Sandbergs Liebe von Jan Drees

Nick Lüthi

Sandbergs Liebe von Jan Drees

Kristian Sandberg hat gerade seine Promotion abgeschlossen und findet schnell Arbeit in einer Literaturagentur. Seine letzte Beziehung liegt einiges zurück. Auf seinem Smartphone schlägt ihm die Dating-App “Once” einmal täglich eine potenzielle Partnerin vor. So lernt er Kalina kennen. Unglaublich schnell entwickelt sich aus diesem Vorschlag einer Dating-App eine Beziehung, deren strudelhafte Wirkung Kristian nicht mehr kontrollieren kann und die sich zu einer gefährlichen Abhängigkeit hin entwickelt.

Er glaubt, in Kalina die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Dem Leser wird aber schnell klar, dass Kalina nicht die Frau seines Lebens, sondern Ausdruck seiner verzweifelten Suche nach Liebe ist. Sie manipuliert, verdreht und vergiftet Sandbergs Wahrnehmung so, dass er sich selbst nicht mehr finden kann und sich immer mehr in der Beziehung verliert. Fehler muss er nie bei ihr suchen, er findet sie bei sich selbst.

Vielleicht war ich zu empfindlich, werde ich später denken, als wir im Bett liegen.

Puh. Nach “Sandbergs Liebe” brauchte ich erst eine Verschnaufpause. Leichte Kost ist das nicht. Da wird von einem Menschen erzählt, der sich in einer Beziehung verliert und wahrscheinlich auch verlieren will, so gross ist Sandbergs Drang nach Liebe. Es ist beeindruckend wie hier das Psychogramm eines Menschen nachgezeichnet wird. Nie driftet die Geschichte ins Unglaubwürdige ab, obwohl die Beziehung nur wenige Wochen dauert. Denn schon zu Beginn heisst es da:

Dabei ist Zeit immer eine Nebensache. Es geht nie um Dauer. Es geht um Intensität.

Und wie sich der Roman dann doch selbst recht gibt. Intensiv ist sie, die Beziehung zwischen Kristian und Kalina. Intensiv ist auch die Leseerfahrung. Atemlos gibt man sich als Leser dieser strudelnden Beziehung hin und vergräbt sich dabei immer tiefer in den subtilen Druckmitteln und Realitätsverdrehungen, welche Kalina gegen Kristian ausspielt. Es brodelt unter der Oberfläche, man spürt, etwas passt hier nicht, das Bedrohliche begleitet das Leseerlebnis.

Jan Drees erweist sich dabei als geschickter Spurenleger. Oftmals wird ganz früh und subtil angelegt, was später krachend niedertrifft. Der Roman beschränkt sich aber nicht nur auf diese Ebene. “Sandbergs Liebe” lese ich auch als Zeitkommentar. Die Dating-App Once, suggeriert zwar schon eine Entschleunigung, es werden nicht mehr Dutzende Matches am Tag generiert, sondern auf einen Match am Tag reduziert, trotzdem bleiben die Möglichkeiten an potenziellen Partnern grenzenlos. Mindestens einer pro Tag. Der Mensch hadert mit diesen Möglichkeiten und sucht ja trotzdem nur eines, den Menschen, der bleibt und bei dem man auch will, dass er bleibt. Wir sehnen uns nach Nähe und Wärme, Geborgenheit, auch wenn die Möglichkeiten meist nur ein paar Swipes entfernt zu sein scheinen. Erst in diesem Paradox kann eine vergiftete Liebe wie die Sandbergs zu Kalina erwachsen.

Hinterfragen muss man am Ende des Romans nicht nur Kalinas Handlungen, sondern auch Sandbergs Liebe und seine Motive dafür. Und auch dies ist gerade so überzeugend gezeichnet. Er weiss genau, dass er gehen müsste. Ihm ist bewusst, dass die Fehler nicht alle bei ihm liegen können und trotzdem bleibt er. Wirft sich verzweifelt nach dieser Beziehung mit der sie so gekonnt spielt. Immer in der Hoffnung, seine Liebe möge doch auf Gegenliebe stossen.

Man sollte “Sandbergs Liebe” unbedingt lesen. Da wird nicht nur mit feinem Gespür eine Beziehung nachgezeichnet, da lässt sich auch ein Kommentar zu unserer Zeit finden. Ausserdem ist das Ganze auch noch so erzählt, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen will.

Sandbergs Liebe von Jan Drees.

Jan Drees: Sandbergs Liebe.

190 Seiten.

Secession.

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