Vier neu aufgelegte Werke grösstenteils vergessener Autorinnen.

Das die Werke Schreibender vergessen gehen ist wahrlich nichts Neues. Wenn jedes Jahr über 70’000 neue deutschsprachige Titel produziert werden, muss zwangsläufig vieles wieder vergessen werden. Diesen Kreislauf des Vergessens bedauert auch niemand, die meisten Werke gehen ja aus gutem Grund vergessen. Es gibt aber ein zweites Vergessen und dies ist ein sehr viel anderes. Bedeutende Werke, die nicht mehr aufgelegt werden, die in der Wissenschaft ignoriert werden und dann allmählich verschwinden, meist nur noch antiquarisch erhältlich sind. Dieses Vergessen, das Ungerechtfertigte, hat sowohl Frauen als auch Männer getroffen, gerade jüdische Schriftsteller*innen deren Werk vor oder während der Weltkriege entstanden sind. Aber wen wunderts, die Männer wurden meist (natürlich auch nicht immer) wieder aufgegriffen und aus dem Vergessen geholt. Die Frauen nicht. Das lässt sich ganz einfach belegen, am weiterhin männlich tradierten und verfärbten Kanon, also der Werke, die gemeinhin als wichtig, herausragend und stilbildend innerhalb einer Fülle an Werken angesehen werden. Wäre dem nicht so, wären Bemühungen wie Die Kanon nicht vonnöten, denn Die Kanon zeigt sehr schön, dass die landläufige Meinung, es hätten halt mehr Männer als Frauen geschrieben, schlichtweg nicht haltbar ist. Wer sich da noch tiefer einlesen will, dem empfehle ich diesen ausgezeichneten Artikel von Katharina Herrmann.

Man kann diese Entwicklung bedauern, man kann sie beklagen, schlussendlich gibt es aber nur eine Lösung: die Wiederentdeckung und Neuedition der Werke dieser vergessenen Autorinnen. Exemplarisch an vier Beispielen, möchte ich beleuchten, wie unabhängige Verlage genau diese wichtige Arbeit übernehmen und wieder dorthin Licht werfen, wo schon lange Licht hingehört. In den letzten 5 Wochen sind nämlich in drei Verlagen Werke erschienen, die dies verdeutlichen.

Der Homunculus Verlag holt mit “Requiem” von Gutti Alsen und “Der Tod des Löwen” von Auguste Hauschner zwei Werke jüdisch-deutscher Schriftstellerinnen hervor, die vielleicht auch wegen ihren geografischen Lebensmittelpunkten (Königsberg und Prag) vergessen gegangen sind. Der Weidle Verlag übersetzt mit “Flügel in Flammen” das Gesamtwerk von Dagny Juel und macht die norwegische Autorin zum ersten Mal überhaupt auf Deutsch zugänglich und die Edition Atelier legt den 1948 erschienenen Exilroman “Die dunklen Jahre” von Friederike Manner neu auf. Wer sich diese vier Werke (oder vorerst auch nur eines) zur Brust nimmt, der wird, so behaupte ich, keine Sekunde an der Bedeutung des jeweiligen Werkes zweifeln. “Requiem” ist ein expressionistisches Meisterwerk mit erstaunlich modernen Zügen, “Die dunklen Jahre” einer der bedeutendsten Exilromane über die NS-Zeit, “Der Tod des Löwen” einer der grossen Prag-Romane und das Gesamtwerk Dagny Juels schlussendlich, ein viel zu kurzes Gesamtwerk, das nicht vergessen gehen sollte.

In tabellarischer Form schaut dieses Protokoll des Vergessens dann so aus:

  • “Flügel in Flammen”: Das Gesamtwerk von Dagny Juel entstand vermutlich zwischen 1895 und 1901. Gesammelt veröffentlicht wurde es 1996 auf Norwegisch. Auf Deutsch waren ihre Werke bisher nicht verfügbar.
  • “Die dunklen Jahre”: Friederike Manners Roman wurde 1948 einmal aufgelegt, seither nie wieder.
  • “Requiem”: Gutti Alsens Novelle erschien 1929 in Erstauflage. Es blieb bei dieser.
  • “Der Tod des Löwen”: 1916 zum ersten Mal, 1922 zum zweiten Mal veröffentlicht, ist der Roman seither nicht mehr erhältlich. Die Ausgaben von 1916 und 1922 kosten so um die 1000 Euro.

Exemplarisch an diesen drei Verlagen zeigt sich eine wichtige Funktion, die vorwiegend von unabhängigen und kleinen Verlagen übernommen wird: Werke, die nicht erforscht und nicht zugänglich sind (viel Spass dem, der Werke von Gutti Alsen, Dagny Juel oder Friederike Manner ergattern möchte), werden wieder veröffentlicht und so überhaupt erst wieder rezipierbar. Erst wenn die Werke wieder verfügbar sind, besteht überhaupt die Möglichkeit, dass sie erforscht und eingereiht werden können. Ein gutes Geschäft sind solche Veröffentlichungen wahrscheinlich nicht, der Tausendste King oder Brown, wird wohl mehr Käufer hervorlocken als unbekannte jüdische, deutsche oder norwegische Schriftstellerinnen. Trotzdem sind es gerade die kleinen Verlage, die dieser Wiederentdeckung nachkommen, weil es hier eben nicht nur ums Geschäft geht, es geht um die Liebe zu den Büchern, zu ihren Inhalten und zu ihren Verfasser*innen. Man kann ihnen nicht dankbar genug sein für diese wundervolle Arbeit. Beim Lesen dieser Werke ging mir des Öfteren der Kinnladen runter, weil ich das lese und mir, in der mir eigenen, etwas naiven Art denke, “Wie kann man so etwas vergessen, wie kann ein so bedeutendes, berührendes Buch aus der kollektiven Erinnerung verschwinden”. Gerade die Romane von Gutti Alsen und Friederike Manner haben mich aufs Tiefste berührt und auch verfolgt. Deshalb auch im Sinne des heutigen Indiebookdays, erinnert euch der kleinen und unabhängigen Verlage, da geht es nie nur ums Geschäft, deren Bücher sind immer auch Herzensangelegenheiten.

Im Detail folgen nun Besprechungen der einzelnen Bücher, wer direkt zu einem Buch springen möchte, findet hier die Links dazu:

Flügel in Flammen von Dagny Juel

Flügel in Flammen von Dagny Juel.

Wenn man diesen Band mit seinen gut 180 Seiten in den Händen hält, blickt man erst verwirrt auf die Titelseite zurück, steht doch dort “Gesammelte Werke”. Vollends verwirrt ist man dann, wenn man sieht, der auf dem Titel vermerkte Essay von Lars Brandt, der beginnt schon auf der sechsundneunzigsten Seite. Ein Gesamtwerk von Nichteinmal 100 Seiten? Ja, die Fragen zu “Flügel in Flammen” sie stellen sich schon vor dem ersten gelesenen Wort. Versammelt ist hier wirklich das gesamte (überlieferte) Werk von Dagny Juel, einer norwegischen Schriftstellerin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es sind dies 5 kurze Erzählungen und Novellen, 4 Dramen und 14 Gedichte. Und das war’s. Mehr vom Werk Juels existiert nicht.

Da stellen sich natürlich sofort brennende Fragen: Warum ist das Werk Dagny Juels nur so kurz? Weshalb wurden jetzt die gesammelten Werke einer obskuren norwegischen Dichterin auf Deutsch veröffentlicht? Was für ein Werk hat Juel denn überhaupt hinterlassen? Ich werde in den nächsten Abschnitten versuchen, genau diesen Fragen zu begegnen und sie zu beantworten. Zuallererst muss man aber wissen, dass Dagny Juel die wohl bekannteste der hier versammelten Schriftstellerinnen ist und als Person durchaus nicht unbekannt ist. Ihr Werk aber schon.

Die Frage, weshalb Juels Werk nur so kurz sei, lässt sich heute natürlich nicht mehr in ihrer Gänze rekonstruieren, sind doch die meisten Briefe von Dagny Juel verbrannt oder verloren gegangen und auch bei vollständiger Überlieferung dieser, wäre sie vermutlich schwer zu beantworten. Lars Brandt geht im Nachwort ausführlich auf dieses Problem ein, ohne aber eine genaue Antwort liefern zu können. Die Frage lässt sich viel eher anhand verschiedener Indizien zu beantworten suchen. Juel war ihr ganzes Leben lang Zuarbeiterin verschiedenster anderer Schriftsteller, hauptsächlich von Männern. Sie übersetzte deren Werke etwa ins Deutsche oder Schwedische und machte sich für die Veröffentlichung der Werke in Literaturzeitschriften stark. Diese Mühen hat sie nicht auf ihre eigenen Werke ausgeweitet. Das ist der erste Fakt, der auch von Brandt rekonstruiert wird.

Als zweiten Fakt hat sie von ihrem Mann, dem bekannten polnischen Schriftsteller und Satanisten Stanisław Przybyszewski, nie Unterstützung erfahren, so hat er sie auch nie als Schriftstellerin wahrgenommen oder sie gar als solche vorgestellt. Diese Wahrnehmung von Dagny Juel wurde auch vom gemeinsamen Bekanntenkreis des Ehepaares, der immerhin Leute wie August Strindberg und Edvard Munch miteinschloss, geteilt. Juel wurde zwar allseits als Mittelpunkt, als intelligente Frau mit grosser Ausstrahlung, anerkannt, damit hatte es sich aber auch schon. Dagny Juel als mehr als ein hübsches Wesen wahrzunehmen, das kam den Herren ihres Bekanntenkreises nicht in den Sinn. Gleiches gilt übrigens generell in der Rezeptionsgeschichte von Dagny Juel, es gibt zwar ganze Monografien über sie, diese nehmen aber Fokus auf ihr Leben, die Tatsache ihrer Schriftstellerei interessiert auch dort höchstens peripher. Am einfachsten illustrieren lässt sich dies an ihrem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag, wo zwar erwähnt wird, sie sei eine Autorin, zugleich aber auch gesagt wird, berühmt sei sie wegen verschiedener Liaisons mit bekannten Künstlern (die historisch übrigens bestenfalls Gerüchte sind und kaum belegbar (was Brand im Essay aufzeigt)). Das Werk der Schriftstellerin wird in keinem Wort erwähnt und unvollständig gelistet. Es mag ein Zufall sein, dass sie einen schlechten Wikipedia-Eintrag hat, ist aber symptomatisch für die Rezeption von Dagny Juel, die nie so richtig als Schriftstellerin wahrgenommen worden ist.

Anhand dieser Indizien lässt sich vermuten, wie es zu diesem kurz gehaltenen Werk Juels kam, sie erfuhr keine Unterstützung in ihrem Bemühen, sogar ihr eigenes Bemühen galt den Werken anderer (Männer), dementsprechend lag ihr Schaffensfokus wohl auch nie auf dem eigenen Werk. Erschwerend kommt hinzu, dass Juel grosse Teile ihres Erwachsenenlebens in Armut verbracht hatte, wohl also mit dringenderen Anliegen beschäftigt war, als ihrem literarischen Output.

Die zweite Frage, warum dieses Werk jetzt auf Deutsch erscheint, die ist einfacher zu beantworten. Erstens ist es natürlich falsch und boshaft, Dagny Juel als obskure Dichterin zu bezeichnen. Ja, sie ging grösstenteils vergessen, wer aber ihr Werk liest, dem wird schnell klar, wie man ja bereits vermuten kann, dass sie zu Unrecht vergessen wurde. Es ist ein faszinierendes, wahnsinnig konzentriertes Werk, welches hier vorliegt. Zweitens verbrachte Juel grosse Teile ihres Lebens in Berlin und war dort Teil der Boheme. Hat also auch einen grossen Teil ihres Werks in Deutschland erschaffen und somit auch einen starken örtlichen Bezug zu Deutschland. Drittens wurde ihre Person durch einen 2015, auch im Weidle Verlag, veröffentlichten Roman, wieder etwas präsenter, diese Präsenz gab auch einen nicht unwesentlichen Anstoss zur Veröffentlichung, wie im Vorwort klar wird.

Was für ein Werk Dagny Juel hinterlassen hat, das war die dritte Frage, die sich mir stellte, es ist aber auch eine Frage, die sich erst im Rahmen dieser Veröffentlichung wirklich erschliesst, die Werke Juels alleine wären wohl nicht aussagekräftig genug. Die vorliegende Ausgabe enthält nicht nur ihr Werk, dieses wurde auch auf sinnvolle und sehr ausführliche Art und Weise kommentiert. Der anschliessende Essay von Lars Brandt, der, zugegeben, manchmal etwas gar pathoslastig ist im Ton, arbeitet die verschiedenen Stationen vom Leben Dagny Juels auf und versucht zu erklären, wie ihr Werk historisch zu deuten und verorten ist, vollzieht das Werk aber keiner tiefschürfenden literaturwissenschaftlichen Untersuchung. Aber ein so kurzes und knappes Gesamtwerk kann auch nur innerhalb biografischer Bezüge verstanden werden.

Juels Werk ist – egal ob Prosa, Drama oder Lyrik – stark konzentriert und folgt eigentlich immer zwei, bis drei, Liebenden. Meist stehen die Figuren in einer Dreieckskonstellation und wie Brandt im Essay herausarbeitet, sind es dabei meist die Frauenfiguren, die abgrundtief böse sind und den Männern nach dem Leben trachten. Den Kernpunkt ihres Werkes bilden sicherlich die vier Dramen, die grösstenteils auch zu Lebzeiten Juels veröffentlicht worden sind (nie aber auf Deutsch). Alleine aufgrund der Titel (“Der Stärkere”, “Wenn die Sonne niedergeht”, “Ravnegard”, “Die Sünde”) lässt sich erahnen, welche Schicksale die Liebenden erfahren werden. Sowohl in der Sprache wie auch in der Handlung bleiben die Figuren jeweils ganz bei sich und ihrem Begehren.

Die Werke erlauben es einem nicht, sie sich auf den ersten Blick zu erschliessen. Die Sprache ist so stark konzentriert, es ist zwingend notwendig, in dieser Konzentration vertieft zu suchen. Denn zugleich ist die Sprache auch sehr präzise. In der Lyrik finden sich oft auch Gegenüberstellungen und abgründige Gegensätze. Überhaupt wünschte ich mir beim Lesen der Lyrik Dagny Juels, dass es noch mehr Gedichte von ihr gäbe, die sind in Abgründigkeit und Tiefe bezaubernd.

Der Fluß strömt träge und tot
Voll von schmutzigem, klumpigem Blut
Des Bootes Segel ist flammend rot
Und über dem Mast schwebt naß
Ein freundlicher Geist: eine Fledermaus.
Dagny Juel, Flügel in Flammen, S. 40, erste Strophe eines namenlosen Gedichtes.

Diese Erstausgabe der gesammelten Werke Dagny Juels ist rundum gelungen. Denn Lars Brandt vollbringt hier auch als Übersetzer aussergewöhnliches. Die expressionistische Sprache Juels findet im Deutschen ein wohlklingendes neues Zuhause, Wörter wie “Sehnsuchtsauge” muss man sich dabei erst auf der Zunge zergehen lassen. Zudem ist das Buch auch ein haptisches Highlight, die fadengeheftete Broschur macht sich wunderbar in der Hand. Das gesamte Werk wirkt im besten Sinne altertümlich, sei es bei der Schriftwahl oder der Umschlaggestaltung. Kurzum, ein wirklich gelungenes Buch. Zudem wird damit ein bedeutendes Werk erstmals auf Deutsch zugänglich gemacht und Dagny Juel als Schriftstellerin aus dem Vergessen geholt.

Flügel in Flammen von Dagny Juel.

Dagny Juel: Flügel in Flammen.

Übertragen aus dem Norwegischen von Lars Brandt.

Mit einem Essay von Lars Brandt.

Originalveröffentlichung als Gesamtwerk auf Norwegisch 1996.

Entstanden in den Jahren 1893-1901.

176 Seiten.

Weidle.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Spezialisiert auf Literatur aus den 1920er und 1930 Jahren, bietet der Weidle Verlag seit 1993 eine Plattform für Wiederentdeckungen und Vergessenes. 2005 mit dem Kurt Wolff Preis ausgezeichnet, ist der in Bonn beheimatete Verlag auch für seine gestalterisch anspruchsvollen Werke bekannt.


Requiem - Dies schwarze Leid von Gutti Alsen

Requiem - Dies schwarze Leid von Gutti Alsen.

Seit ich begreifen musste, meine Einziggeliebte, dass der düstere Freier deine rührende Jugend bezwungen und dich fortgerissen, wild, in sein schwarzes Land, bin ich als Hülle nur zurückgeblieben meines einstigen Ichs.

Mit diesem Satz beginnt der schmerzerfüllte Abgesang einer Mutter auf ihre Tochter. Nachdem die Mutter ihren Schmerz in Worte gefasst und der Trauer der erste Raum zugestanden worden ist, beginnt sie den Verlust zu verarbeiten. Diese Verarbeitung geschieht durch das Nacherzählen der Lebensgeschichte ihrer Tochter, Ellen. Wir begegnen Ellen als Kleinkind, als zarte und engelsgleiche Gestalt, die sich dem Wohlgefallen ihrer Mutter nach entwickelt. Es folgen Beschreibungen und vor allem Beobachtungen der kurzen, intensiven Lebenszeit, gefärbt durch die Beziehung von Mutter und Kind. Immer erblickt aus dem Auge der Mutter. Ellen gedeiht vom Kleinkind zur selbstbewussten jungen Frau, die selbst Schriftstellerin werden will, genauso wie ihre Mutter. All diese Erzählungen werden überschatten von dem, was Leser*in und Erzählerin längst wissen, die Tochter, sie wird nicht über ihr zwanzigstes Lebensjahr hinauskommen, erklingt hier doch der Wehgesang an die verstorbene Tochter.

Es gibt drei Ebenen, auf denen man diesen Roman erkennen kann/muss, will man ihn den verstehen. Vordergründig geht es hier natürlich um einen Roman, mit Handlung, Figuren etc. Daneben, ist dieser Roman aber auch autobiografisch, gewidmet der Tochter von Gutti Alsen, die in jungem Alter verstarb. Und auf der letzten Ebene ist “Requiem” der Roman einer Vergessenen und selbst ein vergessenes Werk.

Beginnen wir aber mit dem Roman selbst. So wirkt das Werk zwar sprachlich stellenweise überholt und altertümlich, in der Geschichte und Art der Erzählung aber unglaublich modern. Die sehr berührenden und unter die Haut gehenden Schmerzensschreie der Mutter zu Beginn werden gekonnt und zum perfekten Zeitpunkt abgelöst von der Lebensgeschichte Ellens. Verwebt und subjektiv gefärbt ist in dieser Lebensgeschichte dann der wahnsinnig liebevolle Blick der Mutter auf die Tochter. Damit wird immer auch die Beziehung der beiden miterzählt. Diese Elemente wirken ungewohnt modern für eine 1929 erschienene Novelle. Der behütende, ja beinahe angsterfüllte Ton der ersten Lebensjahre wird abgelöst von einer Adoleszenzphase, in der die ersten Geheimnisse zwischen den beiden erwachsen, um schlussendlich im elterlichen Stolz auf die kluge, selbstbewusste junge Frau zu enden. Geprägt sind diese Passagen von wahnsinnig feinen Beobachtungen, sowohl die Gemütsregungen der Mutter als auch die von Ellen betreffend.

Nebst den beiden Frauen verblassen alle anderen Figuren, die tauchen jeweils nur auf, wenn sie unmittelbar mit den Leben und der Beziehung der beiden verknüpft sind. Ganz im Sinne expressionistischer Dichtung wird hier kein klassischer Romanaufbau verfolgt, sondern viel eher etwas, was man wohl einen Lebensbericht nennen kann, obgleich, auch wieder epochengerecht, komplett subjektiv verfärbt.

Auf der ersten Betrachtungsebene ist dies also ein handlungsarmer Roman mit wenigen Figuren, der sehr geschickt konstruiert ist und die Beziehung zweier Menschen sehr genau und gut beobachtet auslotet. Nun ist dieser Roman aber auch autobiografisch. An dieser Stelle vermischen sich zweite (autobiografisches Material) und dritte Ebene (Alsen als Vergessene, Requiem als vergessenes Werk) untrennbar. Die Rezeptionsgeschichte lässt sich nicht mehr vom Werk trennen, denn über Gutti Alsen ist wenig bis nichts bekannt. Man weiss, dass dieser Roman 1929, kurz nach ihrem Tod, erschienen ist. Man weiss auch, dass Alsen selbst eine Tochter hatte, die mit 20 Jahren verstarb. Damit ist aber der Wissensstand zu Gutti Alsen aufgearbeitet. Und somit ist auch klar, dass tiefergehende Aussagen zu den autobiografischen Bezügen dieses Romanes schlichtweg nicht möglich sind. Ganz im Sinne von “Write what you know” lässt sich mutmassen, dass dieses Werk in seiner Intensität und Strahlkraft nur möglich war, weil Alsen selbst die Rolle ihrer Hauptfigur im eigenen Leben bekleiden musste. Doch auch dies muss Vermutung bleiben, es ist schlichtweg zu wenig über die Stationen ihres Lebens bekannt, als dass mit Sicherheit mehr Bezüge geschafft werden könnten.

Nach intensiven Nachforschungen lässt sich nämlich folgendes sagen: Bis auf einen einzigen Forschungsartikel, der sich, auch nur peripher, auf ihr Werk bezieht, ist da, wo einst Gutti Alsen stand, eine riesige Leerstelle. Alsen und ihr Werk sind schlichtweg nicht erforscht und aufgearbeitet. Es gibt zwar zwei Lexikoneinträge (Lexikon der deutschen Literatur, Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts), die kennen beide aber nur Geburts- und Todesdatum und verweisen gegenseitig aufeinander. Es bleibt bei ihr aber nicht nur bei der Forschungslücke: Nebst “Requiem” ist von Alsen genau noch ein 26 seitiger Novellenband aus dem hochroth Verlag erhältlich. Alle anderen Werke (ein Roman, zwei Novellenbände und ein weiteres posthumes Werk) liegen nur in den jeweiligen Originalausgaben vor, die sehr selten sind und nie wiederaufgelegt wurden. Immerhin kann man eines ihrer längeren Werke jetzt wieder lesen, verstehen kann man es aber nicht in seiner Gänze. Es wäre gerade bei einem autobiografischen Werk immens wichtig, die Biografie der Schriftstellerin zumindest an den Eckpunkten zu kennen, um das Werk zu verstehen.

Wenn sich schon nicht die autobiografischen Bezüge thematisieren lassen, so kann man wenigstens das Vergessen thematisieren. Als Vertreterin des Expressionismus war Alsen von Beginn weg schlecht gestellt, haben doch eigentlich nur Männer dieser Richtung Aufnahme in den Kanon erfahren. Auch als Jüdin war es um ihr Werk schlecht gestellt, dasselbe Schicksal erfuhren viele Juden deren Hauptwerk vor oder während des Zweiten Weltkrieges entstanden sind. Erschwerend kommt bei ihr sicherlich auch noch hinzu, dass sie in Königsberg (heute Kaliningrad, Russland) beheimatet war, somit auch geografisch weit vom heutigen deutschsprachigen Raum entfernt lebte.

Das dieses Vergessen ungerechtfertigt ist, das wird jedem klar werden, der dieses Werk liest. Ist es doch modern und altertümlich zugleich, sprachlich überraschend und vielfältig. Hinzu kommt noch, dass es aufgrund seiner Länge ein für den Expressionismus aussergewöhnliches Werk ist, wurden doch die kurzen Formen bevorzugt. Aus gutem Grund, Gefühlen und Eindrücken eindringlich Ausdruck zu verleihen, ist in kurzen Formen bedeutend einfacher zu bewerkstelligen. Gutti Alsens Werk überzeugt aber auch gerade deswegen, die Novelle ist sehr geschickt konstruiert und weist eine ausgeklügelte Struktur auf. In schöner Broschur mit Klappcover kommt jetzt diese Neuausgabe daher, die der Fassung der Originalausgabe folgt. Es ist dem Homunculus Verlag hoch anzurechnen, diesen Schatz ausgegraben zu haben. Gutti Alsen gehört so was von nicht vergessen, gut haben wir jetzt alle die Möglichkeit, sie wieder zu lesen.

Requiem - Dies schwarze Leid von Gutti Alsen.

Gutti Alsen: Requiem. Dies schwarze Leid.

Originalveröffentlichung 1929.

180 Seiten.

Homunculus.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Der 2015 enstandene Homunculus Verlag spielt bereits im Namen mit dem Lebendimachen des Anorganischen. Es finden sich dementsprechend viele Vergessene im Erlanger Verlag wieder. Aber auch aktuelle Veröffentlichungen und Spiele gehören zum spannenden Programm, das immer eine hochwertige Aussatttung erfährt.


Der Tod des Löwen von Auguste Hauschner

Der Tod des Löwen von Auguste Hauschner.

In einem interessanten Referat von Ingeborg Fiala-Fürst wird Auguste Hauschner von ihr als “Urgrossmutter der Prager Deutschen Literatur” bezeichnet. Mit dieser Metapher greift Fiala-Fürst wesentliche Punkte über Hauschner und ihre Wahrnehmung auf, denn über die Urgrossmütter ist oftmals nicht wirklich viel bekannt, sie werden immer nur alt gedacht, stehen zeitlich vor den anderen Exponenten (in diesem Fall wären das etwa Max Brod oder Franz Kafka) und mit der “Prager Deutschen Literatur” wird der Geburtsort und Werksmittelpunkt Hauschners bereits mitgedacht. Obwohl sie einen grossen Teil ihres Lebens in Berlin verbracht hat (und viele Werke dort entstanden sind), blieb das böhmische Prag Mittelpunkt ihrer Werke, genauso wie dies für “Der Tod des Löwen” der Fall ist. Hauschner ist als einzige der hier vorgestellten Schriftstellerinnen einigermassen literaturwissenschaftlich erforscht. Um das aber in einen grösseren Kontext zu stellen: Der vorliegende Roman erschien 1916 zum ersten Mal, wurde 1922 ein weiteres Mal aufgelegt, seither aber nicht mehr. Also obwohl ihr Werk ein wenig erforscht ist, ist es nicht eines, dass zugänglich ist respektive war. Nun ist er aber wieder erhältlich, der – so heisst es auf dem Cover – “vergessene Prag-Roman”.

Es ist der Winter 1611. Über Prag steht ein rätselhafter Komet, der die Stadt in ein blutrotes Licht taucht. Der Kaiser, Rudolf II., scheint langsam aber sicher den Verstand zu verlieren. Geplagt von Verfolgungswahn wittert er hinter jeder Ecke Gestalten, die ihm niederträchtig gesinnt sind. Im hofeigenen Zoo haust, neben vielen anderen exotischen Tieren, ein imposantes Löwenmännchen:

Mehmet Ali war des Kaisers Liebling. Durch eine Weissagung waren ihrer beider Schicksale verknüpft: Des Löwen Ende sollte dem Monarchen Tod bedeuten.

Des Kaisers Verfolgungswahn wird nicht kleiner, als er feststellen muss, dass der Löwe nichts mehr fressen will. Besorgt von diesem Umstand und bedroht von seinem Bruder, Matthias, Kaiser von Ungarn, sucht Rudolf II. Alchemisten und Astronomen auf, die sowohl den Löwen als auch das schlechte Zeichen des Kometen umdeuten sollen. Da diese nicht helfen können, sucht er voller Verzweiflung schlussendlich beim Rabbi Löw nach Hilfe, verliebt sich aber dabei in dessen bildschöne Tochter Golde. Von ungestümer Liebe übermannt, zieht der liebestolle Kaiser in seine Schatzkammer zurück, um der Geliebten die letzten Schätze des Reiches zu eröffnen. Zieht dabei aber den Zorn seiner gebeutelten Knechtschaft auf sich.

Der Kaiser ist in der Novelle die Figur, die durch die Geschichte führt, wirklicher Protagonist ist er aber nicht, er ist viel eher konstanter Auslöser verschiedenster Ereignisse, der in Plätze geworfen wird und dort durch seinen Wahn Dinge in Gang bringt. Als Figur handelt er oft überraschend und sorgt für die eine oder andere heitere Szene, weil er auch ein klein wenig lächerlich ist. Schon ganz zu Beginn etwa, sagt er seinen engsten Vertrauten den Kampf an, überzeugt davon, diese seien zu seinem Bruder übergelaufen und hätten diesem die Treue geschworen. In seinem illusorischen Weltbild gefangen, ist er auch nicht mehr fähig, die Realität zu erkennen und entsprechend zu beurteilen und damit zeigt sich ein weiteres wichtiges Element dieser Novelle, das Übernatürliche.

Denn nebst einem gewissen Realismus ist diese Novelle Auguste Hauschners auch mystifiziert und dadurch überhöht, also übernatürlich. Das Übernatürliche beginnt bereits mit der Weissagung von Kaiser und Löwe und wird fortgeführt durch die Alchemisten und die Magie, die in diesem Kosmos durchaus ihren Platz haben. Der Kaiser sucht die Alchimisten auf, lässt sich von ihnen, im Dunkel der Nacht, Flüche heraufbeschwören und Weissagungen treffen, kann aber dort nicht mehr unterscheiden zwischen echt und übernatürlich. Diese Mystifizierung ist ein wichtiges und konstant vorkommendes Element im Erzählstrang. Die Geschichte lebt zudem auch von ihrer Atmosphäre und die wird durch ihren Handlungsort, Prag, vorgegeben und definiert. Hauschner beschwört hier ein bedrohliches Prag herauf, die Stadt ist durch den Kometen konstant in rotes Licht gehüllt, der wahngeplagte Kaiser erträgt Helligkeit nicht mehr und so findet alles in abgedunkelten Räumen, in den Katakomben oder in der Nacht statt. Es sind unter anderem auch diese Elemente, die Fiala-Fürst veranlasst hatten, Hauschner als Urgrossmutter zu bezeichnen, denn hier vorkommende Elemente (atmosphärische Düsternis, Golem, Magie, Alchemie) finden sich in späteren Werken der Prager Deutschen Literatur wieder, wie etwa in Meyerinks Golem und später dann bei Max Brod oder Franz Kafka.

Genauso wie Übernatürliches und Realistisches hier vermischt werden, vermengt Auguste Hauschner auch historische Akkuratheit mit freier Fabulierlust. Die Figuren sind (mit einer Ausnahme) alle historisch akkurat, die Ereignisse aber freie Erfindung, wie Veronika Jičínská im Nachwort noch einmal betont. Die Novelle hat somit einen Sonderstatus im Schaffen Hauschners, ist es doch der einzige historische Stoff, den sie in ihren Werken behandelt hat. Historisch akkurat sind nebst den Figuren auch die Radierungen, die in der Neuausgabe abgedruckt sind, sie entsprechen denjenigen der ersten Ausgabe von 1916. Überhaupt legt der Homunculus Verlag hier eine sehr schöne Ausgabe vor, die mit geprägtem Cover in Gold, bedrucktem Vorsatzpapier (Silhouette von Prag) und Fadenheftung daherkommt. Abgerundet wird die Ausgabe mit einem kurzen und präzisen Nachwort von Veronika Jičínská. So gehören Klassiker Neuausgaben gemacht, in wertiger Ausgabe und mit einem Nachwort versehen, dass die wichtigsten historischen Bezüge herstellt und kurz über die Autor*in informiert.

Wie auch bei allen anderen heute besprochenen Werken bleibt nur das Rätseln übrig, wie die Novelle vergessen gehen konnte. Fiala-Fürsts Metapher der Urgrossmutter liefert dabei ein erstes Indiz, werden diese doch gerne vergessen oder nur als Randnotiz noch so erwähnt. Begründet ist dieses Vergessen, wie auch bei allen anderen Werken, eindeutig nicht.

Der Tod des Löwen von Auguste Hauschner.

Auguste Hauschner: Der Tod des Löwen.

Mit Radierungen von Hugo Steiner-Prag.

Mit einem Nachwort von Veronika Jičínská.

Originalveröffentlichung 1916.

180 Seiten.

Homunculus.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Der 2015 enstandene Homunculus Verlag spielt bereits im Namen mit dem Lebendimachen des Anorganischen. Es finden sich dementsprechend viele Vergessene im Erlanger Verlag wieder. Aber auch aktuelle Veröffentlichungen und Spiele gehören zum spannenden Programm, das immer eine hochwertige Aussatttung erfährt.


Die dunklen Jahre von Friederike Manner

Die dunklen Jahre von Friederike Manner.

Die Ehe von Klara und Ernst ist an ihrem Tiefpunkt angelangt, die beiden so gut wie getrennt. Als aber 1938 Österreich vom Deutschen Reich einvernahmt wird, ändert sich alles. Ernst als Jude ist in grosser Gefahr und auch die Kinder der beiden sind als “Mischlinge” nicht sicher. Klara bleibt also, hauptsächlich der Kinder willen, aber auch aus Pflichtbewusstsein Ernst gegenüber. Als ersten Schritt verstauen die beiden ihre Kinder in der Schweiz und verbleiben vorerst noch in Österreich. Da wird aber die Lage auch für einen geschätzten jüdischen Arzt wie Ernst zu brenzlig und er muss fliehen. Die Stationen der Flucht sind vielerlei, von der Schweiz, über Österreich, hinunter in den Balkan. Mal alle zusammen, mal nur Mutter und Kinder. Vorläufige Endstation der Flucht wird Belgrad sein, wo Mutter und Kinder unterkommen werden. Zwischen den Jahren 1934 und 1945 erzählt Friederike Manner in ihrem Roman die Geschichte einer Familie, die in dieser Zeit öfters heimatlos ist, als dass sie ein Heim hat.

Klara ist mit Weitsicht gesegnet. So erzählt sie ihre Geschichte zwar in Retrospektive, weiss also schon von vornherein um die Wendungen der Geschichte, beweist aber auch im Tagesgeschehen einen klaren Blick für die Monster und Ungeheuer, die aus den Tiefen menschlichen Bewusstseins erwachsen werden. Immer wieder werden ihre eigenen Beobachtungen ironisch gebrochen. Das geschieht einerseits durch Galgenhumor, oft aber auch durch Bemerkungen in Klammern, die Vorgriffe machen und dadurch gegenwärtiges mit zukünftigem in Verbindung bringen. Überhaupt ist Klara als Hauptfigur Dreh- und Angelpunkt dieses Romanes. Die Ich-Erzählerin ist eine der komplexesten Figuren, die mir je in einem Roman untergekommen ist. Im einleitenden ersten Teil ist sie mit kontrollierter Wut unterwegs, juxtaposiert die Wut immer wieder mit Ironie und sehr bösem Galgenhumor (“Später kam er dann ins KZ., der arme Optimist, und hat sicherlich ein wenig Pessimismus dazugelernt.”). Beginnt aber bereits im zweiten Teil, die NS-Zeit mythologisch zu überhöhen und deuten (Fenriswolf). Gleichzeitig ist Klara aber liebende Mutter, die ihre Kinder aufs Äusserste verteidigt, nur um selbstreflexiv zu behaupten, eigentlich gar nicht mehr lieben zu können. Die streunende Katze nimmt die Familie dann trotzdem auf und beschenkt diese mit Milch, die sie sich selbst ja kaum gönnen. Ihren Mann Ernst liebt sie auch nicht mehr trotzdem bleibt sie und fühlt tief und innig für Ernst, beginnt aber auch ein Verhältnis mit einem anderen Mann. Kurzum, Friederike Manner zeichnet hier eine sehr komplexe Frauenfigur und zu keinem Zeitpunkt bezweifelt man deren Komplexität. Klara springt förmlich aus diesem Roman ins Leben.

Diese Ich-Erzählerin beschreibt die Wirrungen, die vielen Gedanken, die unfassbaren Ungerechtigkeiten, die einem in Kriegszeiten widerfahren können und ihr widerfahren sind. Durchstossen werden diese Beschreibungen auch zu Beginn schon durch die Perspektive der Überlebenden, die auf die eigene Vergangenheit zurückblickt. Denn bedrückender als die Flucht selbst ist schlussendlich das Nachher. Der Krieg ist zwar vorbei und überlebt, zurückgelassen wurden hier aber ganz andere Menschen mit schwerem Gepäck. Und gerade Klara hadert mit dem Gestus und der Verschwiegenheit der Nachkriegszeit. Dieser einzige Roman Manners ist stark autobiografisch begleitet, wie Polt-Heinzel im Nachwort aufzeigt. Die Stationen der Flucht und des Exils der Hauptfigur Klara, decken sich mit denen von Friederike Manner. Ein Roman der dermassen unter die Haut geht wie dieser, er wäre wohl in seiner Komplexität und inneren Wahrheit nicht möglich gewesen, hätte die Autorin nicht die gleichen Stationen erleben müssen.

Der Roman überzeugt zudem auch durch seine Sprache. Am Laufmeter stehen hier Sätze, die sind entweder so schön, oder so grässlich, dass es fast schon weh tut. Manchmal sind sie auch beides zusammen. Immer ist die Sprache eine der genauen Beobachtung und der vielen Handlungsmuster und -motive der Menschen. Und auch die Selbst-Reflexion ist zentrales Element. An den eindrücklichsten Stellen vermengen sich diese Facetten der Sprache und es entstehen Sätze die sind schön, zugleich grässlich, genau beobachtet und auch noch mit Selbst-Reflexion vermengt:

Vielleicht werde ich dennoch alt. Vielleicht wird das, was einst so heiß brannte, dann nur ein schwaches Glimmen sein; vielleicht werde ich vergessen, wie voll des Grauens diese Kriegswelt war; aber der Schrei: 'Frankreich hat kapituliert', dieser Schrei, in den eine Kindheit jäb abstürzte, wird bis zuletzt schauerlich in meinen Ohren klingen.

Friederike Manners Roman ist in der Edition Atelier zum ersten Mal seit der Originalausgabe 1948 wieder erhältlich. Es ist eine Schande, war dieser Roman so lange nicht mehr erhältlich. Evelyn Poltz-Heinzl anerkennt die Leistung der Wiederentdeckung als wichtig, sei doch der Roman, wie sie nüchtern feststellt, einer der drei grossen österreichischen Exilromane. Damit hat sie natürlich recht, dieser Roman respektive dessen Wiederentdeckung, ist aber viel mehr. Das ist schlichtweg ein fantastisches Buch. Wie ein so wichtiger, relevanter, beklemmender und einfach auch sauguter Roman vergessen werden konnte, es übersteigt meinen Horizont tausendfach. “Die dunklen Jahre” ist eine Sensation! Mit einer irrsinnig komplexen, vielschichtigen, widersprüchlichen Hauptfigur, die vom tiefen Mitfühlen über Galgenhumor in unbändige Wut wechselt, schildert der Roman die Irrungen und Wirrungen eines Krieges. Vorgetragen ist das Ganze in einer äusserst beeindruckenden und vielfältigen Sprache. Ein Meisterstück eines Romans! Lesen, und zwar sofort!

Die dunklen Jahre von Friederike Manner.

Friederike Manner: Die dunklen Jahre.

Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl.

Originalveröffentlichung 1948.

424 Seiten.

Edition Atelier.

Website zum Buch

Zum Verlag:
Zeitgenössische Literatur aus dem deutschsprachigen Raum bildet den Schwerpunkt der Edition Atelier. Ebenso finden im Wiener Verlag aber auch Literatur aus dem 20. Jahrhundert, phantastische Literatur und kürzere Texte ein Zuhause.


Wie zu Beginn dieses Artikels bereits angedeutet, es lässt sich nur vermuten, wie diese Werke vergessen werden konnten. Der offensichtlichste Aspekt ist klar, die Werke sind alle von Frauen geschrieben worden und geschichtlich war es leider einfach so, dass die Werke von Frauen marginalisiert worden sind und nicht die Aufmerksamkeit und Bedeutung erfahren haben, die ihnen eigentlich gebührt. Bei Alsen und Hauschner wird sicherlich auch die geografische Distanz eine Rolle gespielt haben, gerade Königsberg ist und war kaum auf der Landkarte deutschsprachiger Literatur verzeichnet. Bei Gutti Alsen und Friederike Manner vermute ich, dass die autobiografischen Bezüge der Werke und damit die starke Subjektivität auch eine Rolle gespielt haben könnte. Unabhängig der ursprünglichen Beweggründe, vergessen gehört keines dieser Werke. Dank dem Wirken unabhängiger Verlage sind sie nun endlich wieder erhältlich.

Das anfängliche Protokoll des Vergessens liest sich nun doch deutlich besser.

  • “Flügel in Flammen”: Erschien 2019 erstmals als kommentierte Gesamtausgabe.
  • “Die dunklen Jahre”: Seit 2019 wieder erhältlich.
  • “Requiem”: Seit 2019 wieder erhältlich.
  • “Der Tod des Löwen”: 1916 zum ersten Mal, 1922 zum zweiten Mal veröffentlicht, ist der Roman seit 2019 wieder verfügbar.

Genauso wie die Edition Atelier, der Homunculus Verlag und der Weidle Verlag vergessene Werke aus der Vergessenheit geholt haben, tun dies viele andere unabhängige Verlage auch, für die hatte es in diesem Artikel leider keinen Platz, sie haben aber immer in den normalen Beiträgen ihren Platz. Wer Blut geleckt hat und weiterhin mehr zu unabhängigen Verlagen vernehmen will, so gibt es hier eine noch kurze Liste mit Verlagen, unten hat es ein Formular für den Newsletter, Links für Instagram, Twitter und Mojoreads hat es dorten auch. Hier ist jeden Tag indiebookday, denn es gibt noch viel zu entdecken!