Von weiss zerstäubter Natur

schnee relief von Lisa Elsässer

Nick Lüthi

Es ist zwar September und weiterhin warm, der Schnee wird noch auf sich warten lassen. Trotzdem passen diese Gedichte über und mit Schnee ganz gut hierhin, denn manchmal reicht es ja, wenn der Schnee ein herbeigerufener ist. Denn auch der Herbeigerufene kann verzaubern und in eine leicht glitzernde, weiss-stille Wunderwelt entführen.

Von weiss zerstäubter Natur

Langsam steigt man in diesen Gedichtband hinein. Der Schnee legt nicht nur die Welt unter seine Decke. Er raubt dem Leben auch ein wenig an Geschwindigkeit. Langsam tastet man sich also weiter, hinein in diese, gerade nach diesem Sommer, eigentümliche Parallelwelt. In dieses Universum, dessen Hochtage längst verloren und vergessen zu sein scheinen. Man kann nur hoffen, dass er wieder kommen wird, dieser Schnee, sobald man ihn ruft.

Lisa Elsässers Gedichte setzen ganz natürlich da an, wo die Assoziationen zum Schnee beginnen. Es ist kalt, still, einsam. Aber auch eine herrschaftliche Zeit, durch die man königsgleich hindurch schreiten kann. Es ist eine Zeit, in der man innehalten muss, um der Natur wieder mit geschärftem Blick zu begegnen, da sie ihre Präsenz so selbstverständlich über Alles gelegt hat, dann aber auch wieder, ohne Bilanz zu ziehen, verschwinden wird.

Es ist durchaus mutig, einen ganzen Band einem einzigen Wetterphänomen zu widmen. Gerade eines wie Schnee, dass motivisch (bildlich gesprochen) nicht gerade vielfältig variierbar erscheint. Elsässer macht das aber geschickt und nutzt den Schnee als Assoziationsspielraum, der durch den ganzen Band hinweg breit ausgespielt wird. Die von Elsässer heraufbeschworenen Bilder sind direkt und unverbraucht. Manchmal ist es die Natur, die zum Ich durchdringt und mal ist es umgekehrt, und das lyrische Ich begeht diese neu gedachte Welt, die durch ihre geänderte Gestalt zum Flanieren und Sinnieren einlädt.

museum
ich betrete
den verschneiten wald
das museum der natur

bild für bild
präge ich mir ein
jeder zweig ein unikat

und über allem wacht
der kalte himmel
das turnersche blau
Lisa Elsässer: schnee relief, S. 53

Einerseits ist der Schnee als reflektierende Oberfläche so eingestellt, dass er immer wieder etwas zurückwirft und dementsprechend zur Introspektion dient. Dann wird genau beobachtet, hineingehorcht und neu angesetzt. Ein neuer Denkfaden entsponnen und ins weit gelagerte Weiss gelegt. Der Schnee löst einen Rhythmus des Nachdenkens aus, weil er immer wieder kommt und immer wieder verschwindet, Jahr um Jahr.

Andererseits ist natürlich die Natur die grosse Motivpatin für den Band. Sie ist verletzlich und zart, zwar gewaltig ins Geschehen gerückt, verschwindet (oder zieht sich zurück?) aber auch langsam und stetig. Oft ist sie in diesem Band die leise Stimme im Hinterkopf, sanft und bestimmt weist sie auf ihren Zustand hin, um dann wieder durch neue Gedanken zerstäubt zu werden. Doch ganz am Schluss wird es konkret um dieses Verschwinden, der Schnee muss motivisch wie natürlich weichen: “jetzt wo die metapher// schnee verschwindet.” Man weiss da nicht, ob es ein vorläufiges oder ein endgültiges Gute Nacht ist, welches der Schnee uns entgegenruft. Man kann nur hoffen, dass er im nächsten Jahr – ob nun un- oder angerufen – wieder erscheinen wird. Und die Welt in Kälte zum Glitzern bringen wird.

schnee relief von Lisa Elsässer

Lisa Elsässer: schnee relief.

DIE REIHE Band 67.

88 Seiten.

Wolfbach.

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