Sprachgewalt erkennen und sprachhandelnd verändern von Lann Hornscheidt

Nick Lüthi

Sprachgewalt von Lann Hornscheidt.

In diesem kurzen Aufsatz verhandelt Lann Hornscheidt genau das, was der Titel ankündigt: Sprachgewalt, wie diese zu definieren und zu erkennen ist aber auch, wie wir als Handelnde dieser Sprachgewalt begegnen können. Hornscheidt definiert Sprachgewalt als eine Form struktureller Gewalt, also als Gewalt die bereits in den Strukturen unserer Sprache angelegt und zementiert ist.

In meinem eigenen Idiom – dem Berndeutschen – gibt es etwa das Phänomen, dass bei bestimmten weiblichen Übernamen der Artikel vom Weiblichen ins Neutrum gewechselt wird. Aus “d Frankziska” wird “ds Fränzi”, “die Franziska” wird also “das Fränzi”. Der ursprünglich weibliche Artikel “die”, wird zum Neutrum “das”. Gleiches gilt etwas für die Grossmutter, die im Berndeutschen konsequent als “ds Grosi” bezeichnet wird, in etwa “das Grossmütterchen”, der Grossvater hingegen, wird zwar zum “Grosätti” behält aber den bestimmten männlichen Artikel.

Diese Verschiebungen des Artikels werden zwar nur bei bestimmten Übernamen gemacht (normalerweise bei Endung auf -i) aber, solche Verschiebungen gibt es nur bei weiblichen Artikeln und Personen, nie bei Männern. Ein männlicher Übername der auf -i endet, wie beispielsweise Ruedi, bleibt “dr Ruedi” und wird nicht zum “ds Ruedi”. Genau solche Sprachphänomene detaillieren strukturelle Gewalt. Niemand der aus der Franziska oder der Grossmutter “ds Fränzi u ds Grosi” macht, tut dies mit Absicht oder aus bösem Willen heraus, aber wie Lann Hornscheidt dies formuliert:

Strukturelle Gewalt äußert sich also buchstäblich in und durch Worte und unserem unreflektiertem Sprachgebrauch.

Dieser unreflektierte Sprachgebrauch ist genau der problematische Punkt, wie Hornscheidt weiter ausführt, denn dadurch vertreten wir den Standpunkt, dass die Sprache nicht wichtig sei, es schliesslich ja nur Worte seien.

Über die gesellschaftliche Annahme, dass sprachliche Benennungen nun wirklich nicht wichtig seien, wir sie nicht verändern müssten, wird Gewalt manifestiert und erhalten. Dies benenne ich hier als strukturelle und extrem wirkmächtige Sprachgewalt.

Anhand vieler Beispiele und bildhaften Erklärungen erläutert Lann Hornscheidt die These, dass Sprachgewalt strukturelle Gewalt ist, die äusserst problematisch ist, weil sie einerseits unreflektiert ist und aber andererseits auch strukturverhärtend wirkt. Bestehende Strukturen werden unbewusst sprachlich wiederholt und zementiert. Hornscheidt verharrt aber nicht bei dieser Erkenntnis, es geht hier eben nicht nur darum zu erkennen, was Sprachgewalt überhaupt ist, sondern wie wir durch unser Verhalten diese Strukturen umdenken und durchbrechen können. Hornscheidt appelliert hier an uns Sprachverwender, wieder bewusster mit der Sprache umzugehen, verwendete Begriffe, Redewendungen zu überdenken und dann auch, zu verändern.

Das ist ein wahnsinnig kluger Aufsatz, der nur so von zitierfähigen Passagen strotzt, weil, das ist nicht oberlehrerhaft, Lann Hornscheidt argumentiert sachlich, präzise und fundiert. Besonders toll finde ich, dass es nicht bei einer Abhandlung des Problems bleibt, Hornscheidt zeigt auf, wie wir aktiv diesen Phänomenen begegnen und diese verändern steuern können. Sprache ist Handeln und unreflektiertes Handeln ist nie klug. Jeder sollte diesen Aufsatz lesen, er schafft ein Bewusstsein für die eigene Sprache, zwingt einen, die eigenen Sprachhandlungen kritisch zu überdenken. Angesichts des Formates und des Preises dieses Aufsatzes bestellt man sich am besten ein Dutzend und drückt allen dieses Heft in die Hand.

Wer jetzt also 2 Euro und 30 Minuten Zeit hat: Ich wüsste nicht, wie man dieses Geld und diese Zeit besser investieren könnte.

Sprachgewalt erkennen und sprachhandelnd verändern von Lann Hornscheidt.

Lann Hornscheidt: Sprachgewalt erkennen und sprachhandelnd verändern.

24 Seiten.

Sukultur.

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