Distanzen, betrachtet durch schlechte Brillen

Fern von hier. Sämtliche Erzählungen von Adelheid Duvanel

Dem Werk von Adelheid Duvanel zu begegnen ist gar nicht so einfach.

Distanzen, betrachtet durch schlechte Brillen

Die gesammelten Erzählungen von Duvanel, die im Frühjahr im Limmat Verlag erschienen sind, wurden mittlerweile viel gepriesen (ich untertreibe). Wie kann man (oder hier jetzt ich) diesem Werk begegnen, ohne in Superlative zu verfallen? Fest steht jedenfalls, dass mit besagter Limmat Ausgabe die definitive Ausgabe von Duvanels Werk erschienen ist. Seit 1980 hat Duvanel im (damals noch unabhängigen) Luchterhand Verlag sieben Erzählbände veröffentlicht, die hier gesammelt vorliegen. Ergänzt werden diese durch alle veröffentlichten und auffindbaren Geschichten der Autorin, die nicht in den Luchterhand-Bänden Aufnahme fanden. Umrahmt werden die Erzählungen schlussendlich von einem Nachwort von Elsbeth Dangel-Pelloquin und einem Essay von Friederike Kretzen. Einzig die unveröffentlichten Erzählungen von Duvanel fehlen, dem Schweizer Urheberrecht sei Dank.

Man könnte ja jetzt ob der nicht ganz 800 Seiten vermuten, dass Duvanels Gesamtwerk überschaubar sei. Ein Irrtum, der sich bei der Lektüre schnell auflösen wird. Selten braucht sie mehr als drei Seiten für eine Erzählung, meist sind es sogar nur deren zwei. Das liegt aber nicht an mangelndem Erzählwillen oder Einfallsreichtum, sondern an dessen Gegenteil. In ungeahnter prosaischer Dicke entwirft die Autorin oft mehr als man es von einer Erzählung vermutet, schafft schon fast ein eigenes Genre, dasjenige der Duvanel-Erzählung. Meist treiben die Figuren die Geschichten an, fast nie der eigentliche Plot. Duvanel skizziert in höchster Konzentration Leben, erzählt in verknappender Sprache und mit vollendeter Beobachtungsgabe. Als topologisches Alleinstellungsmerkmal stellt sich schnell die leichte Übernatürlichkeit der Erzählungen heraus, die den verschrobenen Figuren Raum zur Entfaltung geben (wenn sie jetzt nicht genau wissen, was das heissen soll: geht mir auch so und am besten erfährt man dies direkt beim Lesen).

Dragman von Steven Appleby.

Duvanels Figuren stehen oft am Abgrund, sind verzweifelt, hadern mit den Leben und dessen Realitäten. Die Lieben sind unglücklich, die Ehen sowieso, die Mütter mögen ihre Söhne nicht und umgekehrt. Duvanel zeichnet aber nicht emotional aufgeladene düstere Verliese in ihren Geschichten, sondern bedient sich immer wieder feinem Humor, bricht mit Ironie und durch Verharmlosung die eigentlich aussichtslosen Zustände der Figuren:

Selbst ein Bild wie das oben zitierte einer bunten Schulklasse, wird von Duvanel bereits mit einem Bruch, hier mit einem wortwörtlichen Riss, versehen, die Perlen sind gerissen, das Chaos breitet sich aus. Ohne es jetzt mit der Analyse übertreiben zu wollen – das Herauslesen psychologischer Traumata überlassen wir anderen – wird hier trotzdem ein fröhliches Bild aufgeweicht respektive verdunkelt. Und genau so behandelt Duvanel auch ihre Figuren. Gnadenlos werden sie von ihrer Autorin in ihren Schwächen, Eigenheiten und Idiosynkrasien entstellt und müssen als komische Käuze und Aussenseiter den erzählerischen Blick aushalten. Dieser Blick ist zwar gnadenlos, aber, anders als man es auch hier vermuten könnte, selbst wieder Teil einer Brechung: Duvanel nutzt Ironie und Absurdität, um die Lebensumstände umzudeuten oder zumindest in ihrer Schlagkraft etwas zu entkräften:

Die Begegnung mit Duvanels Schreiben kennt nur eine logische Konsequenz: Ungehemmte Begeisterung für eine Autorin, die man eigentlich immer dann nennen sollte, wenn andere Frisch, Walser, Dürrenmatt, Ramuz oder Keller sagen wollen, denn, Duvanel gehört ohne Umschweife zum Grössten, was die Schweiz literarisch zu bieten hat oder je geboten hat. Und siehe da, nun bin auch ich in den gleichen Tritt verfallen, wie viele Rezensent*innen vor mir – heillose Begeisterung. Deshalb sei an dieser Stelle der Schwenk gemacht zur Literaturzeitschrift Das Narr, die ihre dreiunddreissigste Ausgabe Adelheid Duvanel gewidmet hat. Darin verarbeiten Schreibende ihre eigenen Lektüren, ihr Aufeinandertreffen mit Duvanels Schreiben. Und, ob sie das nun nach der Lektüre dieser Rezension oder nach der Lektüre des Narrs #33 merken, zwei Dinge wage ich zu prophezeien: Erstens, sie werden Adelheid Duvanel irgendwann lesen wollen (oder es dann irgendwann bereuen). Zweitens, sie werden in den gleichen Modus verfallen wie ich und wie alle anderen zuvor, die mit ihren Texten in Berührung gekommen sind. Versprochen.

Fern von hier von Adelheid Duvanel

Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen.

Herausgegeben von Elsbeth Dangel-Pelloquin.

Mit einem Nachwort von Elsbeth Dangel-Pelloquin.

Unter Mitwirkung von Friederike Kretzen.

Mit einem Essay von Friederike Kretzen.

792 Seiten.

Limmat.

Webseite zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Leinen) · farbiges Vorsatzpapier (lachs) · Lesebändchen (grau) · fadengeheftet

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