Geza ist Spitzenkoch. Auf der ganzen Welt herumreisend, bekocht er seine Klienten direkt in deren heimischen Küche. Er kocht aber nicht mit Gas- oder Elektroherden, nein, er ist ein sogenannter “Book’n’Griller”: hochwertige und seltene Erstausgaben russischer Klassiker dienen ihm als Brennholz. Im Jahr 2037 werden Bücher nicht mehr hergestellt, sind deshalb umso seltener. Lesen bedeutet auch nicht mehr Buchstaben mit den eigenen Sinnen zu erfassen, lesen heisst einen Book’n’Griller zu bestellen und dessen Speisen zu kosten, dieser “liest” für seine Klienten.

Geza ist Teil eines Kollektivs von Köchen, welche sich alle jeweils auf eigene Nischen spezialisiert haben um ihrem illegalen Broterwerb möglichst unbeschädigt und unbefangen nachkommen zu können. Bücher werden in dieser Dystopie zwar nicht mehr hergestellt aber, anders als etwas in Fahrenheit 451, sind die Bücher als wertvolles Kulturgut anerkannt und im Besitz von Museen oder staatlichen Institutionen, deshalb ist auch die Machenschaft der Book’n’Griller gesetzlich verboten.

Die von Sorokin gezeichnete Gesellschaft ist vordergründig gut funktionierend und weniger furchteinflössend als diejenige von Ray Bradburys Fahrenheit 451, Bücher sind ja anerkannt und als wichtig beachtet. Wenn man sich das Ganze aber genauer überlegt, ist diese Welt eine viel beklemmendere, eine in der die Bücher zwar existieren, nicht aber im klassischen Sinne gelesen werden. Anders als bei Bradbury haben wir es hier mit einem “nicht-lesen-wollen” zu tun, nicht mit einem “nicht-lesen-können”.

Was mir, je mehr ich über diesen Roman nachdenke, auffällt ist, wie vielschichtig das Ganze ist und auf wie vielen Ebenen hier hantiert wird. Da sind einerseits die Klienten von Geza, die sich in unendlicher Dekadenz teure Erstausgaben verbrennen lassen, um damit gerösteten Fisch zu verköstigen. Da sind andererseits die Köche selbst, die, Hauptsache Geld, sowas wie Ethos nicht zu kennen scheinen. Drittens ist da aber auch eine literarische Abhandlung des Kanons eingepfercht in dieses Spannungsfeld aus Geldgier und Dekadenz.

Man mag die Köche und ihre Klienten als Spiegel lesen: Der Inhalt von etwas (hier: Bücher) hat seine Bedeutung verloren und die Form ist alles. Es hat keinen Einfluss mehr was Nabokov geschrieben hat, es reicht völlig, dass es Nabokov ist und wie gut dieser brennt. Das ist natürlich bitterböse und extrem zynisch wie hier eine moderne Gesellschaft karikiert wird, aber gerade dadurch auch so beklemmend. Weder Geza noch seine Klientel stellen ihre Handlungen je infrage, völlig unhinterfragt wird hier die Literaturgeschichte verbrannt. Die wenigen die noch lesen oder schreiben, tun dies auf äusserst belanglose und gleichgültige Weise, wie dies durch eine eingeschobene Erzählung (unnötig und langweilig) im Roman unterstrichen wird.

Versteckt hinter dieser dystopischen Machtordnung versteckt sich aber auch eine dritte, bereits angesprochene Ebene, es ist dies die literarische Aufarbeitung des Kanons. Sorokin versteht es sehr geschickt, immer wieder den Stellenwert einzelner Autoren und Werke innerhalb des russischen Kanons zu verorten und umzudeuten. Dies geht über blosses Namedropping hinaus und hat mir noch einmal den Blick geöffnet für die russische Literatur und deren Bedeutung. So wurden etwas Klassiker wie Lolita als Hologrammfilme neu verfilmt, orientiert haben sich die Erzeuger dieses Machwerkes aber nicht am Buch (wie man meinen könnte), sondern natürlich an der filmischen Vorlage Stanley Kubricks.

Ein Meisterwerk wie vom Verlag angepriesen ist Manaraga nicht. Aber eine beklemmende Dystopie, die es schafft eine vordergründig simple Geschichte zu erzählen, gleichzeitig aber auf anderen Ebenen weitere Dinge zu besprechen. Insbesondere das Ende wirft die ganze Geschichte noch einmal in ein neues Licht. Gerade für diejenigen die russische Literatur mögen und denen auch die russischen Klassiker nicht ganz fremd sind, lohnt sich hier ein Blick. Und dies muss auch gesagt sein: Von den Dystopien, die ich dieses Jahr bisher gelesen habe, ist Manaraga ganz klar die beste.

Website des Verlags zum Buch

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs, hier rezensiert als Hardcover, 256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch


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