Freiheit von Linda Vilhjálmsdóttir

Mir wurde vom Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Mittlerweile wurden ja hier schon einige Texte besprochen, aber konzentriert bisher doch eher auf Belletristik und ein paar wenige Sachbücher. Heute ist aber der Tag gekommen, an dem sich dies endlich ein wenig ändert, nämlich mit Lyrik. Endlich, endlich finden hier auch Gedichte ihren Platz.

zwischen
anfang und ende
ist das leben

das fleisch und das blut
zwischen der geburt
und dem tod
Linda Vilhjálmsdóttir, Freiheit, S. 11.

Linda Vilhjálmsdóttir ist eine isländische Dichterin und sie legte 2015 mit “frelsi” nach längerer Abwesenheit wieder einen Gedichtband vor. Mittlerweile liegt dieser Band als “Freiheit” auch auf Deutsch vor, in einer schönen zweisprachigen Ausgabe, die die Texte auch im Original zugänglich macht. So sind pro Doppelseite jeweils links das isländische Original, rechts das übersetzte deutsche Gedicht abgedruckt. Dies war für mich als Leser sehr erhellend, es gibt wohl keine Textgattung, bei der die genaue Wortwahl von so zentraler Bedeutung ist, wie bei Lyrik. Natürlich gerade auch, weil es verhältnismässig wenig Worte hat in einem Gedicht. Eine zweisprachige Ausgabe hilft dem Verständnis der Gedichte ungemein, auch wenn man wie ich kein Isländisch spricht. Übertragen wurden die Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Vilhjálmsdóttir verhandelt in ihren Gedichten grosse Themen: Tod, Religion und unsere Kulturgesellschaft. Unterteilt sind die rund 60 Gedichte in 3 Teile, wobei die Gedichte stark zusammenhängen. Man könnte den ganzen Text durchaus als ein Stück betrachten. Faszinierend an den Gedichten ist der Zynismus und die Boshaftigkeit die immer wieder herausstechen in einer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzierten Sprache. Man spürt förmlich die Wut (und manchmal auch die Abscheu) die Linda Vilhjálmsdóttir aus dem Bauch steigt und aufs Blatt überspringt. Sie hat eine grosse Botschaft zu verkünden, mit entsprechender Wortgewalt trägt sie diese auch vor. Das fängt gleich ganz zu Beginn damit an, dass sich die Gesellschaft in einem der ersten Gedichte, sorgsam wie sie ist, das eigene Grab schaufelt, schön drapiert und ausschmückt.

Mittlerweile habe ich alle Gedichte zum dritten Mal gelesen und bei jedem Lesedurchgang finden sich neue Möglichkeiten diese verdichteten Sprachfetzen zu verstehen. Immer wieder entziehen sich die Gedichte der Eindeutigkeit und überlassen dem Leser die Deutungshoheit. Vilhjálmsdóttir schreibt in einfacher, eindringlicher Sprache, ohne Satzzeichen und ohne Grossbuchstaben. Also auch rein ortografisch wird die Einfachheit der Sprache unterstrichen. Umso klarer spiegelt sich in diesen Worten unsere Gesellschaft.

wir sind
so weit gegangen
im namen des vaters und des sohnes

so weit
in raum und zeit
dass die seele zurückblieb

in einer anderen dimension
Linda Vilhjálmsdóttir, Freiheit, S. 103.

Selten sind die Gedichte länger als 10 Zeilen und laden gerade auch dadurch dazu ein, immer wieder zu lesen, genauer zu lesen, weiter nach der Bedeutung zu suchen. Ein veritabler Tiefgang an Sprache, der sich hier öffnet. Vilhjálmsdóttir verliert sich auch nicht in Sprachspielereien, die allgemeine Freiheit, sie scheint immer wieder hindurch, will sich aus der Einfachheit der Worte hinausquetschen. Und auch die negativen Konnotationen der Freiheit bleiben nicht unerwähnt, wer frei ist, kann eben auch machen, was er will, egal zu wessen Wohl.

Das Buch kommt im Pappeinband mit offengelegter Klebebindung auf schwerem Papier, macht also auch haptisch wirklich etwas her. Freiheit von Linda Vilhjálmsdóttir empfehle ich sehr. Es ist unglaublich schwierig in einfacher Sprache eine solche Dringlichkeit zu erzeugen, solche Wut auszudrücken, solch einen Drang nach Freiheit zu verpacken. Hier gelingt das problemlos. Besonders erwähnt an dieser Stelle soll auch noch das Übersetzerteam Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer sein, die die Gedichte ins Deutsche übertragen haben.

Website des Verlags zum Buch


Freiheit von Linda Vilhjálmsdóttir

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit.

Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Pappeinband mit offener Klebebindung.

120 Seiten.

Elif.




Zum Verlag:

Der Elif Verlag ist ein unabhängiger deutscher Verlag, welcher hauptsächlich Lyrik verlegt. Es finden sich aber immer wieder Prosastücke im Programm wie der hier bereits besprochene Roman Den Kern schluckt man nicht.

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