Sumpfland von Moki

Nick Lüthi

Sumpfland von Moki.

Das von Moki erschaffene Sumpfland ist ein eigentümlich Ding. Alraunen produzieren mit fabrikatösem Eifer Nachkommen in rohen Mengen, Fuchs und Mensch stecken in einer Beziehungskrise, verkümmertes und verkrümmtes Gemüse sitzt in der Bar und schüttet den Frust hinunter, eine junge Frau versinkt im Sumpf und wird Teil dessen. In Episoden erzählt, springt der Erzählfluss zwischen Szenen wie diesen umher. Bis einem als Leser*in irgendwann klar wird, dass es in Sumpfland nicht um das grosse, zusammenhängende Narrativ geht, sondern um die Kartierung dieses Sumpfes und seiner Bewohner.

In irgendeiner Art und Weise scheint das Sumpfland eine Parallelgesellschaft zu bilden. Die Szenen sind immer wieder vertraut. So wird ein Beziehungsstreit durch sprachliche Missverständnisse ausgelöst oder VR-Masken werden als Objekte zur kompletten Selbstbestimmung (“Sei wer du sein willst!”) zum Kauf angepriesen. Die vertraute Realität schimmert zuweilen durch, wird aber von diesem Sumpfland auf wundersame und verzerrte Weise gespiegelt.

Was immer die Motive, Szenen und Figuren in Sumpfland sein mögen, eindeutig sind sie nicht. Auf vielfältige Art und Weise lassen sie Interpretationen zu, erzählen Dinge halb, lassen aber auch vieles verschleiert und bleiben unklar und aus dem Gleichgewicht gebracht. Und genau mit dieser Fähigkeit überzeugt Mokis Werk. Es ist genug vertrautes da, um sich daran weiterzuhangeln, aber auch nach mehrmaligem Lesen bleiben viele Rätsel ungelöst. In dieser interpretativen Vieldeutigkeit versteckt sich das Potential des Werkes.

Denn in der vielleicht besten Episode sitzt ein Bewohner des Sumpflandes vor dem Fernseher und listet auf die Frage “Was kommt denn noch so?” verschiedene Genres von Krimi über Soap zu Liebesschnulze auf. Diese Auflistung ist unterlegt mit Bildern aus den einzelnen, bis dahin erzählten, Episoden. Damit wird unterstrichen, was das Werk alles sein könnte, oder zumindest, was in ihm alles vereint und behandelt wird. Ob dem dann tatsächlich so ist, oder dies nur eine geschickte Irreführung für die Leser*in sein soll, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Sumpfland von Moki.

Mokis Zeichnungen bestehen aus klaren Linien und Strichen, sind stellenweise trotzdem leicht krakelig und konstant in Grautönen gehalten. Das Papier des Buches aber ist limettengrün und erzeugt damit, in Kombination mit den Zeichnungen, ein spannendes, ganz in Grün getauchtes, Farbuniversum. Überhaupt funktionieren Zeichnungen, Geschichte und Ausgabe ausgezeichnet zusammen. In für den Reprodukt Verlag gewohnt hochwertiger Ausgabe, geben sich die verschiedenen Elemente, die den Gesamteindruck des Graphic Novels ausmachen, die Klinke in die Hand.

Merkwürdige Wesen kriechen durch das von Moki erschaffene Sumpfland. Vieles mutet komisch an. Ungemein vertraut aber auch ungemein verzerrt und entstellt. Mokis Werk ist vieles, aber ganz sicher nicht eindeutig. Gerade deshalb ist ein Besuch des Sumpfes und seiner Bewohner mehr als lohnenswert.

Sumpfland von Moki.

Moki: Sumpfland.

164 Seiten.

Reprodukt.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Karton) · bedrucktes Vorsatzpapier (Zeichnung) · farbiges Papier (limettengrün) · fadengeheftet

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Der Berliner Reprodukt Verlag ist seit seiner Entstehung 1991 auf Comics spezialisiert. Waren es zu Beginn hauptsächlich amerikanische Independent-Comics die verlegt wurden, sind seit 1994 und 2004 auch deutschsprachige und frankobelgische Zeichner\*innen fester Bestandteil des Programms.

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