Der Schlüssel von Jun'ichirō Tanizaki

Übersetzt aus dem Japanischen von Katja Cassing und Jürgen Stalph

Nick Lüthi

Der Schlüssel von Jun'ichirō Tanizaki

Der 1956 in Japan veröffentlichte Roman war ein Skandalroman und es wurde sogar erwägt, das Buch zu verbieten. Was schlussendlich aber nie geschehen ist. Jun’ichirō Tanizaki (1886-1965) ist einer der bekanntesten Autoren der japanischen Moderne und wurde lange als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, welchen er schlussendlich nie erhalten hat. Der Tagebuchroman “Der Schlüssel” ist eines seiner bekannteren Werke und wurde 1971 ein erstes Mal auf Deutsch übersetzt, liegt nun aber in einer komplett neuen Übersetzung im cass Verlag vor.

Abwechslungsweise wird aus den jeweiligen Tagebüchern eines japanischen Ehepaares erzählt. Beide vermuten, dass der jeweils andere das eigene Tagebuch liest und so versuchen sie, über die Tagebücher zu kommunizieren. Es kommt das zur Sprache, was nicht offen gesagt werden kann. Sei es aus Scham, Stolz oder anderen Beweggründen. Nach und nach entfaltet sich aus den Tagebucheinträgen das Bild einer zerrütteten Ehe, in welcher eindeutig mehr geschwiegen als gesprochen wird.

Typografisch sind die Tagebucheinträge durch Kapitalfähnchen abgegrenzt. Alle Tagebucheinträge des Mannes sind in Kapitalfähnchen geschrieben, dies bewusst um eine Eigenheit des japanischen Originals darzustellen. Die Tagebucheinträge des Mannes sind allesamt in der harten Schrift “Katakana” verfasst, während die Einträge der Frau in “Hiragana”-Schrift, verfasst sind. Durch die Kapitalfähnchen wird versucht, dieser Besonderheit auch in der deutschen Übersetzung Rechnung zu verleihen. Gleichzeitig wurde dies auch im Übersetzerteam so gehandhabt, Jürgen Stalph hat die Tagebucheinträge des Mannes übersetzt, Katja Cassing diejenigen der Ehefrau.

Der Mann, seinerseits Universitätsprofessor, glaubt, seiner jüngeren Frau sexuell nicht mehr genügen zu können und so bleibt der Schlüssel, welcher die Schublade zu seinem Tagebuch öffnet, eines Tages auf dem Teppich liegen. Es ist Ausdruck seiner Verzweiflung. Begleitet von der Hoffnung, seine Frau, Ikuko, möge doch sein Tagebuch lesen und dort Erklärungen finden, die er ihr nicht direkt eröffnen kann. Natürlich ist der hinterlegte Schlüssel nicht nur Ausdruck von Verzweiflung, es ist auch eine Bitte an seine Frau. Sie, die sich ihm nur hingibt, solle doch mehr Leidenschaft zeigen. Ikuko wiederum, fühlt sich von ihrem Mann wenig angetan und träumt vom Bittsteller der Tochter, Kimura.

In dieser Dreieckskonstellation Ehemann, Ikuko und Kimura, entfaltet sich in der Folge ein Kammerspiel. Eifersucht, Lust und Erregung lösen sich ab. Entscheidend ist aber gar nicht so, was genau passiert, sondern wie meisterhaft zwischenmenschliche Konstellationen von Jun’ichirō Tanizaki ausgelotet werden. Der Roman lebt von seiner Eindringlichkeit. Alle Handlung wird nur durch die Tagebücher der beiden Eheleute erzählt und so sind wir immer auch nur an ihre jeweiligen Sichtweisen gebunden. Dass die beiden unzuverlässige Erzähler sind, kann man sich ja denken. Als Leser wird man geschickt dazu gezwungen, sich bestimmte Teile der Handlung zu denken und zu erarbeiten, die Eheleute kommunizieren nicht nur untereinander nicht, auch in ihren Tagebucheinträgen lassen sie vielfach Wichtiges weg.

“Der Schlüssel” ist ein vielschichtiges Werk. Geschickt wird mit der Erwartungshaltung gespielt, vieles muss man sich selbst denken und wie weit man den Ausführungen der Eheleute trauen kann ist nicht immer ganz klar. Gerade dadurch überzeugt dieser Roman. Jun’ichirō Tanizaki ist ein Meister der psychologischen Feinfühligkeiten, mit denen er seine Figuren ausstattet und umgarnt. Der Schlüssel als Leitmotiv bleibt auch dem Leser präsent, nie weiss man genau, wann der auf dem Teppich liegende Schlüssel Aufforderung zur Kommunikation und wann bewusste Irreführung ist.

Jun'ichirō Tanizaki: Der Schlüssel.

Jun'ichirō Tanizaki: Der Schlüssel.

Aus dem Japanischen von Katja Cassing und Jürgen Stalph.

Originalveröffentlichung 1956.

208 Seiten.

Cass.

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