Das Eis-Schloss von Tarjei Vesaas.

Eine Geschichte, die sich um zwei Mädchen dreht. Siss und Unn. Eine Geschichte, die auf einem Dorf spielt, im ewigen Eis. Auch im Sommer bleibt der See fast ganz zugefroren, nur für wenige Wochen ändert er seine elementare Form. Eine Geschichte, die in glasklarer Sprache von diesen beiden Mädchen und von diesem ewigen Eis erzählt.

Unn ist erst seit kurzem im Dorf. Sie wohnt bei ihrer Tante, seit sie ihre Mutter verloren hat. So richtig integrieren in ihre Schulklasse mag sie sich nicht. Siss, die Anführerin der Klasse, fühlt sich zu ihr hingezogen. Nach anfänglichem Zögern verabreden sich die Mädchen. Es kommt zu einem Treffen, die ersten Knospen einer Freundschaft zwischen den elfjährigen Mädchen erblühen. Vieles bleibt aber auch noch unausgesprochen zwischen den beiden, weshalb sich Unn am nächsten Tag nicht bereit fühlt, Siss in der Schule zu begegnen. Kurz entschlossen macht sie einen Ausflug zum lokalen Wasserfall, dort soll es ein “Eis-Schloss” zu bewundern geben. Ideales Ziel also, für einen Tagesausflug.

Unn blickte in eine Zauberwelt aus kleinen Zinnen, Dachwölbungen, bereiften Kuppeln, weichen Bögen und verworrenem Spitzengeklöppel. Alles war Eis, und das Wasser spritzte dazwischen hervor und baute weiter.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss, S. 50.

Tarjei Vesass (1897-1970) gilt als einer der bedeutendsten norwegischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Anders als die meisten seiner Landesgenossen, hat er aber nicht in der “Buchsprache” Bokmål, sondern im an den ländlichen Dialekten angelehnten Nynorsk geschrieben. Die ländlichen Regionen spiegeln sich nicht nur in der Wahl seiner Sprache, sondern auch in den Motiven seiner Romane wider. So spielt auch Das Eis-Schloss unverkennbar auf dem Land, es spielt “in einer jener Gemeinden, die es in unserer brutalen, hässlichen Zeit nicht mehr geben könnte”, wie Doris Lessing im Nachwort treffend anmerkt. Der Roman ist, im besten aller Sinne, aus der Zeit gefallen, zeigt ein Dorfleben, das es so nicht mehr gibt. Doch die Abgeschiedenheit des Dorfes erlaubt dem Roman auch eine Konzentration: auf diese beiden Mädchen und auf das allumspannende Eis.

Vesaas braucht nur wenige Sätze und schon sind wir mittendrin in der Gefühlswelt dieser beiden Mädchen. Gehen in freudiger Erwartung mit Siss mit, sie ist auf dem Weg zu Unn. Der erste Besuch.

Ein lautes Krachen mitten in diese Gedanken, in diese Erwartung.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss, S. 7.

Begleitet wird Siss bereits da vom Eis, es macht sich als krachender Gedankenzerstäuber bemerkbar. Die ungeheure Kraft des Eises wird zum ersten Mal begreifbar, trotzdem ist das Krachen fröhlich, es ist Zeichen der Stärke des Eises. Und so wird es für den Rest des Romanes sein, zwischen der Gefühlswelt der beiden Mädchen steht nur das Eis, mit seiner beinahe magischen Wirkung.

Vesaas Sprache ist schlicht, die Sätze kurz. Zudem hat sie eine mitreissende Qualität, die zwischen Bedrohung und Poesie oszilliert. Gerade die Beschreibungen der Natur und des Eises, sind stellenweise mythologisch-magisch überhöht, besitzen aber glasklaren Ausdruck. Gewisse Passagen erinnern sprachlich, andere motivisch, an die Erzählung Bergkristall von Adalbert Stifter, einfach mit weniger Pathos vorgetragen.

Es bleibt ein Rätsel, wie mit so einfacher Sprache so viel Atmosphäre geschaffen, so viel mitreissende Kraft erzeugt werden kann. Es ist auch Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel zu verdanken, dass die Qualitäten der Sprache Vesaas in der deutschen Übersetzung erhalten geblieben sind. Schmidt-Henkels Übersetzung besticht durch diese einfache Sprache mit ihrer grossen Kraft, wenn nötig schreckt sie aber auch nicht vor Neuschöpfungen wie “Angstabgrund” zurück. Trotzdem passt beides bestens zusammen, der Angstabgrund steht nicht im Widerspruch zur restlichen Sprache des Romans. Im Gegenteil, er steht kaum hervor, so gut fügt er sich in die restliche Sprache des Romans ein.

Is-slottet ist in Norwegen ein Klassiker, viele betrachten den Roman als eines der vollkommensten Werke von Tarjei Vesaas. In für den Guggolz Verlag gewohnt herausragender Übersetzung und Ausstattung, liegt Das Eis-Schloss nun endlich wieder in einer deutschsprachigen Ausgabe vor. Es ist ein zeitloses Werk, losgelöst von Zeit und Raum zieht es einen in den Bann, der auch nach der letzten Seite noch nicht ganz gebrochen ist. Es gibt da nur Eis, ewiges Eis. Und die Freundschaft zweier Mädchen. So kühl wie die eisigen Motive des Romanes bleibt man als Leser*in eindeutig nicht, die glasklare Sprache und die tiefen Einblicke in das Gefühlsleben dieser Mädchen erwärmen das Herz.

Das Eis-Schloss von Tarjei Vesaas.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss.

Aus dem Norwegischen (Nynorsk) von Hinrich Schmidt-Henkel.

Originalveröffentlichung 1963.

Mit einem Nachwort von Doris Lessing.

208 Seiten.

Guggolz.

Website zum Buch

Zum Buch:
bedruckter Einband (Karton) · farbiges Vorsatzpapier (bordeauxrot) · Lesebändchen (dunkelgrau) · fadengeheftet

Zum Verlag:
Der noch junge (2014) Guggolz Verlag stellt nur vier Bücher pro Jahr her. Diese Bücher sind allesamt Übersetzungen, entweder komplett neu übersetzt oder als Neuausgabe. Ganz im Sinne von Trüffelsuchenden werden hier vergessene Werke wieder sichtbar gemacht. Immer auch entsprechend kommentiert und um Nachworte versehen. Der Verlag erhielt 2017 den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung.

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