Ich habe mich kürzlich dazu entschieden die Arbeit unabhängiger Verlage verstärkt zu würdigen. Auf BookGazette werden deshalb in Zukunft nur noch äusserst selten einzelne Posts zu Büchern aus grossen Verlagen erscheinen. Bücher aus solchen Verlagen werden nun verstärkt in Zweier- oder Dreierpäckchen geschnürt und mit ein paar kurzen Gedanken bedacht und nicht zwingend mit ausufernden Rezensionen. Es schreiben ja eh schon viele über die Randomhouses dieser Welt. Das ist alles natürlich nicht in Stein gemeisselt, eine wechselnde Meinung behalte ich mir hier einmal vor. Aber vorerst werde ich das Ganze mal so umsetzen und den Start für diesen Versuch machen zwei sehr unterschiedliche Romane: Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou und Mittagsstunde von Dörte Hansen.

Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou

Cover Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou

Schon wieder ein Buchpreisbuch, ist halt auch Buchpreissaison. Die Hochhausspringerin war für den Schweizer Buchpreis nominiert, vergeben wurde der Preis dann aber an Peter Stamm. Der Roman erzählt von Riva, einer Hochhausspringerin (mehr oder weniger basejumping von Hochhäusern), die sich plötzlich weigert zu trainieren. Die Wirtschaftspsychologin Hitomi wird von Rivas Sponsoren beauftragt, Riva zu überwachen und möglichst schnell wieder ins Training zu befördern. Hitomi als Ich-Erzählerin schildert uns dann ihren Alltag, der meist daraus besteht vor Monitoren zu sitzen und Riva zu beobachten und zu beeinflussen. Gleichzeitig zeichnet sich auch immer mehr ein Bild der Welt ab, in der Riva und Hitomi leben. Die Menschen sind alle zweckoptimiert, wer der Gesellschaft nicht dient, wird der Stadt verwiesen und muss in den Peripheren leben.

Der erste Gedanke, der mir beim Lesen der Hochhausspringerin kam war, weshalb eigentlich Dystopien das einzige Sub-genre fantastischer Literatur sind die auch in Literatur- und Feuilletonkreisen Anklang finden? So ist ja auch beispielsweise Hysteria von Eckhart Nickel (Rezension) ein Buchpreisbuch, welches dem Genre der Dystopie zugeordnet werden kann. Aber andere Formen fantastischer Literatur die auch sonst Anklang finden, sind mir keine bekannt. (Post zu diesem Umstand folgt irgendwann.)

Warum dieser Exkurs: Die Hochhausspringerin ist gut geschrieben, aber keine berauschende Dystopie. Die ganze Welt hat zu viele Unschlüssigkeiten und Unstimmigkeiten, die nicht aufgehen. Des Weiteren ist die Story eher belanglos und hat eindeutig zu Vieles, das nicht ausgesprochen wird. Es ist bis zum Ende nicht klar, weshalb Riva nicht mehr trainieren will oder weshalb Hitomi sich immer mehr in den Beobachtungen Rivas verliert.

Kurzum: Beklemmende Welt mit vielen Logiklücken und eher belangloser Story. Trotzdem liest sich “Die Hochhausspringerin” recht schnell und packend.

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin, erhältlich als Hardcover und E-book, 288 Seiten, Hanser Berlin. Mehr auf der Verlagsseite


Mittagsstunde von Dörte Hansen

Cover Mittagsstunde von Dörte Hansen

Dörte Hansen war mir bisher noch nicht bekannt, was für eine sträfliche Unterlassung. Mittagstunde erzählt von Ingwer Feddersen und seiner Familie, alle im Dorf Brinkebüll aufgewachsen. Ingwer, mittlerweile auf die fünfzig zugehend, nimmt ein Sabbatical um seine Grosseltern Ella und Sönke zu pflegen, daheim auf ihrem Hof und ihrem Landgasthof, im sich auflösendem Dorf. Kaufen kann man dort schon lange nichts mehr, die wenigen Bauern dies noch gibt haben moderne Höfe und riesige Nutzflächen und auch Sönkes Wirtshaus hat seine besten Zeiten lange hinter sich. Dorthin kehrt Ingwer, der sich im hundert Kilometer entfernten Kiel niedergelassen hat zurück, er hat noch einiges gutzumachen. Mit einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht, erzählt Mittagsstunde von einem sich auflösenden Dorf.

Mittagsstunde ist ganz grosses Kino, mit Zartheit und Liebe wird hier der Verfall (und der sanfte Neubeginn) eines Dorfes oder viel eher einer eingeschworenen Gesellschaft geschildert. Wer, wie ich, auf dem Land aufgewachsen ist, wird sich sofort an eigenen Jugenderinnerungen abarbeiten, egal wo dieses Dorf gestanden hat, sei es wie im Roman in Norddeutschland oder wie bei mir im Emmental. Mittagsstunde ist aber und dies ist vielleicht die grösste Errungenschaft des Buches, nie verklärerisch. Es hat nichts mit Heimatkitsch und Dorfschmonzette gemeinsam was hier geschieht.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weissen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen.

Nebst dessen ist Mittagsstunde einfach fantastisch geschrieben, der nebenan zitierte erste Satz, zeigt schon auf, wo da die Reise hingeht. Man erlaube mir hier auch noch die letzte Buchpreisbemerkung des Tages, weshalb Dörte Hansens Roman dort gefehlt hat, es ist mir ein Rätsel. Eine ganz klare Leseempfehlung für dieses sanfte, unaufgeregte und gerade auch deshalb so gute Buch.

Dörte Hansen: Mittagsstunde, erhältlich als Hardcover und E-book, 320 Seiten, Penguin. Mehr auf der Verlagsseite