T. Singer von Dag Solstad

Übersetzt aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Nick Lüthi

T. Singer von Dag Solstad

Singer, dessen Vornamen im ganzen Roman auf die Initiale T reduziert bleibt, hat gerade sein Studium der Bibliothekswissenschaft abgeschlossen und macht sich auf den Weg nach Notodden, irgendwo in der norwegischen Provinz. Dort angekommen, soll er eine Stelle als Bibliothekar in der städtischen Bibliothek antreten. Wie es Singers Wesen so an sich hat, findet er sich in dieser Stadt schnell zurecht. Niemand kennt ihn, sozialer Kontakt findet nur in dem Ausmasse statt, wie es Singer passt und auch die Kollegen mögen ihn. So kann Singer in Ruhe und zurückgezogen vor sich hin leben. Wie es der Zufall aber so will, ereilt auch einen Menschen wie Singer irgendwann die Liebe. Mit dieser Liebschaft leitet sich auch sein Leben in neue Bahnen. Er wird zum Ehemann und zum Stiefvater der jungen Tochter seiner Frau. Wie immer, nimmt Singer diese Veränderungen mit seinem gleichgültigen Gemüt auf und fügt sich dem Schicksal.

Ganze 20 Jahre musste es dauern, bis der Roman “T. Singer” des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad endlich auch in einer deutschen Fassung erscheint. Dafür erscheint der Roman in einer, für den Dörlemann Verlag typischen, sehr schönen Ausgabe. Im Leineneinband und mit Lesebändchen. Und erst noch in einer sehr schönen Übersetzung von Ina Kronenberger. Trotz der verschachtelten und verworrenen Sätze, die Solstad so gerne benutzt, verliert man als Leser nie die Orientierung und hat das Gefühl, einen Roman mit sehr klarer Sprache zu lesen. Dies ist unbestritten ein grosses Verdienst der Übersetzerin. Zeitgleich erscheinen übrigens die zwei bereits früher übersetzten Werke “Scham und Würde” und “Elfter Roman, achtzehntes Buch” erneut. Diesmal aber als Broschur und mit einheitlichem Cover, beide auch von Ina Kronenberger übersetzt.

Zum Werk Dag Solstads muss man wissen, dass er als einer der bedeutenden zeitgenössischen Schriftsteller Norwegens gilt. Solstad selbst betrachtet “T. Singer” als sein vollkommenstes Werk und er hatte proklamiert, dass sein Werk nach diesem Roman abgeschlossen sei. Er schrieb und schreibt aber weiterhin Romane, bleibt aber seiner Aussage treu, wie in einem der wenigen ausführlichen Interviews mit ihm nachzulesen ist.

Zurück aber zum Roman. Selten habe ich einen Roman gelesen, der sein Programm und damit die Motive und Handlungen seiner Hauptfigur bereits dermassen konsequent im ersten Satz aufzeigt. Zeitweilig vergass ich von der Existenz dieses ersten Satzes und war ganz von der Geschichte getrieben. Manchmal war ich aber auch verwundert, ob den Handlungen Singers. Erst retrospektiv wurde mir wieder klar, wie sehr sich alles was Singer tut, denkt und fühlt, nach diesem ersten Satz richtet.

Singer litt an einer speziellen Form von Schamgefühl, das ihn keineswegs täglich plagte, ihn jedoch gelegentlich heimsuchte, es war eine Erinnerung an ein wie auch immer geartetes peinliches Missverständnis [...] .

Lange konnte ich mir als Leser die Geschichte nicht erklären. Erst als ich mir den ersten Satz verinnerlichte, wurde mir wieder bewusst weshalb und worum es genau geht. Singer kommt fast um vor Schamgefühl. Alles was er tut, ist davon geleitet. Dieser Roman wird getrieben vom Schamgefühl seiner Hauptfigur und einer damit einhergehenden Distanziertheit zum eigenen Leben. Diese Losgelöstheit vom eigenen Leben ist erschreckend.

Singer, so scheint es, passieren die Dinge einfach, tun tut er fast nichts und damit ist er auch immer mindestens einen Meter von den Dingen weg. Nichts berührt ihn, am liebsten sitzt er alleine in einem Sessel und liest oder denkt. Die Ehe von jemandem, der dermassen distanziert zum eigenen Leben ist, kann nicht lange gut gehen. So verhält es sich mit seinem gesamten Leben, Freunde, die eigene Frau, die Tochter, alles lässt er nur passieren. Immer mit der Angst im Rücken, es könne ja eine peinliche Situation entstehen. Auf Rücksicht auf sein Schamgefühl versucht Singer deshalb tunlichst, solche Situationen schon im vornherein zu verhindern.

Im für ihn typischen Stil schreibt Solstad in langen Sätzen und häufigen Wortwiederholungen. Gleichzeitig beweist er einen meisterhaften Umgang mit der Zeit. In einem Satz können ganze Jahre vergehen nur, um mit dem nächsten Satz mehrere Seiten einzuläuten, bei denen die Zeit stillsteht und kaum eine Sekunde zu vergehen scheint. Solstad wird oft nachgesagt, er schreibe ironisch und zynisch. Obwohl Solstad selbst dies nicht so sieht, wie er im oben zitierten Interview auch erklärt. Auch mir war bei der Lektüre immer wieder der Gedanke im Kopf, hier werde mit ironischer Überhöhung gearbeitet, denn jemand wie Singer, der all sein Handeln in äusserster Konsequenz nach seinem Schamgefühl richtet, ist doch eine äusserst merkwürdige Figur.

So blieb ich nach der Lektüre etwas ratlos zurück. Das ist ein meisterhaftes und gerade auch seiner Kompromisslosigkeit dem wesensgebenden Charakterzug seiner Hauptfigur gegenüber, beeindruckendes Buch. Aber lebensbejahend ist es nicht. Singer, diese Marginalexistenz, die sich selbst klein gehalten hat, alleine aufgrund des eigenen Schamgefühls, verschwindet nach dem Drehen der letzten Seite einfach wieder. Aber in mir als Leser hat er noch lange nachgewirkt. Und so fristet Singer weiter seiner Marginalexistenz. In meinem Bücherregal.

T. Singer von Dag Solstad.

Dag Solstad: T. Singer

Übersetzt aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger.

Originalveröffentlichung 1999.

288 Seiten.

Dörlemann.

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