Das hündische Herz von Michail Bulgakow

Die Klassikerbesprechungen auf BookGazette folgen alle dem gleichen Muster: Als Klassiker gilt, was über 50 Jahre alt ist und als herausragendes Werk betrachtet wird, sei dies nun in einem spezifischen Genre oder im Allgemeinen. Einerseits werden in einer solchen Besprechung meine Leseeindrücke geteilt und dabei auch, wie es ist, als moderner Leser sich diesen Stoffen zu widmen. Andererseits wird hier auch immer eine konkrete Ausgabe und Edition eines Klassikers besprochen, wenn man sie also nicht lesen mag, kann man sie sich wenigstens in schöner Ausführung ins Regal stellen.

Es gibt sie ja, diese Bücher, die man sich kauft und wahnsinnig darüber freut, die dann aber im Regal verschwinden und dort herumlungern, ohne gelesen zu werden. Meist jahrelang. Das hündische Herz, hier besprochen in der wunderbaren Ausgabe der Edition Büchergilde, ist eines dieser Bücher. Seit zwei Jahren war das Buch zuoberst auf meinem Stapel und nie hab Ichs gelesen. Jetzt habe ich mir endlich die Zeit genommen.

Das hündische Herz ist einer dieser Klassiker mit einer schwierigen Rezeptionsgeschichte, deshalb erlaube ich mir, hier ein bisschen auszuholen. Der Roman ist 1925 entstanden, wurde aber erst 1968 in einem Frankfurter Exilverlag veröffentlicht. In der Sowjetunion war das Buch sogar erst ab 1987 verfügbar. Der Grund dafür ist simpel, die sowjetische Zensur verbot die Veröffentlichung des Werks. Die 1968 entstandene Erstveröffentlichung war aber editorisch problematisch, da sie nicht den letzten Skripten Bulgakows folgte, sondern auf frühere Versionen zurückgriff. Gleiches galt für die 1987 verlegte Version, diese folgte dem Text der Exilausgabe. Gleich problematisch waren auch die Übersetzungen ins Deutsche, alle folgten der ursprünglichen, nicht endgültigen Fassung. 2013 erschien dann aber, endlich, eine neue deutschsprachige Übertragung von Alexander Nitzberg, welche der letzten von Bulgakow abgesegneten Fassung folgt. Erschienen ist diese Übersetzung im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Die Übersetzung Nitzbergs diente der hier besprochenen, 2016 erschienenen, Ausgabe in der Edition Büchergilde als Textgrundlage, zusätzlich dazu wurde das Werk von Christian Gralingen illustriert. Diese Ausgabe ist leider vergriffen und nur noch antiquarisch oder als überteuerte Vorzugsausgabe erhältlich. Die Ausgabe Kiepenheuer & Witsch, welcher der gleiche Text zugrundeliegt, ist weiterhin (zumindest als e-book) erhältlich. Bei Klassikerbesprechungen gehören für mich auch immer bestimmte Ausgaben zur Besprechung, deshalb kommt es leider vor, dass, wie hier, eine Ausgabe nicht mehr erhältlich ist. Die Edition Büchergilde Ausgabe ist aber so schön, dass es unmöglich war auf eine andere auszuweichen.

Filipp Filippowitsch ist Arzt und hat sich auf die Verjüngung seiner Patienten spezialisiert. Indem er seinen Patienten tierische Organe verpflanzt, ermöglicht er es ihnen, länger und mit einem jüngeren Körper zu leben. Getrieben vom eigenen Forschungsdrang versucht er seine Verjüngungskuren umzukehren, was wird wohl passieren, wenn die Organe eines Menschen einem Tier eingesetzt werden? Zwecks dessen beschafft sich Filippowitsch einen streunenden Hund. Diesem sollen menschliche Organe verpflanzt werden. Als kurz darauf ein 28-jähriger Kleingauner stirbt, hat die grosse Stunde für das Experiment geschlagen. Filippowitsch pflanzt Lumpi, dem Streuner den er aufgetrieben hat, die Samenleiter und die Hypophyse des verstorbenen Menschen ein. Lumpi übersteht die Operation mehr oder weniger schadlos, entwickelt sich in den folgenden Wochen aber immer mehr weg vom Tier und hin zum Menschen: Er spricht immer wie besser, verändert die Physiognomie zu einem kleinen, hässlichen Mann und wird auch ansonsten immer menschlicher und autonomer, freundet sich mit der Filippowitsch feindlich gesinnten Hausverwaltung an, bedrängt die Haushälterinnen, bleibt tagelang weg, bringt fremdes Gesindel in die Wohnung. Kurzum: das ursprünglich geglückte Experiment des Arztes ufert immer wie mehr aus, Lumpi oder Polygraph Poligraphowitsch, wie er sich selbst zu nennen beginnt, wird zum unkontrollierbaren Monstrum, das es aufzuhalten gilt.

Das wir es hier mit grosser Literatur zu tun haben, ist unbestritten. Bulgakow zeichnet in manchmal ausufernder Sprache eine wahnwitzige Geschichte nach. Vor lauter Absurdität und blödsinnigen Einfallen strotzt es hier nur so. Bulgakow gelingt das Kunststück, eine Geschichte zu erzählen, die spannend ist und die man gerne liest, obwohl nicht eine einzige sympathische Figur vorkommt. Filippowitsch ist ein Ekelpaket allererster Güteklasse, dem Poligraphowitsch in Nichts nachsteht und auch die Gehülfen des Arztes sind wenig sympathisch. Das bleibt trotzdem amüsant und lesenswert, weil man einerseits mit Lumpi mitfiebert, der sich, zumindest als Hund, nichts zuschulden hat kommen lassen aber auch, weil Elemente grosser Komik vorkommen. Beispielsweise wenn Poligraphowitsch die ganze Wohnung flutet, weil er sich mit einer Katze im Bad einsperrt. Das ist durch und durch ein Lesevergnügen, manchmal anstrengend, aber immer der Mühe wert. Es ist auch gut gemacht, wie Bulgakow ein Kammerspiel nachzeichnet, welches immer mehr ausufert, der ganze Roman spielt mehr oder weniger nur in der Wohnung Filippowitschs.

Spannend an diesem Werk ist aber auch, dass es auf zwei Arten gelesen werden kann. Man kann es als Zeitdokument lesen und damit als Kritik an der sowjetischen Gesellschaft und deren Ordnung oder man betrachtet es als phantastische Literatur, der Tradition des Homonculus oder Golems folgend, dem Mensch geschaffenen Monster, dass plötzlich selbständig zu werden beginnt. Ich mag keine der beiden Lesarten zu gewichten, auffallend ist aber, dass in den meisten Besprechungen die der Gesellschaftskritik klar im Vordergrund steht. Ich vermute, dass sich dies auch im Zusammenhang mit der Rezeptionsgeschichte des Romanes so ergeben hat. Deshalb hier auch noch einmal der Hinweis zur zweiten Lesart: Bulgakow arbeitet mit den Elementen die ausgezeichnete Sci-Fi immer auch beinhaltet, ein phantastisches Setting wird als Spiegel benutzt, um Dinge zu besprechen, die ansonsten nicht offen besprochen werden können. Man mag denken, dass dies hier offenbar nicht wirklich gelang, da der Roman der Zensur zum Opfer fiel. Diesem Einwand möchte ich aber widersprechen, hier wird sehr viel subtiler mit phantastischen Elementen gearbeitet als dies oftmals dargestellt wird.

Das hündische Herz von Michail Bulgakow

Es ist mir hier noch ein besonderes Anliegen die Ausgabe des Romans aus der Edition Büchergilde hervorzuheben und damit die Illustrationen Christian Gralingens, die das augenscheinlichste Alleinstellungsmerkmal dieser Ausgabe bilden. Die Illustrationen sind schlicht fantastisch. In detaillierten und bunten Zeichnungen werden hier die Geschehnisse der Erzählung neu aufgegriffen und interpretiert. Es ist schlicht eine Augenweide. Des Weiteren enthält die Ausgabe noch einen Kommentar vom Übersetzer Alexander Nitzberg, dieser Kommentar bietet erhellende Informationen zur Rezeptionsgeschichte und zur generellen Übersetzungsarbeit, die hier geleistet wurde. Am Seitenrand sind ausserdem sehr viele Kommentare enthalten, in diesen werden meist bestimmte Orte oder Gepflogenheiten aus der Sowjetunion der 30er Jahre erläutert, die dem heutigen Leser nicht mehr (oder nicht mehr gleich) präsent sind wie dem ursprünglichen Leser (den es ja gar nicht gab, weil unveröffentlicht).

Uneingeschränkte Leseempfehlung. Einer dieser Klassiker die sich mehr als lohnen und die sich ihre Relevanz und Sprengkraft auch im 21. Jahrhundert noch bewahrt haben. Auch empfohlen sei hier die Ausgabe der Edition Büchergilde. Wer irgendwie noch seine Finger an diese bekommt, sollte unbedingt zugreifen.
Website des Verlags zum Buch (Vorzugsausgabe)


Das hündische Herz von Michail Bulgakow

Michail Bulgakow: Das hündische Herz.

Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg.

Mit Illustrationen von Christian Gralingen.

200 Seiten.

Edition Büchergilde.


Zum Verlag:
Die Büchergilde ist die älteste Buchgemeinschaft im deutschsprachigen Raum und hat eine über 90 Jahre währende Tradition. Veröffentlicht werden hauptsächlich Lizenzausgaben in bibliophiler Aussatttung. Originalausgaben, wie der besprochene Roman, werden im eigenen Verlag, der Edition Büchergilde, veröffentlicht.

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