mut für dieses anachronistische Werk hat sich aber mehr als gelohnt, zumindest was die Qualität dessen angeht. Der 1903 in Moskau geborene Boris Poplawski war eigentlich Lyriker, sein einzig zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk war der Gedichtband Fahnen. Und man merkt es seiner Sprache an, dass er sehr viel weniger dem Erzählen als dem Poetischen zugeneigt war. Wie im obigen Textstück unschwer zu erkennen, sind seine Sätze lang, die Ideen ausufernd und ausholend, die Sprachbilder schlichtweg berauschend. Der Erzählstrang folgt dieser Sprache, wie die natürlichen Läufe eines Flusses mäandert jeder Satz einer weiteren Abzweigung hinterher. Dahinter verstecken sich Atmosphären und Wahrheiten, verpackt in bildschöner Sprache.

Diese Sprache so auf Deutsch lesen zu können, ist natürlich nicht alleine Poplawskis Verdienst, sondern auch dasjenige der Übersetzerin Olga Radetzkaja, für die die Übersetzung auch ein lange gehegter und nun realisierter Traum war. Wie Verleger Sebastian Guggolz in diesem lesenswerten Gespräch nachzeichnet, war es Übersetzerin Radetzkaja die Apoll Besobrasow an den Verlag herangetragen hat, lagen doch die beiden ersten Kapitel schon lange übersetzt in ihrer Schublade. Dieses Herzensprojekt ist schon alleine aufgrund der grossartigen Wortneuschöpfungen wie Dachbodenpublikum oder Schneeschmetterlinge eine Wucht. Wie es Radetzkaja gelingt, in dieser verschachtelten und ausufernden Sprache Sinn zu erhalten und Poesie nachzubilden ist schlichtweg meisterhaft.

Apoll Besobrasow ist Poplawskis erster Roman, der Zeit seines Lebens nur in Auszügen veröffentlicht wurde und nun erstmals auf Deutsch vorliegt. 1932 fertiggestellt wurde der Apoll, genauso wie Poplawskis zweiter Roman Domoj s nebes (Zurück aus dem Himmel), erst in den 1990er Jahren in seiner Gänze veröffentlicht. Wie Radetzkaja im Nachwort ausführt, mag dies auch an der Biografie Poplawskis gelegen haben, der zu Lebzeiten nicht nach Veröffentlichungen gestrebt hat. Poplawski verbrachte seine ersten Lebensjahre in Russland, musste mit 14 Jahren aber fliehen und landete so schlussendlich 1921 in Paris, wo er, einen kurzen Abstecher nach Berlin ausgenommen, den Rest seines Lebens verbrachte und 1935 an einer Überdosis Drogen starb.

Genau wie die Figuren seines Romans, war Poplawski ein Emigrant, der nirgendwo mehr so richtig hingehörte. Aufgewachsen in Russland und mit der russischen Sprache, war er zeitgleich aber auch Bürger von Paris und der französischen Sprache verhaftet. Diese Zwiespältigkeit spiegelt sich auch im Roman, das Französische steht dort in einer Selbstverständlichkeit neben dem Russischen. In der Übersetzung wurde diese Eigenheit bewusst beibehalten und die französischen Stellen nicht übersetzt. Im Nachwort äussert Übersetzerin Radetzkaja auch die These, dass die sechs Mitglieder dieser Schicksalsgemeinschaft jeweils einzelne Teile der Persönlichkeit von Poplawski darstellen. Diese These ist nicht von der Hand zu weisen, viel spannender ist aber die umgekehrte Betrachtung, die von der dieser These zugrundeliegenden Beobachtung ausgeht. Alle Figuren haben ein stark herausgearbeitetes charakteristisches Merkmal, bei Zeus etwa dessen hünenhafte Gutmütigkeit und Gelassenheit, bei Thérèse ist es der Weltschmerz und die unendliche Melancholie, die in dieser Brust schlagen. Die Figuren sind dadurch eigentlich klar überzeichnet und auf einzelne Merkmale beschränkt, während andere Merkmale, die für eine wohl gerundete Figur vonnöten wären, komplett fehlen. Die Figuren werden so zu Schemen, die die Atmosphäre des Romanes unterstützen und begleiten. Spannend ist hier also weniger der Rückschluss auf Poplawskis Biografie, als die Beobachtung der schemenhaften Figurenkonstellation.

Es war so eines, eines dieser Bücher, die ich bewusst liegen gelassen habe, weil ich nicht wollte, dass diese Geschichte aufhört. Poplawski schafft Atmosphäre wie kein Zweiter, beschreibt aber auch Figuren, die einem nahe gehen, man liegt gern in den Sofas und Sesseln mit dieser Bande an Aussenseitern. In typischer Manier für den Guggolz Verlag wurde auch das Buch als Objekt nicht vernachlässigt. Im perfekten Format und auf schwerem Papier steht es nun in meinem Regal. Man kann sich nur wünschen, schon bald den zweiten Roman von Boris Poplawski in den Händen halten zu können.

Apoll Besobrasow von Boris Poplawski.

Boris Poplawski: Apoll Besobrasow.

Originalveröffentlichung 1992/1993.

Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja.

Mit einem Nachwort von Olga Radetzkaja.

304 Seiten.

Guggolz.

Website zum Buch

Zum Buch:
bedruckter Einband (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (hellblau) · fadengeheftet · Lesebändchen (gelb) · schweres Papier

Zum Verlag:
Der noch junge (2014) Guggolz Verlag stellt nur vier Bücher pro Jahr her. Diese Bücher sind allesamt Übersetzungen, entweder komplett neu übersetzt oder als Neuausgabe. Ganz im Sinne von Trüffelsuchenden werden hier vergessene Werke wieder sichtbar gemacht. Immer auch entsprechend kommentiert und um Nachworte versehen. Der Verlag erhielt 2017 den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung.