Die Wölfin/ La luffa von Leo Tuor.

2002 wurde Leo Tuors Die Wölfin/ La luffa erstmals im rätoromanischen Original veröffentlicht, damals noch unter dem Titel Onna Maria Tumera ni Ils antenants. Zwei Jahre später erschien eine erste deutsche Übersetzung von Peter Egloff. Der nun vom Limmat Verlag veröffentlichte Band vereint diese beiden Versionen in einem Buch, in überarbeiteter Fassung und unter geändertem Titel. Diese neue, im bedruckten Leineneinband daherkommende, Version, darf man getrost als die ultimative Fassung von Leo Tuors Werk verstehen.

Oria, la basatta veliandra, schai cul nas ensi enta letg sut ils ponns pesanca, clauda liungs muments ils egls. Ins vesa mo il tgau el plumatsch alv. Il tgau ha si capetsch alv da pézs sco las tattas ellas praulas ch'ein enta letg.

In Miniaturen erzählt manchmal ein Ich-Erzähler, manchmal ein auktorialer Erzähler von einem Bub und seinem Leben mit den Grosseltern. Der Junge wird von allen nur Bub genannt, weil er den gleichen Namen wie sein Vater trägt. Dieser Name wird im Dorf nicht mehr in den Mund genommen, da sich sein Vater nach einem schweren Jagdunfall umgebracht hat und eine Frau und fünf kleine Kinder zurückgelassen hat. Deshalb ist der Bub auch bei seinen Grosseltern gelandet.

Geprägt ist die Kindheit des Buben von seiner Grossmutter, der Stammesfürstin, und ihrem einarmigen Mann, genannt Turengia, dem Grossvater des Jungen. Während die Grossmutter wenig spricht und still die Geschehnisse lenkt, zitiert der belesene Grossvater wild aus Moby Dick oder einer Biografie über Napoleons Zeit auf Sankt Helena. In einfacher und poetischer Sprache fokussiert jede Miniatur auf eine Erinnerung, eine Beobachtung, ein Zitat oder eine Frage. Nach und nach erwirkt sich daraus ein komplexes Gefüge, das den Gefühlshaushalt des Buben nachzeichnet.

Oria, die greise Stammmutter, liegt Nase zur Decke unter schweren Federbetten, schließt für lange Momente die Augen. Man sieht nur den Kopf im weißen Kissen. Und auf dem Kopf die weiße Spitzenhaube der Großmütter, die in den Märchen im Bett liegen.

In Versatzstücken erzählt, greift Die Wölfin viele Themen auf. Das Verlassenwerden von Vater und dann Mutter, die Unbekümmertheit mit dem Grossvater, das Finden des eigenen Selbst, die Verschworenheit einer Dorfgemeinschaft, das Leben in den Bergen. Erinnert hat mich das an Tamangur von Leta Semadeni, die auch in Miniaturen von einem Leben bei der Grossmutter in den Bergen erzählt. Anders als bei Semadeni hat Tuors Werk aber noch eine ungemein komplexere Struktur (dies ist schon alleine durch die Länge bedingt). Durch die Miniaturen fliegend merkt man lange nicht, wie komplex das Gefüge der einzelnen Textbausteine ist. Die poetische Wirkmacht der Zitate, Erinnerungen, Beobachtungen und Fragen, die aus dem Leben dieses Buben erwachsen, ist überwältigend.

Tuors Miniaturen sind selten länger als eine Seite. Links ist jeweils die rätoromanische Fassung, rechts die deutsche Übersetzung abgedruckt. Bei den wenigen Miniaturen, die über eine Seite Länge haben, wurde penibel darauf geachtet, dass die beiden Versionen den gleichen Inhalt je Seite aufweisen, weshalb das Original stellenweise einen grösseren Einzug aufweist. Peter Egloffs Übersetzung ist sehr genau, übernimmt stellenweise bis auf den Nebensatz genau die Satzstellung des Originals. Trotzdem gelingt es Egloff, die einfache und poetische Sprache des Ursprungstextes einzufangen und zu bewahren.

La luffa ist in ihrem Kern eine Ahnengeschichte, erzählt als Familiengeschichte. Wo gehört man selbst hin in einer Reihe von Ahnen? Was macht man, wenn man den gleichen Namen wie der Vater trägt, dessen Name aber nicht genannt werden darf? Genauso wenig wie der Bub eine Antwort auf diese Fragen weiss, wird sie Leo Tuors Werk beantworten. Vielleicht auch, weil es darauf keine endgültigen Antworten gibt, sondern nur Versuche. In Versatzstücken erzählt Leo Tuor von einem solchen Versuch. Die einfache Sprache verschleiert dabei lange, welch komplexe Konstruktion hinter diesem Werk steht.

Die Wölfin/ La luffa von Leo Tuor.

Leo Tuor: Wie Wölfin/ La luffa.

Aus dem Rätoromanischen von Peter Egloff.

Zweisprachige, überarbeitete Ausgabe von 'Onna Maria Tumera ni Ils antenants'.

Originalveröffentlichung 2002.

Deutsche Erstveröffentlichung 2004.

368 Seiten.

Limmat.

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Zum Buch:
bedruckter Einband (Leinen) · farbiges Vorsatzpapier (rot) · Lesebändchen (grau) · Klebebindung

Zum Verlag:
Seit 1957 erscheint im Limmat Verlag Sachliches, Literarisches, Lyrisches, Spannendes, Fotografisches und Übersetztes. Der Verlag hat sein Zuhause in Zürich.

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