Nicht wie alle Andern von Ferdinande von Brackel

Nicht wie alle Andern von Ferdinande von Brackel.

Ferdinande von Brackel (1835–1905) ist eine weitere Schriftsteller*in, die man zu den Vergessenen hinzuzählen muss. Genauso wie Gutti Alsen, Auguste Hauschner oder Ricarda Huch war auch Ferdinande von Brackel zu ihren Lebzeiten eine gefeierte und vielgelesene Schriftstellerin, die heutzutage kaum mehr bekannt ist und deren Werk auch von der Wissenschaft grösstenteils unbeachtet geblieben ist (Hauschner bildet da zumindest teilweise eine Ausnahme). Im Wehrhahn Verlag ist nun eine Neuedition einer ihrer Novellen erschienen.

Alfred von Rotteck gilt als die beste Partie des Landes und als dieser, endlich dazu entschlossen zu heiraten, in seine Heimatstadt zurückkehrt, soll er möglichst schnell verkuppelt werden. Die geeignete Kandidatin ist dabei schnell gefunden, Hedwig, die jüngste der Comtessen Reusch soll es sein. Hübsch, reiches Elternhaus, eine mindest ebenso gute Partie wie Graf von Rotteck. Das Leben hat aber natürlich andere Pläne als Mutter und Gesellschaft. Als Anna von Kilmenau, die Tochter eines engen Freundes des Vaters, Alfred in einer gerichtlichen Angelegenheit um Hilfe ersucht, ist dieser gerne bereit, ihr weiterzuhelfen. Und so nimmt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte ihren Lauf.

Von Brackels Novelle ist auf viele Arten und Weisen aussergewöhnlich. Zeichnet sich aber durch zwei Dinge besonders aus: das feine Gespür der Autorin für Tempo und Rhythmus und die Dialoge. Eigentlich passiert nicht viel in dieser Novelle, ein Adeliger kommt in seine Heimat zurück, besucht Bälle und alle reden, reden und reden. Ferdinande von Brackel versteht es aber, die Szenen so zu konstruieren, dass Tempo und Rhythmus einen mitreissenden Wechsel entstehen lassen. Wenn sich beispielsweise die gesamte Gesellschaft zu einem Ball trifft, beginnt alles gemächlich. Wie die Musik wechselt, so wechselt auch das Erzähltempo, so wechseln die Tanzpartner, Alfred findet sich in den Armen von Hedwig wieder. Nach dem schnellen 3/4 Takt des Walzers spitzt sich der Abend auf eine Konfrontation von Alfred und Anna zu und klingt danach leise und sanft aus, als Alfred alleine im Raum zurückbleibt.

Durchsetzt sind diese geschickt rhythmisierten Passagen von sehr feinen Dialogen, die immer auch von Ironie Gebrauch machen. Die Dialoge unterstützen dabei das restliche Erzählprogramm und werden auch genutzt, um das Bild der adligen Gesellschaftsschicht zu zeichnen. Wenn etwa Baron Gleiwitz, nachdem er Anna von Kilmenau zum ersten Mal gesehen hat, meint:

So wird bereits im Dialog die gesellschaftliche Stellung des Barons, als auch des Mannes allgemein angeklungen (er urteilt und erobert) aber auch Anna von Kilmenaus Bild innerhalb der Gesellschaft wird vorgezeichnet. Gleichzeitig dient die Passage der erzählerischen Zäsur, die Erzählung schweift danach zu anderen Figuren weiter. Ferdinande von Brackel versteht es, Dialoge gekonnt einzusetzen und sowohl als Rhythmusinstrument als auch als Einblickmechanismus in diese adelige Gesellschaft zu nutzen.

Nikola Roßbach hat diese Neuausgabe der Novelle nicht nur ediert, sondern auch gleich mit einem tollen Nachwort versehen. Darin arbeitet sie im Besonderen die Stellung der Frau in der Novelle genauer auf und liefert auch den entsprechenden Kontext. Das ausgehende 19. Jahrhundert war auch eine Zeit des Wandels und des Umbruchs, Frauenbilder haben sich geändert und gerade auch in der Literatur wurden neue “weibliche Lebensentwürfe” getestet. Auch bei von Brackel war dies der Fall. Anna von Kilmenau ist eine ungewöhnliche Frau, die sich weder standesgemäss (als Adlige) noch ihrer Stellung als Frau gemäss verhält. Sie ist eben genau eine, die Nicht wie alle Andern ist, obwohl sie eigentlich so sein möchte wie alle anderen. Hedwig Reusch bildet den Kontrast dazu, diese möchte gerne aussergewöhnlich sein, ist es aber eben nicht. Gerade dadurch entfaltet Anna eine besondere Wirkung auf Alfred.

Anna ist in “geistlichen Dingen” den Männern ebenbürtig, streitet um ihr Recht dabeizusein und dazuzugehören. Ist in diesem Sinne also ganz klar Vorreiterin, ohne sich dessen aber wirklich bewusst zu sein. Roßbach betont deshalb auch, dass dieser neue weibliche Lebensentwurf ein moderater ist und immer noch innerhalb der gesellschaftlichen Norm verortet bleibt. Ist die Zeit gekommen, wird sich Anna klar unterordnen. Gerade durch diesen Gegensatz ist die Novelle auch so spannend auf das geschilderte Frauenbild zu betrachten, erste Anstösse zur Veränderung werden gegeben, die komplette Umwälzung, der Bruch mit der gesellschaftlichen Norm wird aber noch nicht zur Gänze angestrebt. Das hat auch damit zu tun, dass Ferdinande von Brackel eine katholische Aristokratin war, dementsprechend “[e]manzipatorische Umstürze” auch nicht zu erwarten sind.

Ferdinande von Brackel hat das gleiche Schicksal erlitten wie viele andere Autorinnen vor ihr, einst gefeiert und nun zu grossen Teilen vergessen. Die Novelle Nicht wie alle Andern zeigt, wie viel Freude und Lust es machen kann, diese herausragende Autorin wiederzuentdecken. Ein feines Gespür für Erzähltempo und Dialoge, erste Ausbrüche aus den gesellschaftlichen Erwartungen, ein spannendes Porträt eines langsam verschwindenden Standes, gepaart mit einer Liebesgeschichte. Kunstvoll verwebt von Brackel viele Ansätze in ihrer Novelle. Neben dieser Novelle hat Ferdinande von Brackel ein breites Werk hinterlassen, in dem es sicherlich viele weitere Entdeckungen zu machen gibt. Es ist an der Zeit, diese Autorin wiederzuentdecken.

Nicht wie alle anderen von Ferdinande von Brackel.

Ferdinande von Brackel: Nicht wie alle Andern.

Herausgegeben von Nikola Roßbach.

Mit einem Nachwort von Nikola Roßbach.

Reihe: Edition Wehrhahn 27.

168 Seiten.

Wehrhahn.

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Zum Buch: Broschur · Klebebindung

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