Der blutige Roman von Josef Váchal

Übersetzt aus dem Tschechischen von Ondřej Cikán

Nick Lüthi

Der blutige Roman von Josef Váchal.

Gramerfüllt saß im herrlichen Gemache in einer der unzähligen Stuben des Barceloner Palastes der erlauchte Fürst Pedro de Rudibanera.

Josef Váchal: Der blutige Roman, S. 64, erster Satz.

Es tummeln sich viele lustige Gestalten im blutigen Roman von Josef Váchal: Piraten, Werwölfe, lebende Leichen, ein obskurer Doktor, Jesuiten, Geistliche, Bernhardiner (Hunde wie Mönche). Und diese Gestalten tanzen auch durch ein buntes Assortiment von Landschaften, vom verschneiten Bernhardinerkloster zur Südseeinsel zum Piratenschiff zum ganz normalen Dorf auf dem Lande. So breit wie die Figuren und Landschaften, so breit sind auch die Handlungsbögen in diesem Roman. Fast jedes Kapitel springt zwischen Figuren und Orten und erzählt in eigentümlich altertümlicher Sprache von grossen und kleinen Abenteuern.

Váchals Absicht hinter dem Werk war simpel, er hat versucht, den idealen Schundroman zu erschaffen. Dieses Unterfangen ist im vollends gelungen und sein Meisterwerk ist zweierlei, sowohl eine Anleitung zum Schreiben eines Schundromans, als auch selbst ein stolzer und grossartiger Vertreter der Gattung.

Was hier bisher als Schundroman bezeichnet wurde, bezieht sich eigentlich auf den sogenannten Kolportageroman. Kolportageromane waren umfangreiche Fortsetzungsromane, die in Heftform verbreitet wurden. Im 19. Jahrhundert wurden diese Romane massenhaft verschlungen. Zahlreiche grosse und erfolgreiche Verlage haben die Romane zeitgleich in den verschiedenen Sprachen der Donauländer publiziert. Motivisch haben sich die Kolportageromane beim Abenteuer- und Ritterroman bedient, hatten aber auch antiklerikale Tendenzen, und drehten sich oft um Randständige, die sich den Missständen erwehrten. Diese tschechisch als krváky (dt. etwa blutige Romane) bezeichneten Romane haben noch heute den Ruf, Schund zu sein. Wie der Übersetzer Ondřej Cikán im Nachwort aber betont, war dies sicherlich nicht immer der Fall und die meisten dieser Romane haben mit heutigen Fortsetzungs- und Heftchenromanen nichts gemein ausser die Art ihrer Verbreitung.

Der tschechische Schriftsteller, Künstler und Buchdrucker Josef Váchal (1884-1969) hatte sich nun also 1924 mit seinem blutigen Roman dieser Gattung angenommen. Entstanden ist das Werk, wie viele seiner anderen literarischen Werke auch, als Unikat direkt in der Buchpresse und wurde dann von ihm in sehr kleiner Auflage gedruckt. Der blutige Roman etwa mit einer Auflage von gerade einmal 17 Stück.

Aus den unfernen Obductionssälen drang in diese Behausung der Gestank zerschnittener Leichname, an den dieser Diener und auch seine Gattin längst gewöhnt waren und der sie darob keineswegs behinderte.

Josef Váchal: Der blutige Roman, S. 70.

Im blutigen Roman greift Váchal die Motive dieser Kolportageromane auf und kopiert auch die sprachlichen und typographischen Eigenheiten dieser Gattung. Der Text ist gesprenkelt mit den für Kolportageromane typischen Archaismen und Germanismen. Abenteuermotive wie Seereisen auf tropische Inseln oder typographische Setzfehler finden sich an vielen Stellen. Die antiklerikale Tendenz solcher Romane wird durch Geistliche, die durchs Band weg schlecht davonkommen, unterstützt. Auch das Absurd-abgründige hat im Roman seinen Platz. Wenn etwa der, wie ein Schwein blutende, Polizeikommissar nicht stirbt, weil er und derjenige der ihn abgestochen hat merken, dass sie ja Vater und Sohn sind, ist das abgründig, aber natürlich auch absurd, weil für ein dramatisches Moment die Naturgesetze ausgehebelt werden.

Váchals Erzähler bedient sich immer wieder Vor- und Rückgriffen, navigiert die Leser*in sehr geschickt durch die verwobenen und verzweigten Handlungsstränge. Herz und Seele des Romans bilden aber die einfachen Leute und die Randständigen. Sie sind es, die die Abenteuer erleben, die auf dem Dachboden des pathologischen Institutes ihre Flucht planen, die der Obrigkeit den Spiegel vorhalten und sie zu Fall bringen. Was wiederum typisch für einen Kolportageroman ist.

Das Unterfangen, welches Übersetzer Ondřej Cikán hier auf sich genommen hat, ist eigentlich seiner Mammutartigkeit und seines Anspruches wegen ein komplett bescheuertes. Anders kann man es wohl nicht zusammenfassen. Nicht nur das sowieso schon komplexe und verschachtelte Werk sollte übersetzt werden, nein, auch die typographischen Eigenheiten des Originals sollten übernommen werden. Fehler, Zeilenumbrüche, alles, was das tschechische Original einzigartig macht, sollte auch in der deutschen Version zum Erstrahlen kommen. So folgt die Ausgabe der Kopie Nummer “16”, die in der tschechischen Nationalbibliothek verwahrt wird und kopiert deren Schriftbild und typographische Eigenheiten.

Gleichzeitig nahm es Cikán auf sich, den überhaupt ersten Kommentar zum Roman zu verfassen. So sind von den 460 Seiten der Ausgabe auch “nur” deren 300 dem eigentlichen Roman gewidmet, die restlichen 160 Seiten bestehen aus Nachwort und Kommentar. Wie Cikán im Nachwort ausführt, hat diese Mammutaufgabe schlussendlich auch über fünf Jahre Zeit und Arbeit in Anspruch genommen.

Wir stehen nun also vor der paradoxen Situation, dass die ultimative Ausgabe von Váchals blutigem Romans dessen deutsche Übersetzung ist. Mutig und ungestüm hat sich der Ende 2018 neu gegründete, fantastische, Kētos Verlag dieser Ausgabe angenommen. Das Wort «Sensation» rutscht mir nicht oft von der Zunge. Aber für Josef Váchals Werk ist es mehr als angebracht. Der blutige Roman ist schlichtweg ein grossartiges Meisterwerk, welches es nun zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen gibt! Und dann erst noch in einer ultimativen, kommentierten Fassung, die auch noch alle Originalholzschnitte von Váchal enthält.

Der blutige Roman von Josef Váchal.

Josef Váchal: Der blutige Roman - Versuch um den Typus des idealen Schundromans.

Mit 79 Originalholzschnitten des Autors.

Aus dem Tschechischen von Ondřej Cikán.

Kommentiert von Ondřej Cikán.

Mit einem Nachwort von Ondřej Cikán.

464 Seiten.

Kētos.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Karton) · zwei Lesebändchen (weiss, grau) · fadengeheftet

Mehr über die Bücher des Kētos Verlags:
Seit 2018 gibt es in Wien und Prag einen leicht wahnwitzigen Verlag, den Kētos Verlag. Der Verlag fokussiert sich auf unübersetzbare tschechische Literatur und überträgt diese möglichst originalgetreu ins Deutsche. Form und Inhalt gehören ja schiesslich zusammen. Das alle Bücher in hochwertiger Aufmachung produziert und auf reissfestes Munken Premium Cream Papier gedruckt werden, sei jetzt nur am Rande erwähnt.





Newsletter

Wer gerne liest, was hier rezensiert wird und sich auch dafür interessiert, was in den unabhängigen Verlagen so geht, dem sei der Newsletter von BookGazette ans Herz gelegt. Immer am Ende des Monates wird darin zusammengefasst, was auf der Seite rezensiert und besprochen wurde. Natürlich ausgeschmückt mit anderen schönen Dingen.