Reportagen #44

Ein meiner Meinung nach zu Unrecht vernachlässigtes Genre ist dasjenige der literarischen Reportage. Als Retter in der Not hat sich das hier vorgestellte, schlicht “Reportagen” betitelte Magazin hervorgetan. Reportagen erscheint seit 2011 alle zwei Monate und vereint jeweils sechs literarische Reportagen auf gut 130 Seiten.

Da erst kürzlich die Januar 2019 Ausgabe des Magazins erschienen ist und ich die Zeitschrift seit gut fünf Jahren abonniert habe, dachte ich, es sei an der Zeit, ihr auch einmal einen Beitrag zu widmen. Das Magazin ist immer gleich aufgebaut. Im Vorgeplänkel hats ein Editorial, Rück- und Ausblicke sowie Werbung. Danach folgen die Reportagen, immer sechs Stück, fünf davon aktuell und eine jeweils als historische Reportage. In der Folge hat es noch einen kurzen Schlussteil mit einem Interview mit einem der Autoren und wiederum Werbung. Der Reportagenteil ist immer und seit jeher frei von Werbung.

Gut gemachte Reportagen vermögen es, den Leser unvermittelt am Geschehen teilhaben zu lassen. Sie machen ihn zum Teil der Geschichte und somit auch zum Zeugen des Zeitgeschehens. Die Komplexität einer Krisensituation, die Vielfältigkeit eines Themas, lassen sich wunderbar in einer gut gemachten Reportage verhandeln. Anders als in fiktionalen Texten ist die Reportage natürlich der Wahrheit anders verhaftet, da es um real existierende Personen und Themen geht. Eine Reportage berichtet vom Zeitgeschehen und oftmals auch von den subjektiven Eindrücken des erzählenden Ichs. Urheber und Erzähler stehen hier in einer direkteren Beziehung, es ist nicht selten der Reporter selbst, der als Ich-Erzähler spricht. Und damit erhebt sich auch der Unterschied zum Zeitungsartikel, ein erzählendes Ich hat seinen Platz in der Reportage, etwas was man im Zeitungsartikel normalerweise zu vermeiden sucht.

Warum diese ausholenden Worte? Die Reportage als Textform wird oft missverstanden. Als literarischer Text kann sie oftmals genauso gut sein wie dies der beste fiktionale Text ist, gleichzeitig ist sie aber auch über das Zeitgeschehen hinaus relevant. Hier sehe ich aber das grosse Missverständnis, nur weil aktuelle Themen behandelt werden, bedeutet dies nicht, dass eine Reportage nur für kurze Zeit aktuell und lesenswert ist. Natürlich ist auch bei einer Reportage der Zeithorizont jeweils unterschiedlich, je nach Zeitspanne und Thema der Reportage. Die Reportagen im Reportagen-Magazin sind oftmals auf einen breiteren Zeithorizont aufgeteilt, grössere Zusammenhänge werden gesponnen und oftmals werden die zentralen Personen über Wochen oder Monate begleitet. Meist ist dies genau die Perspektive, die man braucht. Die Unmittelbarkeit von Geschehnissen lässt diese fast immer in einem falschen Zusammenhang stehen. Erst mit etwas Distanz und Kontext lassen sich die Dinge im berechtigten Rahmen beurteilen. Deshalb erachte ich Reportagen als ein so wertvolles Mittel der Verständigung, erst durch diese zeitlich distanziertere Textform lassen sich Ereignisse und Geschehnisse besser beurteilen und austarieren.

In Reportagen #44 finden sich verschiedenste Themen: Matthias Fiedler schreibt über die Altersarmut in den USA und die zunehmende Bevölkerungsschicht der Wanderarbeiter, die auch weit ins Pensonsalter hinein arbeiten müssen. Juliane Schiemenz schildert die aktuelle Flüchtlingssituation in Gambia, ein Grossteil der Bevölkerung verlässt das Land in Richtung Europa. Anhand eines Einzelschicksals, demjenigen von Lamin, einer der wenigen der bleibt und bleiben will, wird dabei die grössere Problematik eines Landes verhandelt. Mireille Zindel berichtet persönlich und intim über den Verlust der eigenen Tochter, die aufgrund eines Gendefekts wenige Tage nach der Geburt sterben musste. Marc Bädorf wiederum porträtiert einen Hobbyforscher, der glaubt auf Google Earth ein Wikingerschiff entdeckt zu haben und sich auf eine Expedition auf nach Grönland macht. Zum Schluss detailliert Sabine Riedel den Kohleausstieg in Deutschland. Anhand verschiedener Bergmännergeschichten erleben wir, was der Kohleausstieg für grosse Bevölkerungsteile der deutschen Kohleabbaugebiete bedeutet. Zum Schluss, in der historischen Reportage, wurde eine verkürzte Version eines Textes von Jeremias Gotthelf gedruckt, welcher ein Unwetter im Emmental 1837 behandelt.

Leider muss hier angefügt werden, dass die aktuelle Ausgabe #44 zwar interessante Geschichten erzählt, die Reportagen literarisch aber nicht immer zu überzeugen wissen und diese Ausgabe, der literarischen Qualität wegen, eine der schwächeren ist. Natürlich geht es mir aber weniger um die konkrete Ausgabe, als viel eher um das Magazin “Reportagen” als Gesamtwerk. Das auch ansonsten hochwertig aufgemachte Magazin ist sehr zu empfehlen, gerade auch weil es einer unterschätzten Gattung ein Zuhause bietet. Reportagen lesen lohnt sich und “Reportagen” hat sich als probates Mittel dazu hervorgetan.
Website zur Ausgabe


Reportagen #44

mit Reportagen von Matthias Fiedler, Juliane Schiemenz, Mireille Zindel, Marc Bädorf, Sabine Riedel und Jeremias Gotthelf.

136 Seiten.

Puntas Reportagen.