Requiem - Dies schwarze Leid von Gutti Alsen.

Seit ich begreifen musste, meine Einziggeliebte, dass der düstere Freier deine rührende Jugend bezwungen und dich fortgerissen, wild, in sein schwarzes Land, bin ich als Hülle nur zurückgeblieben meines einstigen Ichs.

Mit diesem Satz beginnt der schmerzerfüllte Abgesang einer Mutter auf ihre Tochter. Nachdem die Mutter ihren Schmerz in Worte gefasst und der Trauer der erste Raum zugestanden worden ist, beginnt sie den Verlust zu verarbeiten. Diese Verarbeitung geschieht durch das Nacherzählen der Lebensgeschichte ihrer Tochter, Ellen. Wir begegnen Ellen als Kleinkind, als zarte und engelsgleiche Gestalt, die sich dem Wohlgefallen ihrer Mutter nach entwickelt. Es folgen Beschreibungen und vor allem Beobachtungen der kurzen, intensiven Lebenszeit, gefärbt durch die Beziehung von Mutter und Kind. Immer erblickt aus dem Auge der Mutter. Ellen gedeiht vom Kleinkind zur selbstbewussten jungen Frau, die selbst Schriftstellerin werden will, genauso wie ihre Mutter. All diese Erzählungen werden überschatten von dem, was Leser*in und Erzählerin längst wissen, die Tochter, sie wird nicht über ihr zwanzigstes Lebensjahr hinauskommen, erklingt hier doch der Wehgesang an die verstorbene Tochter.

Es gibt drei Ebenen, auf denen man diesen Roman erkennen kann/muss, will man ihn den verstehen. Vordergründig geht es hier natürlich um einen Roman, mit Handlung, Figuren etc. Daneben, ist dieser Roman aber auch autobiografisch, gewidmet der Tochter von Gutti Alsen, die in jungem Alter verstarb. Und auf der letzten Ebene ist “Requiem” der Roman einer Vergessenen und selbst ein vergessenes Werk.

Beginnen wir aber mit dem Roman selbst. So wirkt das Werk zwar sprachlich stellenweise überholt und altertümlich, in der Geschichte und Art der Erzählung aber unglaublich modern. Die sehr berührenden und unter die Haut gehenden Schmerzensschreie der Mutter zu Beginn werden gekonnt und zum perfekten Zeitpunkt abgelöst von der Lebensgeschichte Ellens. Verwebt und subjektiv gefärbt ist in dieser Lebensgeschichte dann der wahnsinnig liebevolle Blick der Mutter auf die Tochter. Damit wird immer auch die Beziehung der beiden miterzählt. Diese Elemente wirken ungewohnt modern für eine 1929 erschienene Novelle. Der behütende, ja beinahe angsterfüllte Ton der ersten Lebensjahre wird abgelöst von einer Adoleszenzphase, in der die ersten Geheimnisse zwischen den beiden erwachsen, um schlussendlich im elterlichen Stolz auf die kluge, selbstbewusste junge Frau zu enden. Geprägt sind diese Passagen von wahnsinnig feinen Beobachtungen, sowohl die Gemütsregungen der Mutter als auch die von Ellen betreffend.

Nebst den beiden Frauen verblassen alle anderen Figuren, die tauchen jeweils nur auf, wenn sie unmittelbar mit den Leben und der Beziehung der beiden verknüpft sind. Ganz im Sinne expressionistischer Dichtung wird hier kein klassischer Romanaufbau verfolgt, sondern viel eher etwas, was man wohl einen Lebensbericht nennen kann, obgleich, auch wieder epochengerecht, komplett subjektiv verfärbt.

Auf der ersten Betrachtungsebene ist dies also ein handlungsarmer Roman mit wenigen Figuren, der sehr geschickt konstruiert ist und die Beziehung zweier Menschen sehr genau und gut beobachtet auslotet. Nun ist dieser Roman aber auch autobiografisch. An dieser Stelle vermischen sich zweite (autobiografisches Material) und dritte Ebene (Alsen als Vergessene, Requiem als vergessenes Werk) untrennbar. Die Rezeptionsgeschichte lässt sich nicht mehr vom Werk trennen, denn über Gutti Alsen ist wenig bis nichts bekannt. Man weiss, dass dieser Roman 1929, kurz nach ihrem Tod, erschienen ist. Man weiss auch, dass Alsen selbst eine Tochter hatte, die mit 20 Jahren verstarb. Damit ist aber der Wissensstand zu Gutti Alsen aufgearbeitet. Und somit ist auch klar, dass tiefergehende Aussagen zu den autobiografischen Bezügen dieses Romanes schlichtweg nicht möglich sind. Ganz im Sinne von “Write what you know” lässt sich mutmassen, dass dieses Werk in seiner Intensität und Strahlkraft nur möglich war, weil Alsen selbst die Rolle ihrer Hauptfigur im eigenen Leben bekleiden musste. Doch auch dies muss Vermutung bleiben, es ist schlichtweg zu wenig über die Stationen ihres Lebens bekannt, als dass mit Sicherheit mehr Bezüge geschafft werden könnten.

Nach intensiven Nachforschungen lässt sich nämlich folgendes sagen: Bis auf einen einzigen Forschungsartikel, der sich, auch nur peripher, auf ihr Werk bezieht, ist da, wo einst Gutti Alsen stand, eine riesige Leerstelle. Alsen und ihr Werk sind schlichtweg nicht erforscht und aufgearbeitet. Es gibt zwar zwei Lexikoneinträge (Lexikon der deutschen Literatur, Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts), die kennen beide aber nur Geburts- und Todesdatum und verweisen gegenseitig aufeinander. Es bleibt bei ihr aber nicht nur bei der Forschungslücke: Nebst “Requiem” ist von Alsen genau noch ein 26 seitiger Novellenband aus dem hochroth Verlag erhältlich. Alle anderen Werke (ein Roman, zwei Novellenbände und ein weiteres posthumes Werk) liegen nur in den jeweiligen Originalausgaben vor, die sehr selten sind und nie wiederaufgelegt wurden. Immerhin kann man eines ihrer längeren Werke jetzt wieder lesen, verstehen kann man es aber nicht in seiner Gänze. Es wäre gerade bei einem autobiografischen Werk immens wichtig, die Biografie der Schriftstellerin zumindest an den Eckpunkten zu kennen, um das Werk zu verstehen.

Wenn sich schon nicht die autobiografischen Bezüge thematisieren lassen, so kann man wenigstens das Vergessen thematisieren. Als Vertreterin des Expressionismus war Alsen von Beginn weg schlecht gestellt, haben doch eigentlich nur Männer dieser Richtung Aufnahme in den Kanon erfahren. Auch als Jüdin war es um ihr Werk schlecht gestellt, dasselbe Schicksal erfuhren viele Juden deren Hauptwerk vor oder während des Zweiten Weltkrieges entstanden sind. Erschwerend kommt bei ihr sicherlich auch noch hinzu, dass sie in Königsberg (heute Kaliningrad, Russland) beheimatet war, somit auch geografisch weit vom heutigen deutschsprachigen Raum entfernt lebte.

Das dieses Vergessen ungerechtfertigt ist, das wird jedem klar werden, der dieses Werk liest. Ist es doch modern und altertümlich zugleich, sprachlich überraschend und vielfältig. Hinzu kommt noch, dass es aufgrund seiner Länge ein für den Expressionismus aussergewöhnliches Werk ist, wurden doch die kurzen Formen bevorzugt. Aus gutem Grund, Gefühlen und Eindrücken eindringlich Ausdruck zu verleihen, ist in kurzen Formen bedeutend einfacher zu bewerkstelligen. Gutti Alsens Werk überzeugt aber auch gerade deswegen, die Novelle ist sehr geschickt konstruiert und weist eine ausgeklügelte Struktur auf. In schöner Broschur mit Klappcover kommt jetzt diese Neuausgabe daher, die der Fassung der Originalausgabe folgt. Es ist dem Homunculus Verlag hoch anzurechnen, diesen Schatz ausgegraben zu haben. Gutti Alsen gehört so was von nicht vergessen, gut haben wir jetzt alle die Möglichkeit, sie wieder zu lesen.

Requiem - Dies schwarze Leid von Gutti Alsen.

Gutti Alsen: Requiem. Dies schwarze Leid.

Originalveröffentlichung 1929.

180 Seiten.

Homunculus.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Der 2015 enstandene Homunculus Verlag spielt bereits im Namen mit dem Lebendimachen des Anorganischen. Es finden sich dementsprechend viele Vergessene im Erlanger Verlag wieder. Aber auch aktuelle Veröffentlichungen und Spiele gehören zum spannenden Programm, das immer eine hochwertige Aussatttung erfährt.

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