Willkommen im Tal der Tränen von Noëmi Lerch

Nick Lüthi

Willkommen im Tal der Tränen von Noëmi Lerch.

Im vielleicht am schönsten gestalteten und hochwertigsten Buch, welches ich in diesem Frühjahr in den Händen gehalten habe, erzählt Noëmi Lerch vom Leben auf der Alp. Noch etwas erschlagen von der Haptik des Werkes, wird man als Leser*in schnell hineingezogen in die Geschichte. Getragen wird diese von Lerchs poetischer Sprache und den Illustrationen vom Künstlerduo Walter Wolff.

Der Tuinar ist neu auf der Alp, muss sich neben dem mürrischen Duo Zoppo und Lombard beweisen. Die beiden sind ein eingespieltes Team, unterhalten sich, wenn sie sich denn Worten bedienen, im Dialekt, den der Tuinar nicht versteht. Ab und an stakt ein verirrter Tourist durch die weite Ebene der Alp, doch meist sind es nur die drei Männer, die etwas verloren über diese Ebene ziehen. Wie über den Sommer die Worte spärlicher und spärlicher werden, so werden auch die Seelenlandschaften der Männer karger. Zurückgezogen in die eigene Stille sinnen sie dem Leben nach.

Der Tuinar hat in den Kessel mit der Mich geschaut. Der Kessel war voll und sein Kopf leer. Die Harfe hat nicht wie sonst im Kessel gesungen. Die Käselaibe waren tot in seinen Händen. Das Wasser hat beim Waschen der Tücher an seinen Händen gebrannt.

Noëmi Lerch: Willkommen im Tal der Tränen, S. 63.

Noëmi Lerch erzählt den Alpsommer dieser drei Männer in Miniaturen, welche von einigen wenigen Sätzen bis hin zu einer ganzen Seite reichen. Die gewählten Worte sind schlicht, die Sätze kurz. Gerade deswegen ist die Sprache poetisch, ausgestattet mit berauschender Kraft. Das Fell der Katze sprüht Funken im Sonnenlicht, die Tiere «fliegen» mit «nassschwarzglänzenden Nasen» über die Wiese und teilen sie so in ein Vorher und ein Nachher. Das erinnert immer wieder auch an die Werke von Leo Tuor, von dem interessanterweise das Zitat auf der ersten Seite stammt. Auch Tuor erzählt in Miniaturen (Besprechung hier) von einem kargen Leben in den Bergen.

Lerch Erzählweise geht aber noch weiter, das ganze Werk wird auf drei Figuren verdichtet. Stellenweise versinkt die Erzähler*in fast vollständig mit ihren Figuren. So nahe ist die Erzählstimme beim Erleben und Denken der Figuren. Die Sprache ist wahnsinnig genau, findet jeweils die richtigen Worte, um das Fühlen der Männer auszudrücken.

Willkommen im Tal der Tränen von Noëmi Lerch.

Als wäre dem nicht genug, wird jede Miniatur von einer Illustration unterstützt. Die Illustrationen stammen vom Künstlerkollektiv Walter Wolff, bestehend aus Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch. Weiss auf schwarzem Grund stechen die Illustrationen ins Auge und untermalen die poetischen Miniaturen. In diesem Zusammenspiel entfaltet sich eine noch grössere Wirkung des Textes. Durch die komplett schwarz/weiss gehaltenen Illustrationen ist es am Text, die Farbe zu liefern.

Müsste ich Willkommen im Tal der Tränen mit irgendetwas vergleichen, dann am ehesten mit Hans-Jakob Sibers wunderbarem Experimentalfilm Die Sage vom alten Hirten Xeudi und seinem Freund Reiman, wo das abgeschiedene Leben auf der Alp in einem psychedelischen Farbenmischmasch dargestellt wird. Aber ganz ehrlich, Vergleiche braucht Noëmi Lerchs Werk gar nicht, es steht ziemlich gut auf eigenen Beinen. Dazu kommt, dass hier nicht nur die Texte und die Illustrationen überzeugen, das Buch selbst rundet das Ganze zu einem Gesamtkunstwerk ab. Wenn alle Bücher dermassen schön und liebevoll gestaltet und aufgemacht wären, ich glaube, mehr Menschen würden wieder Bücher kaufen.

Willkommen im Tal der Tränen von Noëmi Lerch.

Noëmi Lerch: Willkommen im Tal der Tränen.

Mit Zeichnungen von Walter Wolff.

290 Seiten.

die brotsuppe.

Website zum Buch

Zum Buch: bedruckter Einband (Leinen) · farbiges Vorsatzpapier (schwarz) · farbiges Papier (jede zweite Seite schwarz) · Lesebändchen (schwarz) · fadengeheftet

Mehr über die Bücher von die brotsuppe:
Bei der Rezeption des Filmes «Babettes Fest» ist Verlegerin Ursi Anna Aeschbacher der Name für ihren Verlag entgegengesprungen: die brotsuppe. Eine gute Brotsuppe, so Aeschbacher, verhelfe zur Begegnung, zu einem Miteinander, genauso wie dies Bücher auch tun. Seit 2003 entstehen in Biel hochwertige Ausgaben von Werken Schweizer Schriftsteller*innen, ergänzt durch einige Übersetzungen.





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