Das leise Schnaufen der Realität ─ Leichter Atem von Iwan Bunin

Übersetzt aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg

Nick Lüthi

Ein Brief an die Bunin-Übersetzerin Dorothea Trottenberg.

Das leise Schnaufen der Realität ─ Leichter Atem von Iwan Bunin

Liebe Dorothea Trottenberg,

Aufgefallen ist mir Ihr Name erstmals Ende 2018, als ich innert kürzester Zeit zwei Bücher von Sigismund Krzyżanowski in Ihrer Übersetzung gelesen habe. Aufgefallen ist mir Ihr Name damals nicht nur der ausserordentlichen Qualität der Bücher Krzyżanowskis wegen, sondern auch, weil er auf dem Cover stand. Etwas, das Ihr Hausverlag, oder zumindest der Verlag mit dem ich Ihre Arbeit stark verbinde, der Dörlemann Verlag, konsequent macht. Dass Übersetzer*innen aufs Cover gehören, war mir damals schon bewusst und ich hatte es in der Besprechung der Bücher auch entsprechend gelobt. Mein Verständnis vom Übersetzen und von Übersetzungen steckte aber noch in den Kinderschuhen, und so habe ich in der Besprechung dieser beiden Romane die Kardinalsünde eines jeden Rezensenten begannen, ich habe Ihre Übersetzung mit dem Adjektiv “fliessend” bedacht. Ein Fehler, für den ich mich bis heute schäme. Entschuldigen Sie bitte. Ich habe aber gelernt in der Zwischenzeit und hoffe, vom adjektivischen Weg der Auseinandersetzungen mit Übersetzungen abgekommen zu sein.

Der Grund für diesen Brief ist aber nicht Krzyżanowski oder mein damaliges fehlendes Verständnis für Übersetzungen, es ist ein anderer russischer Schriftsteller: Iwan Bunin, der heute seinen 150 Geburtstag feiern würde. Seit 15 Jahren übersetzen Sie Bunin nun im Dörlemann Verlag und auch hier habe ich wieder gesündigt. Leichter Atem der neueste, erst kürzlich erschienene Erzählband, war und ist mein erster Bunin-Trottenberg. Meine erste Berührung mit diesem bedeutenden Erzähler. Ein weiterer bedeutender Russe, den ich fortan mit Ihrem Namen verknüpfen werde.

Sie kennen Bunin natürlich besser als ich, ich erlaube mir hier trotzdem einen kurzen Umriss zur Person, für diejenigen Leser*innen, die Bunin noch nicht kennen. Bunin (1870–1953) war der erste Russe, der den Nobelpreis für Literatur (1933) erhalten hat. Realistisch hat er geschrieben, mit Blick auf das ländliche und provinzielle Leben. Wobei es mit dem Realismus (zumindest in Bezug auf die Wirkung der Texte) nicht weit her ist, seine Texte sind auch von leichter Magie durchzogen. Nicht in dem Ausmasse wie die Prosa seiner Zeit- oder Landesgenossen, klar, aber die Leichtigkeit seines Schreibens und die dabei herauskristallisierte Wahrheit, hat etwas Magisches. Wobei das natürlich nicht nur Bunin zuzuschreiben ist, sondern auch Ihnen. Ich, der wohl wie viele, kein einziges Wort Russisch spricht, hätte ohne Ihre Übersetzungen überhaupt keine Möglichkeit Bunin nahezukommen, mich in seinen Geschichten zu verlieren. Was mir an Ihrer Übersetzung besonders aufgefallen ist und besonders gut gefällt ist, wie leicht sich die Sprache anfühlt. Es ist und bleibt natürlich realistische Prosa, aber trotzdem scheint sie einen halben Meter über dem Boden zu stehen, so leicht folgt sie den Ausbuchtungen des Lebens.

Im Band sind ein paar der berühmtesten Erzählungen von Bunin vereint, wie etwa die titelgebende Erzählung Leichter Atem, in der die Geschichte einer jungen Gymnasiastin und deren Entführung erzählt wird. Es sind die Letzten, die vor Bunins Emigration 1920 entstanden sind. Bunins Geschichten sind meist angetrieben von Frauenfiguren, die immer auch den Umständen und den gesellschaftlichen Erwartungen trotzen. Gleichzeitig versteht es Bunin, die Dinge so zu schildern, wie sie sind und sie nur am Ende zu brechen oder ironisiert zuzuspitzen.

Auf dem Friedhof, über einem frisch aufgeschütteten Lehmhügel, steht ein neues Kreuz aus Eiche, fest, schwer und glatt, eines, das schön anzusehen ist.

Iwan Bunin: Leichter Atem, S. 34.

Aber kommen wir zurück zu Ihnen und Ihrer Übersetzung. Im deutschsprachigen Raum sind wir es uns ja gewohnt, herausragende Russisch-Übersetzungen zu lesen. Das liegt schlichtweg daran, dass es nebst Ihnen noch einige (vielleicht sogar viele) weitere herausragende Russischübersetzer*innen gibt, ich denke da etwa an Alexander Nitzberg, Gabriele Leupold, Eveline Passet, Olga Radetzkaja oder Andreas Tretner, um jetzt nur die paar zu nennen, die mir spontan in den Sinn gekommen sind. Dahingehend sind wir also verwöhnte, ja fast schon schnoddrig-elitäre Lesende, wenn es um die Repräsentation russischer Literatur geht. Und trotzdem sticht dieser Bunin und diese Bunin-Übersetzung heraus.

Weil es Literatur ist, die ich so nicht erwartet habe, die mich irgendwo getroffen hat, obwohl mich und Bunin 100 Jahre und viele Tausende Kilometer trennen. Man braucht sich ja nur den oben zitierten ersten Satz der Erzählung Leichter Atem anzuschauen um zu sehen, wie meisterhaft Bunin bereits das ganze Schicksal seiner Figuren, die ganze Welt die er in der Erzählung aufreissen wird, bereits in diesen einen Satz zu packen weiss. Gleichzeitig ist es auch auf Deutsch ein grossartiger Satz, einer der “fliesst”, einer der mir auch sofort die Ordnung der Dinge erzählt, der mir aber auch zeigt, wie poetisch Bunin schrieb und wie poetisch Sie ihn zu übersetzen wissen. Die Eigenschaften des Kreuzes folgen einer ganz bewussten, vorauseilenden Reihenfolge. Ganz so vorauseilend ist Ihre Übersetzung nicht, mit dem grossen Stilisten Bunin hält sie aber problemlos Schritt. Die Sprache wirkt leicht, dahingeworfen – eben wie grosse Poesie. Man merkt dabei oft gar nicht, wie lang die Sätze sind, wie verschachtelt die Neben- und Hauptsätze. Und das, ist eben auch Poesie. Grosse Übersetzungspoesie.

Ich, sollte das bisher unklar gewesen sein, möchte mit diesem Brief meine Hochachtung ausdrücken, liebe Dorothea Trottenberg, vor dieser Übersetzungsleistung und wünsche mir (ganz frech nicht zum eigenen Geburtstag, Iwan möge mir den Missbrauch verzeihen) fünfzehn weitere Jahre Bunin aus dem Hause Dörlemann und aus der Feder Trottenberg (wobei sich mein Lyrikherz als nächstes natürlich die Gedichte wünscht). Ich entschuldige mich auch, den neuen Band gar nicht richtig besprochen zu haben, deshalb für einmal ein umgedrehter Spiess mit Adjektiven für den Band, nicht für die Übersetzung (zugegebenermassen für diese aber genauso zutreffend sind): Herausragend, wunderbar, lesenswert!

Ich verbleibe mit herzlich fliessenden Grüssen, Nick Lüthi

Leichter Atem von Iwan Bunin

Iwan Bunin: Leichter Atem. Erzählungen 1916–1919.

Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg.

Herausgegeben von Thomas Grob.

Mit einem Nachwort von Thomas Grob.

Originalveröffentlichung 1916–1919.

288 Seiten.

Dörlemann.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Leinen) · bedrucktes Vorsatzpapier (Graphik) · Lesebändchen (blau) · Klebebindung

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Der 2003 enstandene Dörlemann Verlag ist ein Züricher Verlag, welcher sich auf die Neuentdeckung vergessener Klassiker spezialisiert hat, aber auch immer wieder Schweizer Autoren verlegt.

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