Tamangur von Leta Semadeni

Tamangur ist ein klassischer Longseller aus einem unabhängigen Verlag, erstmals 2015 veröffentlicht und jetzt, Ende 2018 bereits in der 13. Auflage, ist mir dieses Buch erst vor wenigen Tagen in die Hände gefallen. Gelesen habe ich es dann auch sogleich.

Es ist ein kurzes, poetisches Buch, welches die Geschichte eines Kindes und seiner Grossmutter erzählt. Der Grossvater, erst kürzlich verstorben, ist im besagten Tamangur, im Seelenreich für Jäger. Das Kind lebt bei seiner Grossmutter, wo die Eltern sind, wird nie genau erklärt. Man mag es ob der Lektüre vermuten, klar wird es aber nie. Wohnhaft in einem kleinen Bergdorf in den Bündner Bergen leben die beiden ein karges Leben und der einzige Austausch den sie erfahren, ist mit der etwas seltsamen Elsa.

Der dritte Stuhl am Tisch ist leer. Der Großvater ist in Tamangur.

Vor dem Küchenfenster neigt sich der Holunderbaum. Er ist schon voller Beeren.

Schon alleine der Sprache wegen arbeitet Tamangur mit sehr vielen Leerstellen und vielem, das nicht gesagt oder erzählt wird. Bei einem solchen Fall verhält es sich eigentlich immer gleich, entweder ist das sehr geschickt gemacht und aus der Summe des Nicht-Gesagten ergibt sich ein stimmiges, poetisches Gesamtbild, welches sich jeder Leser selbst zeichnet und zeichnen kann. Oder aber, es hat zu viele Leerstellen und der Leser nervt sich über das Nicht-Gesagte, weil er sich in der Schwammigkeit und Ungenauigkeit der Erzählung verliert.

Diese schmale Gratwanderung zwischen poetischer Anspielung und genauem Erzählen gelingt Leta Semadeni erstaunlich gut. Als Leser wirft man sich gerne in diese Fetzensammlung, der Roman vereint 73 Kapitel auf 144 Seiten, ist strukturtechnisch also aufgebaut wie ein Gedichtband. Man hat es hier auch viel eher mit einer Sammlung an Gedichten, die sich um die gleichen Figuren kreisen, in Prosaform zu tun. Sprachlich und erzählerisch ist das überzeugend umgesetzt.

Als Leser fehlte mir aber die klare Richtung, die Orientierung auf einen Erzählstrang hin. Hier werden drei wundersame Figuren geschaffen, welche man gerne besucht und für die man sich aber auch etwas zu tun gewünscht hätte. Tamangur ist ein poetisches, sprachlich aufgeladenes Buch, welches sich auf die Erzählung einer innigen Beziehung zwischen Grossmutter und Kind beschränkt. Und dadurch einiges an Potenzial verschenkt.
Website des Verlags zum Buch


Tamangur von Leta Semadeni

Leta Semadeni: Tamangur.

144 Seiten.

Rotpunktverlag.






Zum Verlag:
Der Rotpunktverlag ist ein unabhängiger Schweizer Verlag, welcher auf eine über 40 Jährige Geschichte zurückblickt. Verlegt werden Belletristik in der Edition Blau, sowie politische Sachbücher und Bücher zu Wander- & Freizeitthemen.

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