*innen – Frauengeschichten

Nick Lüthi

Geschichten über das Frau-Sein, über Rollenbilder, Stereotypen, eingekrustete Denkmuster und Vorurteile. Nach dieser Art Geschichte wurde in der öffentlichen Ausschreibung für die Anthologie «*innen – Frauengeschichten» aus dem VHV-Verlag gesucht. Nach erfolgreichem Crowdfunding liegen die besten Erzählungen nun in einem schmucken Sammelband vor und stellen sich der Frage, ob die Ziele der Ausschreibung damit erreicht worden sind.

*innen – Frauengeschichten

Obwohl das Buch ein sehr schön gestaltetes ist – perfektes Format, schwarze Trennseiten und Klappbroschur – startet es eher mässig, um das besagte Ziel zu erreichen. Die erste Geschichte (Der stete Anstieg von Kerstin Meixner), die aus der Ich-Perspektive von einer jungen Frau und den Wanderungen mit Mutter und Grossvater erzählt, ist denkbar plump und wirkt durch die stark moralisierende Botschaft, die darin vermittelt werden soll, witzlos und überfrachtet. Der Grossvater bestellt auf diesen Wanderungen jeweils “Brühwurst mit Krautsalat”, schneidet die Wurst ein, füllt die Einschnitte mit Ketchup und bezeichnet das besagte Machwerk schlussendlich als “Spalt einer Bäuerin”.

Natürlich, das ist im besten Falle noch ein richtig dummer Witz, aber wohl viel eher ein dumm-erbärmlicher Ausdruck jahrhundertelanger patriarchaler Machtstrukturen. Aber, aus diesem durchaus spannenden und beachtenswerten Ausgangsthema macht die Erzählung rein gar nichts, weil alles, was literarisch damit möglich wäre, von der moralisierenden Botschaft überlagert wird. Es wird nicht reflektiert, warum der Grossvater dieses Verhalten zeigt, warum er es als selbstverständlich betrachtet, sich so vor seiner Tochter und seinen Grosstöchtern zu benehmen, was genau an dieser Art von “Männerhumor” so problematisch ist und es wird vor allem nicht reflektiert, warum Tochter und Grosstöchter dieses Verhalten berechtigterweise abstossend finden. Die Erzählung beschränkt sich einzig auf die Botschaft, dass man das bitteschön einfach so richtig scheisse finden soll. Das ist auch in Ordnung, hat aber wenig mit Literatur zu tun.

Den grössten Fehler, den man nach der ersten Geschichte machen könnte, wäre nicht weiterzulesen, denkend, alle Erzählungen würden dem Muster der ersten folgen. Denn, der einzige Reinfall des Bandes steht tatsächlich an dessen Anfang. Bereits die folgende Erzählung Betti zieht sich aus von Frauke Angel zeigt, wie man Themenfelder wie dasjenige der Pornografie literarisch gewitzt und vielfältig umsetzen kann. Die Themen der folgenden Geschichten sind vielfältig, reichen von Familienkonstellationen und Mitläuferinnen bis hin zu Abtreibungen und dem Kampf gegen Vorurteile bei der Arbeit. Die Erzählungen sind nicht nur motivisch vielfältig, sondern auch literarisch äusserst divers, was bei einer Anthologie mit 16 Beiträgen durchaus erwartbar ist. Vereint werden die Geschichten thematisch über die gesellschaftlichen Konstruktionen des Frau-Seins, indem sie literarisch viel zu oft ausgeschwiegene oder nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit betrachtete Themen auf erfreulich unaufgeregt-gewitzte Art und Weise beleuchten.

Ja, wir müssen es über uns ergehen lassen. Wir müssen mitspielen. Je besser wir mitspielen, umso schneller wird es vorbei sein. Hauptsache wir kommen da raus. Alle vier. Und danach? Wie lebt man danach?

Ulrike Helms: Unter unserer Würde, S. 45-50.

Am eindrücklichsten gelingt dieser Einblick in weibliches Erleben Ulrike Helms mit der grossartigen Erzählung Unter unserer Würde. Auf knapp sechs Seiten beschwört Helms ein Horrorszenario herauf, das schlussendlich gar keines sein wird, in diesem einen Moment den sie nacherzählt, ist aber alles möglich und denkbar, ja, darf gar nicht ausgeschlossen werden, was passieren könnte oder wird. Und genau dadurch zeigt Ulrike Helms, was die besten Geschichten in diesem Band können, sie vermitteln. Zeigen auf, wie unterschiedlich Frauen und Männer immer noch denken, denken müssen, denn Situationen, müssen je nach Geschlecht unterschiedlich beurteilt werden, stellen eine andere Bedrohung, einen anderen Einschnitt ins eigene Leben dar.

*innen – Frauengeschichten ist eine Fundgrube, eine Anthologie, die eindrücklich vom Frau-Sein, von Rollenbildern und von Klischees erzählt. Beeindruckend am Band ist, dass dies (bis auf eine Geschichte), nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gemacht wird. Es geht nicht darum aufzuzeigen, was richtig oder falsch ist, sondern wie unterschiedlich menschliches Erleben sein kann, je nachdem, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Was kann man sich mehr erhoffen, von einer Anthologie, die Frauengeschichten erzählen will?

*innen – Frauengeschichten.

*innen – Frauengeschichten.

Mit Erzählungen von Kerstin Meixner, Frauke Angel, Maik Gerecke, Ulrike Helms, Anne Büttner, Stefanie Schweizer, Gloria Ballhause, Birgit Rabisch, Cornelia Becker, Holger Heiland, Frank Schliedermann, Katharina Körting, Daniel Klaus, Chat, Jan Fischer, Bernd Lüttgerding.

198 Seiten.

VHV.

Website zum Buch

Zum Buch: Klappbroschur · farbige Trennseiten (schwarz) · Klebebindung · limitierte und nummerierte Auflage

Mehr über die Bücher des VHV Verlags:
«Anspruchsvolle Kurzprosa», so beschreibt der VHV-Verlag das eigene Programm. Der 2017 gegründete Berliner Verlag will eine Experimentierplattform sein für Literarisches und dabei aufstrebende Autor*innen veröffentlichen.





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