Imagine Africa 2060.

“Imagine Africa 2060” ist eine Zukunftsvision. 10 afrikanischstämmige Autor*innen haben für diesen Band Erzählungen darüber geschrieben, wie sie sich Afrika im Jahr 2060 vorstellen. Herausgekommen ist die besagte Zukunftsvision. Wie man es erwarten kann, sind sich die Autor*innen selten einig wie Afrika 2060 denn genau aussehen könnte. Von der farbenfrohen Utopie bis hin zu ihrem düsteren Gegenstück, der Dystopie, vom intimen Familiendrama hin zur politischen Botschaft, der Bogen, der ausgespannt wird, ist weit. Innerhalb dieses weiten Bogens erreicht dieser Band besonderes, er zeigt Vielfältigkeit auf, ohne diese zu bewerten. Einerseits spiegelt er die Vielfältigkeit afrikanischer Literaturen und Erzähltraditionen. Andererseits zeigt der Erzählband aber auch die Vielfältigkeit von Science-Fiction respektive der Utopie als Genre auf.

Die Vielfältigkeit afrikanischer Literatur zeigt sich bereits in den Sprachen, die Beiträge dieses Bandes wurden aus dem Französischen, dem Englischen und dem Portugiesischen von Michael Kegler, Jutta Himmelreich und Gudrun Honke übersetzt. Die spannendere Vielfalt ist aber natürlich eine Andere, die der Stoffe und dort tauchen trotz Unterschieden immer wieder auch Gemeinsamkeiten auf. Beispielsweise verhandeln sowohl Ellen Banda-Aaku in “Froschauge” als auch Chika Unigwe in “Amara for President” die Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft. Während Banda-Aakus Protagonistin bereits etabliert ist, als Präsidentin der “New League of Africa”, kandidiert die Protagonistin Unigwes erst für ein präsidiales Amt. Beiden Protagonistinnen ist gemein, dass sie in einem Spannungsfeld stehen und Aussenwirkung und innere Überzeugung zu verbinden suchen und auch gerade da, mit ihren Ahnen in Konflikt stehen. Der Kampf um Macht respektive der Kampf um politische Stellung, wird in beiden Erzählungen als intime Geschichte aufgegleist, die den Protagonistinnen sehr viel näher ist als den äusseren Geschehnissen. Diese Visionen des Jahres 2060 haben zwar im Äusseren mit einer veränderten Gesellschaft zu tun, im Innern geht es aber immer noch darum, den Platz in der Welt als Frau zu finden.

Ganz andere Töne schlägt beispielsweise Tendai Huchu an, der in seiner Erzählung “Data Farming” mit Science-Fiction Elementen arbeitet. Ein solcher Ansatz findet sich etwa auch in “Organoide” von Nii Parkes wieder, Parkes erzählt von einer Zukunft, in der Organe künstlich hergestellt werden können. Beide Autoren bleiben aber nahe bei ihren Figuren, die Zukunft wird auch bei ihnen nicht durch die äusseren Umstände erfahrbar, sondern durch die vorhandenen (oder gerade durch die nicht mehr vorhandenen) Familienkonstellationen. Bei Parkes geschieht dies durch die eigene Grossmutter, deren Weisheit auch dem Hochschulabgänger noch weiterhilft, wohingegen es bei Huchu die künstliche Intelligenz ist, sowohl Partnerin als auch die Angestellten sind nicht mehr aus Fleisch und Blut.

Papierfranzosen. Ihre zahlreichen Warnungen waren ohne Wirkung auf ihre Nachkommen geblieben, die sich immer für Franzosen gehalten hatten. Ihre Kinder mussten die schmerzliche Erfahrung machen, dass Frankreich niemals in Erwägung gezogen hatte, dass sie für immer blieben.

Aya Cissoko: Die Rückkehr, S. 63.

In der so eindrücklichen wie bedrückenden Erzählung “Die Rückkehr” erzählt Aya Cissoko von einer Umkehr. Die zweite und die dritte Generation der Auswanderer aus Mali muss genau dorthin zurück. Frankreich will sie nicht mehr. Auch die Grossmutter, Auswanderin der ersten Generation, muss mit ihren Kindern und Enkeln zurück nach Mali, ein Umstand, der ihr bedeutend leichter fällt als den Folgegenerationen. Trotz diesem Ausgangspunkt ist Cissokos Erzählung nicht nur betrüblich, im Gegenteil, der erzwungene Weggang wird zur Chance für das verlassene Land. Mit wenigen Worten zeichnet Cissoko ein eindringliches Bild einer Zukunft aber auch der Vergangenheit im Exil, das nun unverschuldet wieder verlassen werden muss.

Vielfältigkeit kann vieles sein, gerade in einem Erzählband kann sie aber auch durchaus lästig oder störend sein, zwingt sie doch den Leser, immer mit neuen Konstellationen und Konzepten zu hantieren. Das ist die Vielfältigkeit von “Imagine Africa 2060” nicht. Es ist eine berauschende Vielfalt. Wobei natürlich auch in diesem Erzählband der eine oder andere Lückenfüller gelandet ist. Aber die Zukunftsvisionen der Autor*innen sind vielfältig, ihre Geschichten bestechen durch intime Porträts und genaue Beobachtungen. Allen Visionen ist gemein, dass die Vergangenheit bewahrt wird und ebendiese Vergangenheit die Zukunft erklärt. Die Vergangenheit ist dabei selten hinderlich, erst durch die eigene Tradition wird wiederum klar, wer man selbst ist. Die Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit entsteht aus Vergangenheit. Ein lesenswerter Erzählband.

Imagine Africa 2060.

Christa Morgenrath, Eva Wernecke (Hg.): Imagine Africa 2060.

Mit Erzählungen von José Eduardo Agulasua, Ellen Banda-Aaku, Ken Bugul, Aya Cissoko, Youssouf Amine Elalamy, Tendai Huchu, Sonwabiso Ngcowa, Okwiri Oduor, Nii Parkes, Chika Unigwe.

Übertragen von Michael Kegler, Jutta Himmelreich und Gudrun Honke.

192 Seiten.

Peter Hammer.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Im Peter Hammer Verlag werden schwerpunktmässig Literatur aus Afrika und Lateinamerika sowie Bilder- und Kinderbücher verlegt. 2009 wurde der in Wuppertal ansässige und 1966 gegründete Verlag mit dem Kurt Wolff Preis ausgezeichnet.