Vom Leben einer freien Schrift in der Buchwelt

Nick Lüthi

Wenn der deutsche Meister der Typographie eine neue Schrift entwirft, dann blickt die ganze Welt in diese Richtung. Nicht anders war es, als Erik Spiekermann in 2013 eine neue Schrift für die Mozilla Foundation entworfen hat: Fira Sans.

Vom Leben einer freien Schrift in der Buchwelt

Wobei ganz stimmt das ja nicht, entwickelt wurde Fira Sans nicht von Spiekermann alleine, massgeblich beteiligt am ursprünglichen Design war auch Ralph du Carrois und in späteren Versionen und Erweiterungen Anja Meiners und Botio Nikoltchev. Dass Spiekermann am meisten Aufmerksamkeit dafür erhält, liegt einerseits sicherlich an der Bekanntheit seines Namens, wie aber auch am simplen Fakt, dass Fira Sans auf der berühmten FF Meta aufbaut, die aus der Feder von Spiekermann stammt. Die FF Meta war eine der ersten Schriften, die nicht nur für Printprodukte konzipiert war, sondern auch auf Bildschirmen funktioniert hat.

Die digitalen Eigenschaften der FF Meta führt auch Fira Sans weiter, wurde die Schrift doch von der Mozilla Foundation (unter anderem verantwortlich für die Entwicklung des Firefox Browsers) für das mittlerweile gescheiterte Mobile Betriebssystem Firefox OS kommissioniert. Fira Sans ist damit, noch stärker als die FF Meta, eine “digital-first” Schrift. Eine Schrift, die auf den Bildschirmen zu Hause sein soll, nicht unbedingt gedruckt in Büchern, auf Postern oder Flyern. Diese digitale Heimat wird noch verschärft durch die Erweiterung Fira Go, die Zeichenunterstützung für verschiedenste Sprachen, Symbole etc. mitbringt und in einer einheitlichen Schriftfamilie vereint, denn es ist auch in digitalen Zeiten weiterhin eine Seltenheit, dass eine Schrift beispielsweise ein @ Zeichen hat, dass sich nahtlos in den restlichen Zeichensatz einfügt.

Es ist aber nicht nur diese konsequent aufs digitale ausgerichtete Attitüde, die die Fira Sans besonders macht, auch die Lizenz ist aussergewöhnlich: Sie ist nämlich frei (SIL Open Font). Dass eine Schrift mit der Qualität einer Fira Sans unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt wird, gehört für Schriften sicherlich nicht zur Norm. Im Gegenteil, gute Schriften unter solchen Lizenzen lassen sich an einer Hand (oder an zwei, drei Fingern) abzählen. Auch die Art der Lizenzierung zeigt wieder, woher und wofür die Schrift geschaffen wurde, denn in der digitalen Welt hat es sich längst eingebürgert, dass Software mit freien oder offenen Lizenzen verfügbar ist (sogenannte Open Source oder Freie Softwarelizenzen). Die Fira Sans ist also auch hier konsequent digital ausgerichtet. Aber, und dies ist nun das bekannte grosse Aber, trotz dieser konsequent digitalen Ausrichtung findet sich die Fira Sans immer wie mehr auch in gedruckten Produkten wieder.

Zu diesen Printmedien gehören, selbstverständlich, auch Bücher. Da mir die Schrift in der letzten Zeit immer wieder begegnet ist, durchaus auch prominent auf einigen Covern, wurde es Zeit, ein wenig nachzuforschen, wo diese Schrift gerne benutzt wird und wer es besonders gerne tut. Aufgrund dessen habe ich mich bei drei Verlagen umgehört. Der Kölner parasitenpresse, die Fira Sans zu einer der Hausschriften auserkoren haben, dem Mannheimer Kunstanstifter Verlag, der die Schrift immer wieder verwendet und dem Berliner Verlag VHV, der die Schrift im letzten Buchprojekt zum ersten Mal verwendet hat.

Für die Anthologie [*innen - Frauengeschichten] suchte ich nach einer Sans-Serif Schrift, die zwar auch geradlinig ist, jedoch gleichzeitig 'handschriftliche' bzw. 'organische' Qualitäten hat. Und da war ich dann recht schnell bei der Fira-Sans, da diese ja ein direkter Ableger der FF-Meta ist. Reizvoll war für mich auch der Aspekt, dass die Fira-Sans eigentlich nicht speziell für 'offline' Medien konzipiert ist. Ganz im Sinne der Anthologie verwenden wir die Fira-Sans also absichtlich nicht in der ihr einseitig zugesprochenen Rolle.

Andreas Vierheller, VHV-Verlag

Der Verlag VHV hat Fira Sans beim letzten Buchprojekt – eine Anthologie mit Erzählungen, die sich mit dem Frau-Sein, Rollenbildern und Klischees beschäftigt (*innen - Frauengeschichten) – ganz bewusst eingesetzt, wie Andreas Vierheller, der für die Gestaltung der Bücher des Verlags zuständig ist, erklärt. Einerseits, sollte es eine Schrift sein, die nicht zu geradlinig und konstruiert wirkt, andererseits wurde die Schrift aber auch gleich genutzt, um einen inhaltlichen Akzent zu setzen. Denn genau gleich wie die Anthologie mit der klassischen Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern spielt, spielt auch die Schrift mit dieser Rolle, wird die Online-Schrift doch explizit für ein Print-Produkt verwendet.

Vierheller schätzt an der Schrift ihre Vielseitigkeit und die Qualität, die für eine lizenzfreie Schrift ausserordentlich sei und eigentlich einer kommerziellen Schrift entspreche und ergänzt, dass die Schrift beim Verlag auch Verwendung fände, wäre sie denn nicht lizenzfrei. Ganz ähnlich hält es der kunstanstifter verlag, wie Verlegerin Suse Thierfelder erklärt. Die kunstanstifter verwenden Schriften immer projektbezogen und entscheiden gemeinsam mit den jeweiligen Buchgestalter*innen, welche Schrift am besten passt und eingesetzt wird. Es gibt also keine Vorliebe seitens des Verlags für die Schrift. Von daher ist es doch erstaunlich, dass verschiedene Gestalter*innen für sehr unterschiedliche Bücher schlussendlich immer wieder bei Fira Sans als Schrift gelandet sind, wie etwa Yi Meng Wu, die bei Vögel der Nacht konsequent auf Fira Sans gesetzt hat.

Am radikalsten wurde die Schrift sicherlich von der Kölner parasitenpresse ins Verlagsprogramm aufgenommen, zieren doch seit einem guten Jahr sämtliche Cover des Verlags Fira Sans. Verleger Adrian Kasnitz beschreibt die Entscheidung für die Schrift zunächst als Zufallsfund, der – nicht nur, aber auch – Verwendung fand, weil für eine griechische Anthologie eine Schrift mit griechischem Zeichensatz benötigt wurde, was von Fira Sans nicht nur unterstützt wird, nein, wie Kasnitz beschreibt, die Zeichen schmiegen sich zudem auch sehr schön an den lateinischen Satz. Den Autor*innen des Lyrikverlags wird es zwar freigelassen, ob sie sich eine Schrift mit oder ohne Serifen im inhaltlichen Teil wünschen, für die Cover wird die Schrift aber vorgegeben, da die unterschiedlichen und bunten Covermotive nach einer starren Schriftsetzung verlangten, um einen Wiedererkennungseffekt zu erzeugen, wie Kasnitz erläutert.

Ein Beispiel für einen konsequent mit Fira Sans gestalteten Band sind etwa die grossartigen Gedichte von Lidija Dimkovska. In Schwarz auf weiß wird das Grab schon im ersten Satz errichtet, war es doch «inbegriffen im Kaufpreis des Hauses». Die etwas verspielte Schrift steht da im Kontrast zu den Themen und Motiven der Gedichte, etwas, dass sich der Verlag immer wieder zunutze macht, indem Schriften, wie das Beispiel Dimkovska zeigt, gegen den Strich verwendet werden.

Also aus heutiger Sicht, würden wir Fira Sans vermutlich auch verwenden, wenn es keine freie Schrift wäre. Schon alleine, weil wir die Schrift so häufig verwenden. Aber wir haben uns ja dem Parasitären verschrieben und vermeiden es, Geld auszugeben, wo es unnötig ist. Wäre es keine freie Schrift, hätten wir sie wahrscheinlich niemals für uns entdeckt.

Adrian Kasnitz, parasitenpresse

Adrian Kasnitz ist der einzige der drei Verleger*innen, der meint, dass die Lizenzfreiheit der Schrift bei der Entscheidung für sie auch eine Rolle gespielt habe. Wie bei allen anderen auch, steht aber auch bei ihm die Qualität der Schrift im Vordergrund, auch er schätzt die Vielseitigkeit und Modernität der Schrift, die einfach sehr gut zu heutigen Texten passe.

Fira Sans ist eine Schrift mit vielen Qualitäten, hat trotz aller Ernsthaftigkeit etwas Verspieltes und funktioniert ganz offensichtlich, wie die drei erwähnten Bücher und Verlage zeigen, auch ganz hervorragend in gedruckter Form. Dass Erik Spiekermann Schriften entwerfen kann, hat er mittlerweile in mehr als drei Jahrzehnten bewiesen, es muss also nicht erstaunen, wenn eine von ihm entworfene Schrift durchdacht und auffallend ist. Auffallend ist aber Fira Sans nicht nur ihres Designs wegen, sondern auch aufgrund der gewählten Lizenz. Es mag ein Zufall sein, dass gerade alle drei vorgestellten Werke genauso aussergewöhnlich sind, genauso aus der Reihe tanzen, wie die darin verwendete Schrift, aber es scheint nur passend, dass diese Aussergewöhnlichkeit mit Fira Sans unterstrichen worden ist.

PS. Ja, dieser Artikel verwendet natürlich auch Fira Sans.

*innen – Frauengeschichten.

*innen – Frauengeschichten.

Mit Erzählungen von Kerstin Meixner, Frauke Angel, Maik Gerecke, Ulrike Helms, Anne Büttner, Stefanie Schweizer, Gloria Ballhause, Birgit Rabisch, Cornelia Becker, Holger Heiland, Frank Schliedermann, Katharina Körting, Daniel Klaus, Chat, Jan Fischer, Bernd Lüttgerding.

198 Seiten.

VHV.

Website zum Buch

Zum Buch:
Klappbroschur · farbige Trennseiten (schwarz) · Klebebindung · limitierte und nummerierte Auflage
Besprechung des Erzählbandes

Zum Verlag:
«Anspruchsvolle Kurzprosa», so beschreibt der VHV-Verlag das eigene Programm. Der 2017 gegründete Berliner Verlag will eine Experimentierplattform sein für Literarisches und dabei aufstrebende Autor*innen veröffentlichen.


Vögel der Nacht von Katharina Günther-Keßler und Mehrdad Zaeri.

Katharina Günther-Keßler, Mehrdad Zaeri: Vögel der Nacht. Acht absonderliche Nachtgeschichten.

Buchgestaltung von Yi Meng Wu.

52 Seiten.

Kunstanstifter.

Website zum Buch

Zum Buch:
geprägter Einband (Leinen) · bedrucktes Vorsatzpapier (Illustration) · fadengeheftet · schweres Papier
Besprechung des Erzählbandes

Zum Verlag:
Der 2006 gegründete und in Mannheim ansässige Kunstanstifter Verlag macht Bilderbücher für Erwachsene und Kinder. Im Zentrum steht dabei immer auch die Qualität der Illustration.


Schwarz auf weiß von Lidija Dimkovska.

Lidija Dimkovska: Schwarz auf weiß.

Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann.

Originalveröffentlichung 2016.

Reihe: Die nummernlosen Bücher.

66 Seiten.

parasitenpresse.

Website zum Buch

Zum Buch:
Broschur · Klebebindung

Zum Verlag:
Seit dem Jahr 2000 erscheinen in der Kölner parasitenpresse Gedichtbände. Gestaltet wird das Programm mit zeitgenössischer Lyrik aus dem deutschsprachigen Raum, wie auch mit übersetzten Texten. Dazu gesellen sich weitere kurze Formen in Prosaform.





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